Von Alexander Kanellakis
Im Gegensatz zu den Häfen der großen Klöster von Athos, an denen unsere kleine Reisegesellschaft am Tag zuvor vorbeigeschippert ist, ist der Anlegeplatz von Agia Anna sehr einfach gebaut. Zum Gästehaus sind es keine 1000 Meter - aber 2000 Stufen nach oben. Ein Maultier trägt unser Gepäck, wir steigen zu Fuß hinauf. Die Unterkunft für Gäste ist ebenso ärmlich wie die der Mönche und zum Essen gibt es Nudelsuppe ohne Gewürze. Es ist schließlich Fastentag.
Ankunft am Anlegesteg von Agia Anna: 2000 Stufen hinauf zur nächsten Einsiedelei
Vor dem Souvenirladen der Einsiedelei (hier gibt es Weihrauch, Gebetsschnüre und Ikonen), treffen wir Cem Özdemir. Er hat mit einer Gruppe deutscher und griechischer Freunde den Berg Athos (2033 Meter) bestiegen aber wegen schlechter Sicht nicht viel gesehen. Dafür hat er sich über eine Gruppe rumänischer Mönche geärgert, die zunächst die Abfälle ihres Bergpicknicks ganz vorbildlich in einer Plastiktüte sammelten, diese dann aber - begleitet von einem kurzen Gebet - vom Felsen warfen.
Eine Ikone ist eine Ikone ist eine Ikone
Pater Ioannis ist einer der bedeutendsten Ikonen-Maler auf Athos, und wir machen uns auf den Weg, ihm einen Besuch abzustatten. Für die Mönche ist das Malen von Ikonen eine Art persönliches Gebet. Sie lassen sich nicht gern dabei über die Schulter schauen. Zusammen mit drei jüngeren Griechen steigen wir 600 Treppen hinab und schlagen den Weg zu Ioannis' Einsiedelei ein. Auf unser Klopfen an der Tür, erscheint ein junger, gut aussehender Schüler des Malers und sagt, der Meister sei gerade zu Bett gegangen (19 Uhr). Aber als er unsere enttäuschten Gesichter sieht, will er sehen, was er machen kann.
Republik Athos: Auf dem östlichen Finger der griechischen Halbinsel Chalkidike
Der Piraten-Mönch
Pater Arsenios, lebt seit 23 Jahren im Kloster Dionysiou. Wir treffen ihn bei einem Kloster-Rundgang auf dem Friedhof, und weil ich auf seiner Schürze einen Totenkopf und zwei Knochen wie auf einer Piratenflagge sehe, frage ich ihn, ob er der für die Gebeine zuständige Mönch sei. Schließlich hat jeder Mönch im Kloster eine bestimmte Aufgabe. Arsenios lacht. Nein, er sei der Schuster, erklärt er. Dann öffnet er seine Jacke und zeigt seine Schürze und den mit rotem und goldenem Faden gestickten Überhang. Er zeigt ein Kreuz mit der Aufschrift ICXP NIKA. Einen solchen Überwurf dürfen nur die Megaloschimi tragen. In der Mönchshierarchie (Dokimos, Rassoforos, Mikroschimos, Megaloschimos) ist das die höchste Stufe, die ein Mönch erreichen kann.
Dem Himmel näher als der Erde: Das Kloster Dionysiou
Der interessierte Beichtvater
In der Messe werden die Reliquien geehrt. Das Kloster Dionysiou nennt die Hand Johannes des Täufers sein Eigen, ebenso ein Stück aus dem Kreuz Jesu und eine Wunder wirkende Ikone aus dem Jahr 626. Als George - kurz an sein Sagrotan-Spray im Zimmer denkend - zögert, bevor er die Reliquie küsst, wird er von einem der Mönche zur Beichte gerufen.
Gruppenbild mit Mönch: Künstler Fritz, Schustermönch Arsenios und George
Abschied von Athos
Die letzte Nacht auf Athos verbringe ich in der Messe. Um 3 Uhr beginnt die Liturgie. Mönche kommen, singen, beten, verschwinden, kehren für ein paar Zeilen zurück und verschwinden wieder. Ohne eine Armbanduhr zu tragen, wissen sie ganz genau, wann ihr Einsatz kommt. In der Zwischenzeit widmen sie sich ihren weltlichen Aufgaben. So fragt mich mitten in der Liturgie ein Mönch, ob ich in der Küche kurz beim Brotteigkneten helfen könnte. Denn mit dem Ende der Messe um 7 Uhr muss auch das Brot fürs Frühstück fertig sein.
Die Einsiedeleien von Agia Anna
In Ouranoupolis herrscht reges Treiben. Durch die Supermärkte, in denen neben Mehl und Gemüse auch Ikonen, Weihrauch und Mönchsstatuen angeboten werden, schieben Frauen jeden Alters ihre Einkaufswagen. In den Restaurants und Cafés sitzen junge Mädchen in der Sonne. Habe ich schon gesagt, dass die Frauen in Ouranoupolis die schönsten sind auf der ganzen Welt?
Den ersten Teil der Reportage über die Mönchsrepublik Athos lesen Sie hier:
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH