06. Juli 2007, 06:21 Uhr

Wien

Imperialer Schein oder neues Sein?

Von Monika Czernin

In Sachen Vergangenheit sind die Wiener Weltmeister. Doch die Stadt spielt nicht mehr süße, melancholische Endzeitweisen, sondern trällert beschwingt im lebenslustigen Dur. Ein Spaziergang durch die Kaiserstadt.

"Imperiales Wien". Kein Schlagwort verkauft Österreichs Hauptstadt derzeit besser, keine Chiffre klingt treffender, kein Wienprogramm kommt ohne die neue Liebelei mit dem alten Habsburger Imperium aus. Wie keine andere Metropole spielt die alte Kaiserresidenz die Rolle der Hauptstadt der Sehnsucht nach vergangener Größe und gibt sich dennoch ganz modern, kultig und von barocker Sinnesfreude.

Sind Sie endlich in der Innenstadt angekommen, meiden Sie die Kärntner Straße – sie ist heruntergekommen zu einer Allerwelts-H&M-Mango-Zara-Einkaufsmeile, wie wir sie aus allen europäischen Städten kennen. Schlendern Sie lieber durch die engen Seitenstraßen des ersten Bezirks, die hier Namen wie Himmelpfort-, Schönlatern-, Dom-, Blut- und Essiggasse tragen. Barocke Fassaden, Kopfsteinpflaster und Innenhöfe, in denen die Zeit stehen geblieben scheint, prägen das Bild innerhalb der ehemaligen Stadtmauer, die Mitte des 19. Jahrhunderts der Ringstraße weichen musste.

Auch die verschlungensten Wege werden Sie irgendwann zum Stephansdom führen, diesem Wahrzeichen Wiens und Hoffnungsanker der Wiener in Krisenzeiten. Aus dicker Erdenschwere verjüngt sich der Südturm, einer der höchsten Kirchtürme der Welt, in den Himmel, während der Nordturm unvollendet geblieben ist – ein Stummel mit Kuppel, dessen Inneres die Pummerin, die dunkel tönende Riesenglocke Wiens, beherbergt.

Verloren in der imperialen Vergangenheit

Lassen Sie sich – am besten frühmorgens, bevor die Touristenströme die Kirche stürmen – von der Finsternis dieses Doms hineinziehen in die vielen Vergangenheitsschichten der Stadt. Nur schemenhaft, Traumgespinsten gleich, blitzen die Kunstschätze im spärlich durch die Seitenschiffe einfallenden Licht auf. Sie ahnen, dass Sie sich in Wiens imperialer Vergangenheit verlieren könnten, wie die Wiener, die von ihr nicht loskommen, selbst wenn sie die alten, ins Kaiserreich zurückreichenden Wurzeln manchmal gern – was bei der erdrückenden Fülle verständlich ist – ignorieren und diese ganzen Geschichten, besonders die unrühmlichen Kapitel natürlich, in die Kapuzinergruft stopfen würden.

Zu den 12 Kaisern, 19 Kaiserinnen und mehr als 100 weiteren Habsburgern – Könige, Erzherzöge, ihre Frauen und Kinder –, die dort ihre letzte Ruhe fanden. Die Herzen der Illustren freilich wurden bis 1878 separat, und zwar in der Augustinerkirche, beigesetzt, während hier im "Steffl" die Urnen mit den Eingeweiden der Habsburger zu finden sind. Imperiales Wien – makabres Wien!

Nur das Fin-de-Siècle-Wien – womit eine ganz bestimmte Wahrnehmung der Wiener Welt um 1900 gemeint ist – nur dieses Schlagwort hat im neuen Jahrtausend an Strahlkraft eingebüßt, wurde vom imperialen Wien aufgesogen, wobei das eine im andern enthalten ist wie die neue Hofburg in der alten, die Kaisermetropole des 19. Jahrhunderts in der Residenzstadt des Barock. Also bloß eine kleine Verschiebung in der historischen Wahrnehmung? Keineswegs! An einem Ort, an dem die Menschen ihre Seelen so gerne und gekonnt im Glanz ihrer Stadt – oder auch in deren Grau – spiegeln, kommt eine Veränderung im Tonfall, ja in der Tonart, einem kleinen Erdbeben gleich.

Lebenslustiges Dur

Wien spielt nicht mehr süße, melancholische Endzeitweisen, sondern trällert beschwingt im lebenslustigen Dur. Auch Sie werden die neue Stimmung bemerken, wenn Sie durch den Graben und Kohlmarkt zur Hofburg und weiter zum Ring wandern. Wien glitzert und glänzt wie seit der Gründerzeit nicht mehr, als die Stadt mit schließlich zwei Millionen Einwohnern (heute zählt sie 1,6 Millionen) in Europa gleich nach London und Paris kam. Der Bund lässt sich allein die Erhaltung der ehemaligen kaiserlichen Gebäude und Denkmäler denn auch 45 Millionen Euro im Jahr kosten.

Imperiales Wien! Das Thema ist ausufernd. Es droht ein exzessiver Rundgang zu allen kunsthistorischen Superlativen, nur minutenlang unterbrochen durch die Verlockungen des Wiener Kaffeehauses und die viel gepriesene, längst aus dem Dornröschenschlaf erwachte Wiener Küche, deren imperiale Vorgeschichte Sie durch einen Blick in die Hofsilber- und Tafelkammer erahnen können. Sie erreichen sie direkt durch das Michaelertor der Hofburg.

Dort vermeint man die Hofsilberputzer und Hofsilberwäscherinnen mit Körben voller schmutziger Gabeln, Messer und Tafelaufsätze aus den Prunksälen der Hofburg herbeiströmen zu sehen und erlauschen zu können, wie sie sich bei ihrer Arbeit den Mund über die soeben beendete Hoftafel zerreißen. Die erlauchten Herrschaften übersiedelten anschließend meist ins Hotel Sacher hinter der Oper, um sich dort satt zu essen. Die Mahlzeiten bei Kaiser Franz Joseph waren stets kärglicher Natur. Auch das Sacher, diese Ikone eines Grandhotels, erstrahlt aufgestockt im neuen Glanz, vor dem um die letzte Jahrhunderwende der Ringstraßenkorso, jenes vergnügliche Flanieren der besseren Gesellschaft zur Mittagszeit, stattfand.

Herz der Kaiserin bleib in der Schweiz

In Wien kann man sich gar nicht auf die Spurensuche nach dem Vergangenen begeben, sondern immer nur mitten hinein in seine vollkommene Präsenz. Von der Hofburg haben Sie den Ring überquert und stehen nun zwischen dem Kunst- und dem Naturhistorischen Museum, zwei monumentalen Beispielen der Wiener Ringstraßenarchitektur und der aufkommenden Museumskultur des 19. Jahrhunderts.

Ihr linkes Auge blickt über den Ring zur Hofburg, ihr rechtes Auge – Sie dürfen sich drehen – nimmt das Denkmal für die matronenhafte Kaiserin Maria Theresia, von ihren Feldmarschällen, Beratern und Künstlern umringt, und dahinter die ehemaligen barocken Hofstallungen, das heutige Museumsquartier (MQ), ins Visier. Das konservative Herz der Wiener hatte es verstanden, im 24-jährigen Kampf um das Museumsquartier hohe, das an die imperiale Silhouette gewohnte Auge beleidigende Einbauten zu verhindern. Genaugenommen wurde jedoch nicht 24, sondern 150 Jahre um das an die Hofburg angrenzende Areal gestritten.

Der deutsche Architekturstar Gottfried Semper hatte an dieser Stelle als Krönung seiner Architektenlaufbahn ein glorioses Kaiserforum geplant. Eine Art Apotheose kaiserlicher Macht für die imperialistische Epoche. Allein Franz Joseph (reg. 1848-1916) wollte nicht, war zu bescheiden, zu katholisch, zu wenig imperial vielleicht – die Donaumonarchie verfügte keine sechs Jahre lang, zwischen 1778 und 1784, über eine klitzekleine Überseekolonie, die Inselgruppe der Nikobaren weit östlich von Sri Lanka im Indischen Ozean. Zu Franz Josephs Zeiten genügte sich das Reich mit seinen wachsenden nationalen Spannungen als multiethnisches Imperium selbst. Und wie so oft in Wien, wo der Moderne stets eine schwere Geburt beschieden war, atmet heute ausgerechnet hier das Herz des jungen, kreativen, künstlerischen Wien, ein Ort, der schlicht und ergreifend Kult ist.

Herz der Kaiserin bleib in der Schweiz

Was hat nun den Stimmungsumschwung in der Stadt bewirkt? Seitdem Wien nicht mehr die östlichste Stadt des freien Europas ist, gefällt es sich in seiner Rolle als Mitte Europas, als imaginäre Hauptstadt einer Region, die jahrhundertelang zusammengehört hat. Und so wird aus dem imperialen Schein, den die Wasserkopfhauptstadt des kleinen Österreich immer mit sich herumschleppte wie ein viel zu großes, viel zu mondänes Kleid, doch wieder so etwas wie imperiales Sein – freilich ohne die dazugehörende Staatsform. Das unverkrampft lockere, auf der Klaviatur der k.u.k. -Monarchie virtuos spielende Wien hat auch darin – in der Stabilität seiner Demokratie – seine Geburtsstunde. Auch im April 1989 wurde sie nicht erschüttert, als die letzte Kaiserin Zita kurz nach ihrem Tod im schweizerischen Zizers nach Wien zu Ihresgleichen in die Kaisergruft überführt worden war. Das Herz verblieb allerdings in der Schweiz, von der Leichenfledderei kommen Habsburgers einfach nicht los.

Angesichts des prunkvollen Konduktes – die kaiserliche Leichenkutsche wurde extra achtspännig aus der Schönbrunner Wagenburg hervorgeholt – angesichts dieser ganzen Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Begräbnis der Monarchin, die zeit ihres Lebens keine Verzichtserklärung auf den österreichischen Thron abgegeben hatte, fürchtete so mancher die Restauration der Habsburgermonarchie. Doch die Angst war unbegründet und Wien schien einmal mehr erlöst von seinen Phobien und Sehnsüchten.

Aber zurück zum neuen imperialen Sein. Gönnen Sie sich einen Fiaker, der Sie am Ring entlang zum Schottentor und von dort durch die Porzellangasse zum Palais Liechtenstein bringt. Die seit kurzem wieder aus Vaduz nach Wien übersiedelte weltberühmte Kunstsammlung der fürstlichen Familie lässt ein wenig von der Macht und dem Reichtum des hiesigen Adels erahnen.

Gute Gesundheit für die Neunte

Genau auf der anderen Seite des Rings hatte eine andere die Geschicke der Monarchie bestimmende Familie ihre Sommerresidenz. Umgeben von einem herrlichen Park ist das Palais Schwarzenberg eines der elegantesten Hotels der Stadt, derzeit allerdings geschlossen: Es soll noch nobler werden. Sein Besitzer amtiert momentan als tschechischer Außenminister in Prag, schließlich hatte diese aristokratische Paradefamilie des alten Österreich hier wie dort Besitzungen und Schlösser, und die Vorfahren des in Wien nur " der Fürst " genannten Herrn bestimmten die Politik in der Wiener Hofburg und auf dem Prager Hradschin. Imperiales Sein – manchmal wiederholt sich die Geschichte in ihrer geglücktesten Form.

Gleich nebenan besuchen Sie die Sommerresidenz des Türkenbezwingers Prinz Eugen von Savoyen. Das Obere und Untere Belvedere zählt zu den schönsten Barockschöpfungen der Welt. Wie sinnfällig, dass in diesem heute als Museum genutzten, von Lukas von Hildebrandt hingezauberten Kleinversailles später der Erzherzog Franz Ferdinand wohnte, dessen Ermordung in Sarajevo das Ende jener imperialen Welt besiegelte, die heute im neuen EU-Gewand wieder aufersteht.

Kurz nachdem Franz Ferdinand sein neues Domizil bezog, stellte der Kaiser noch einem anderen, unter den Spannungen der Epoche stets leidenden Zeitgenossen im Oberen Belvedere, genauer gesagt im Kustodenstöckl, eine letzte Bleibe zur Verfügung: Anton Bruckner, dem lebenslänglich von Selbstzweifeln geplagten, urösterreichischen Komponisten, der kurz vor seinem Tod am 11. Oktober 1896 noch flehte: " Lieber Gott, lass mich bald gesund werden. Schau, ich brauch ja meine Gesundheit, damit ich die Neunte fertig machen kann."

Ein großes Theater mit imperialer Kulisse

Imperiales, schmerzlich schönes Wien. Sie wissen, es gibt auch noch ein anderes Wien, und auch diesem Wien, dem Wien der 20er und 30er Jahre, dem verlorenen jüdischen Wien und schließlich dem modernen, jungen Wien mit seiner lebendigen und stets aufbegehrenden Kunst- und Kulturszene werden Sie sich angemessen widmen – später dann. Doch für den Moment können Sie sich gar nicht satt sehen an all den Prachtbauten und Museen, in konzentrischen Kreisen um den alten Stadtkern gereiht, wie ein allzu großes Ringelspiel aus dem Prater.

Sie gleiten durch die Stadt wie durch einen Walzer, denken an den Wiener Kongress und all die anderen historischen Meilensteine europäischer Politik, die im imperialen Wien glänzend in Szene gesetzt wurden. Sie lauschen den Geschichten, die in den kleinen Gassen der barocken Innenstadt überall auf offene Ohren warten, Sie wandeln auf den Spuren Mozarts durch die Domgasse und stellen sich die Aufführung von Beethovens " Eroica" 1805 im Palais Lobkowitz beim Albertinaplatz vor, das heute das Theatermuseum beherbergt.

Kurz haben Sie das Gefühl, doch in einem großen Theater mit imperialer Kulisse gelandet zu sein, die Grenzen zwischen Sein und Schein, zwischen Vergangenem und immer noch Präsentem verschwimmen. Sie vernehmen die gauklerischen, schwermütigen und die plötzlich doch so heitern Stimmen der Stadt, glauben den Hufschlag der Lipizzaner zu hören, die auf dem Weg von der Stallgasse in die Winterreitschule sind, und vielleicht geht es Ihnen wie dem Literaten Reinhold Schneider, der in seinem 1957/58 geschriebenen Buch "Winter in Wien" zum Schluss gelangt: "Die Stadt hat mich mit einer Fülle des Menschlichen im Geschichtlichen überschüttet, auf die ich nicht vorbereitet war. Ich kann mich der Tränen nicht erwehren."


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