Ahlbeck - Nachdem Krieg, Feuer, Eisgang, schwere See und vier Jahrzehnte DDR-Wirtschaft meist nur noch Rudimente von ihnen hinterlassen hatten, sind die maritimen Bauwerke nach der Wiedervereinigung in neuer Pracht und größerer Anzahl als früher wieder erstanden. Zwischen den Seebädern Ahlbeck an der Grenze zu Polen und Boltenhagen nahe Schleswig-Holstein ragen heute 19 Seebrücken hunderte Meter von den Stränden ins Meer hinein.
Die Seebrücken, die mangels einer echten Brückenfunktion eigentlich Seestege heißen müssten, hätten sich zu einer wahren Touristenattraktion entwickelt, meint Christian Hardt vom Landestourismusverband Mecklenburg-Vorpommern. Auf den exklusivsten Brücken, wie jenen in Heringsdorf auf Usedom oder in Sellin auf Rügen, haben sich Gastronomie und kleine Läden angesiedelt, auch werden hier Kultur und Unterhaltung über dem Wasser geboten.
Die Seebrücken stellen zudem Abfahrts- und Zielpunkte eines zunehmenden Schiffsverkehrs zwischen den Bädern oder Inseln dar. Vor allem die Seebrücken auf der grenznahen Insel Usedom stehen hoch im Kurs als Startrampen für "Butterfahrten" nach Polen, auf denen man zollfreie Waren einkaufen kann. Überdies sind viele Seebrücken - wie etwa in Rerik oder Kühlungsborn - viel versprechende Standorte für Sportfischer, die es nach Meerforelle, Dorsch und Flunder gelüstet.
Deutschlands älteste Seebrücke steht nahe der polnischen Grenze in Ahlbeck auf Usedom und wird am 29. Mai 202 Jahre alt. Ihr historisches Brückenrestaurant überdauerte die DDR-Zeit und widerstand auch den Geschäftsideen eines US-Investors, der nach der Wende mit einem eigenwilligen Konzept auf dem besten Weg war, den Brückenpavillon in "eine Pommes-Bude auf Pfählen" umzufunktionieren, bis die Gemeinde das Vorhaben stoppte.
Usedom besitzt nicht nur die älteste, sondern mit einem am Strand von Heringsdorf errichteten 508 Meter langen Prunkbau auch die längste Seebrücke Deutschlands. Ihre Länge wird in Europa nur von Seestegen in Südengland übertroffen. Die Heringsdorfer Seebrücke, die ein Restaurant weit draußen am Brückenkopf sowie eine Vergnügungsplattform auf halber Länge besitzt, ist als einzige im Land aus Tropenholz gebaut.
Auch andere Seebrücken haben ihre Besonderheiten. So speichert die Seebrücke von Graal Müritz bei Rostock am Tage mit einer eigenen Solaranlage die Energie, die sie in der Nacht für die Beleuchtung braucht. Als teuerste unter den öffentlich geförderten Seebrücken gilt, mit 20 Millionen Mark Gesamtinvestitionen, das Selliner Prachtstück auf Rügen, das mit Türmen, Kuppeln und den Restaurants "Palmengarten" und "Kaisergarten" aufwarten kann.
Ein tragisches Ereignis prägt die Geschichte der Seebrücke in Binz auf Rügen. Die Brückenkonstruktion in dem schon damals mondänen Ostseebad brach am 28. Juli 1912 unter der Last von hunderten Ausflüglern zusammen. Trotz sofortigen Rettungseinsatzes der Besatzungen mehrerer auf Reede liegender kaiserlicher Kriegsschiffe ertranken 17 Menschen. Die Tragödie gab den endgültigen Anstoß zur Gründung der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, deren Mitglieder noch heute für Sicherheit in den Ostseebädern sorgen.
Lutz Jordan
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