Von Antje Blinda
Vor dem Tasten kommt das Nosen: Das Aroma des Whiskys kann sich in tulpenförmigen Gläsern besser entwickeln
Verstohlen linse ich nach links: Dort sitzt das Schweizer Pärchen, das, nachdem es seine Liebe entdeckt hatte, hoffnungsfroh auch seine Whisky-Sammlung vereinigte. Er schwenkt mit verzückter Miene die gelbe Flüssigkeit in seinem Glas, sie beobachtet ihn verträumt. Rechts der weißhaarige Texaner mit Zopf, der sich mit Hilfe seiner schottischen Mütze der Umgebung anzupassen versucht. Ich mache es meinen Sitznachbarn nach, lüfte das Uhrglas von dem tulpenförmigen Glas, stecke die Nase weit hinein und atme tief ein. Pattex! schreit meine Nasenschleimhaut, Desinfektionsmittel!! Vanille, säuselt die Schweizerin, grüne Banane, der Texaner.
Whisky-Tasting vor der Westküste Schottlands. Genauer gesagt, auf einem Segelboot vor Islay, der Weltwhisky-Insel schlechthin. Caol Ila, vor deren Pier wir liegen, ist eine von acht Destillerien, die sich hier teilweise schon vor 1800 gegründet haben und Whisky im Großeinsatz (18 Millionen Liter im Jahr) produzieren. Das Steuervolumen der Hebrideninsel schlägt das des Londoner Großraums, ihre karge Schönheit die Großstadt schon lange.
Weltwhisky-Insel Islay: Die Destillerie von Lagavulin wurde 1837 neben den Ruinen des Dunyveg Castle gegründet
Geräucherter Lachs! Und stark getorft. Meine Mitschnüffler sind schneller als ich und schon eine Probe weiter. Vor mir stehen sechs Gläser. In jedem genau zehn Zentiliter eines anderen schottischen Malt Whiskys. Malt heißen sie, da sie aus reinem Gerstenmalz hergestellt wurden. Und Whisky ohne e natürlich. Mit wäre Frevel - oder irisch. Und irischem Whiskey fehlt trotz mehr Buchstaben das, was schottischen Whisky ausmacht: der kokelige Touch, der rauchige Anklang, kurz: der Torf. Torf, auf Englisch peat, der sich frisch gestochen auf Islay links und rechts der Straße zu kleinen Häufchen auftürmt. Und der 1000 Jahre für eine Tiefe von einem Meter gebraucht hat, um von Moos zum Whisky-Veredler zu werden. In die Nase des Whisky-Nosers gelangt das Aroma der Pflanzenreste, da der Urstoff dieser Spirituose, die Gerste, nach kurzem feuchten Keimen über einem Torffeuer gedarrt wird.
Torfiger Abgang: Die gekeimte Gerste wird im Torfrauch getrocknet
Mythos Whisky: Die Gärbottiche werden mit Hochdruck gereinigt
Die Legende besagt, dass eine Beule in einem der kupfernen Pot stills eine solch umwerfende Auswirkung hatte, dass all ihre Nachfolgerinnen entsprechend eingedengelt wurden. Die Länge der Lagerung in den Fässern spielt eine Rolle. Dass das Klima geschmacksbestimmend ist, ist wohl zum Teil Werbung. Denn zur Lagerung werden die Fässer aus Platzmangel schon mal weit transportiert und können dann nicht die angepriesene "würzig-salzige Meeresluft" aufnehmen. Wie Winston Churchill erkannte: Whisky ist ein Rätsel, verpackt in ein Mysterium und umhüllt von Geheimnissen.
Legende Brennblase: Zweimal wird der schottische Whisky destilliert, die Iren brauchen einmal mehr
Malt Whisky ist in. Auch in Deutschland. Namen wie Laphroaig, Ardbeg, Lagavulin (alles Whiskys von Islay), Glenfiddich, Talisker kommen den Youngsters an den Bars flüssig über die Lippen. Dabei ist Malt ein relativer Neuling auf dem Markt. Bis ungefähr 1970 wurde er vor allem mit Grain-Whisky zu den Blended-Sorten verschnitten. Längst sind Destillerien wie Talisker oder Lagavulin an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Während in Lagavulin sieben Tage die Woche rund um die Uhr gearbeitet wird, gönnt sich Talisker, die einzige Destillerie auf der Insel Skye, einen sonntäglichen Ruhetag. Aber nur, weil, wie Manager Alastair Robertson begründet, sich sonst das Aroma ändern würde. Vielleicht hat da ein aufmüpfiger Arbeiter in den Wash gespuckt?
Nur in Eichenfässern: Erst ab drei Jahren Lagerung darf sich Whisky Whisky nennen
Über den Segeltörn zur südlichsten Hebriden-Insel Islay lesen Sie hier mehr:
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