02. Oktober 2004, 11:41 Uhr

Historischer Zug

Der Rote Blitz von Mallorca

Mit dem Auto ist das kleine Städtchen Sóller von Palma aus schnell erreicht, doch Touristen haben ein Highlight von Mallorca verpasst, wenn sie nicht in den "Roten Blitz" steigen. Die frühere Dampfeisenbahn ruckelt eine Stunde lang durch Orangenhaine, über Viadukte und durch zahlreiche Tunnel der Transmuntana.

Palma de Mallorca - Der Zug stammt aus der Zeit, als Lokomotiven noch freundlich aussahen: Er hat zwei große runde Frontlichter wie gutmütig glotzende Augen und eine Kupplung wie eine Stupsnase. Auch das Fahrgefühl im "Tren de Sóller", auch Roter Blitz genannt, ist althergebracht: Es rumpelt und wackelt, dass es die Passagiere kaum auf den Holzbänken hält. Dennoch ist der Zug eine der beliebtesten Touristenattraktionen auf Mallorca. In der Hochsaison empfiehlt sich ein frühzeitiger Ticketkauf, um nicht dem ausgebuchten Waggons traurig hinterherwinken zu müssen.

Vom Bahnhof zum Hafen in Sóller: Die einzige elektrische Straßenbahn Mallorcas ist fast genau so alt wie der "Tren de Sóller"
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Vom Bahnhof zum Hafen in Sóller: Die einzige elektrische Straßenbahn Mallorcas ist fast genau so alt wie der "Tren de Sóller"

Seit 1912 verbindet die Eisenbahn Mallorcas Hauptstadt Palma im Süden in fast gerader Linie mit dem Städtchen Sóller im Norden. Eine Stunde braucht der Zug für die nur 27 Kilometer lange Strecke. Sie führt mitten durch das Gebirge der Tramuntana, deren höchste Gipfel mehr als 1000 Meter in die Höhe ragen. Folglich findet ein guter Teil der Reise unter Tage statt: 13 Tunnel durchziehen das Bergmassiv.

Wie der Zug selbst, wirkt auch der kleine Bahnhof in Palma wie ein Überbleibsel aus lange vergangenen Tagen. Gegenüber der Placa d'Espanya an einer modernen achtspurigen Straße gelegen, benötigt man zu Fuß dorthin etwa 25 Minuten von der Kathedrale der Stadt aus oder eine Viertelstunde vom bekannten "Café Bosch". Eingeklemmt zwischen Hochhäusern, übersieht man die Station fast. Sie besteht aus einer Wartehalle mit dem Ticketschalter und einem einzigen Bahnsteig.

Seit Jahrzehnten geübtes Manöver

Vor dem Bahnhof ist unter einer Palme ein Café eingerichtet worden. Hier können Passagiere mit einem Milchkaffee die Wartezeit überbrücken. Bis zu sechsmal täglich, zwischen 8 und 19.30 Uhr, tritt der Zug seine Reise gen Norden und retour an. Im Internet sind unter www.trendesoller.com die Abfahrtspläne einzusehen.

Durch die Tramuntana: Die Bahnfahrt von Palma de Mallorca nach Sóller ist 27 Kilometer lang und führt durch eine Bergwelt mit insgesamt 13 Tunneln
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Durch die Tramuntana: Die Bahnfahrt von Palma de Mallorca nach Sóller ist 27 Kilometer lang und führt durch eine Bergwelt mit insgesamt 13 Tunneln

Gegenüber des Bahnhofs verhilft eine weitere Tradition Palmas über Mußezeiten hinweg: Die "Bar Cristal" besteht seit 1916, das Interieur ist, von Spielautomaten abgesehen, weitgehend im Jugendstil erhalten. Auch einige der Kellner scheinen fast von Anfang an dabei zu sein. An der Wand hängt eine merkwürdige Uhr mit Klappziffern wie bei alten Radioweckern, die an einem Montag, dem 6. November, um 28.33 Uhr stehen geblieben ist - da ist wohl einiges durcheinander geraten.

Nähert sich der Bummelzug, vollzieht sich ein seit Jahrzehnten geübtes Manöver: Die Waggons biegen um die letzte Ecke und schieben sich gemächlich bis zum Bahnsteigende vor. Die Aussteigenden drängen sich im bunten Chaos durch die Menge der Einsteigenden. Derweil wird die Lokomotive, die seit 1929 nicht mehr mit Dampf, sondern mit einem elektrischen Aggregat von Siemens-Schuckert fährt, per Hand entkoppelt und über ein Parallelgleis ans Ende des Zuges rangiert. Die Prozedur dauert, wenn der Zugführer keine Pause einlegt, knapp 15 Minuten. Drei Glockenschläge und eine Hupe signalisieren die Abfahrt.

Die ersten quietschenden und rumpelnden Kilometer durch den Norden Palmas sind kein Kamerafutter, die Aussicht ist eher trist. Aber bald hinter der Stadt beginnen Olivenhaine, sie wechseln sich später ab mit Zitronen- und Orangenbäumen.

Hohe Viadukte, gähnender Abgrund

Gegründet und zum Großteil bezahlt wurde eine der letzten in Spanien verbliebenen Privatbahnen von den Bürgern Sóllers. Sie wünschten sich damals eine bessere Anbindung ihres wirtschaftlich aufstrebenden, jedoch von Bergen umschlossenen Städtchens an die Inselhauptstadt. Bis dahin war das Hauptverkehrsmittel nach Palma das Boot.

Bahnhof von Sóller: Wie Heimatfilm aus den Alpen, wenn da nicht die Palmen wären
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Bahnhof von Sóller: Wie Heimatfilm aus den Alpen, wenn da nicht die Palmen wären

Ungefähr auf der Hälfte der Zugstrecke liegt der kleine Bahnhof von Bunyola. Anschließend wird die Fahrt tunnelreich, aber in den lichten Momenten auch immer sehenswerter. Vom Aussichtspunkt Mirador Pujol de'n Banya aus bietet sich ein weiter Blick über das fruchtbare Tal von Sóller und auf die Tramuntana.

An den kurz darauf folgenden "Cinc Ponts" führt die Strecke über ein hohes Viadukt, rechts und links gähnt der Abgrund. Ein letzter langer Tunnel folgt, dann rattert der Zug in einer Schleife dem Ziel entgegen. Der Bahnhof von Sóller ist anders als sein Gegenstück in Palma beschaulich gelegen. Die Szenerie am Fuß der Berge erinnert den Ankommenden an einen Heimatfilm aus den Alpen - wenn da nicht die Palmen wären.

Sóller an sich ist eine Reise wert. Es gibt aber auch unmittelbar vor dem Bahnhof eine fünf Kilometer lange Anschlussverbindung durch das Tal zur Küste nach Port de Sóller. Warum die Zugstrecke damals nicht gleich bis zum Hafen gebaut wurde, weiß heute niemand mehr. Ein Jahr nach ihrer Einweihung eröffnete jedenfalls mit selber Spurbreite als Verlängerung die erste und einzige elektrische Straßenbahn der Insel. Sie fährt noch gemütlicher als der Zug und manchmal mitten durch Gärten zwischen Wäscheleinen und Rosensträuchern hindurch.

Von Frank Rumpf, gms


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