15. September 2008, 06:11 Uhr

Touristenmagnet Rimini

Affentanz am Partystrand

Von Stefan Robert Weißenborn

Yoga, Tai Chi und Bauchtanz unter Sonnenschirmen: Die Strände in Rimini gleichen einem Erlebnisparcours und sind für ihre Pächter wahre Goldgruben. In Abschnitt 26 residiert der Partykönig - und in Nummer 76 erfahren Besucher, warum Frauen bessere Bademeister sind.

Unter dem Strohsonnenschirm genießt Claudia in einem Holzsessel ihre neueste Anschaffung: eine Nebeldusche. Die mikroskopischen Tröpfchen rieseln aus kleinen Düsen auf sie herab und sorgen für Abkühlung in der Mittagshitze. Claudia Verni, 37 Jahre alt, ist Bademeisterin in Rimini und beobachtet aufmerksam das Treiben in ihrem Bagno, ihrem Strandabschnitt. Der gehört zu der örtlichen Vereinigung sogenannter Wellness-Strände - zu italienisch "Le Spiagge del Benessere".

Im Angebot hat Claudia die ganze Umsorgungspalette: Yoga, Bauchtanz, Tai Chi, Chi Gong, Fußreflexzonenmassage, Feldenkrais. Ihren Bagno hat sie "Hedonism 76" genannt. Wenn es nötig sei, würde sie auch mal einen Knopf annähen, sagt die ehemalige Betreiberin eines Schuhladens in Rimini. Vor vier Jahren wollte sie "ans Meer" und kaufte deshalb zusammen mit ihrem Mann das Pachtrecht für Abschnitt 76 für über eine Million Euro.

Während die Wellness-Welle an den Stränden von Rimini und der gesamten Emilia-Romagna immer heftigere Wogen schlägt, steht Claudia selbst für ein seltenes Phänomen: eine weibliche Bademeisterin. Nachdem "Bagnino" jahrelang ein reiner Männerjob war, gibt es seit einiger Zeit auch die "Bagnina". "Es ist wichtig, dass auch Frauen diese Arbeit machen", sagt Claudia. Mit ihrer emotionalen Intelligenz könnten Frauen "den Kontakt zu den Gästen besser halten".

Hunderttausende Sonnenschirme und Liegen

Jedes Jahr wird nur eine Handvoll der 1426 Bagnos an der Küste der Emilia-Romagna frei, die dann nach Schrebergartenmanier sofort den Pächter wechselt. Auf jedem dieser fein säuberlich abgegrenzten Strandreviere stehen Hundertschaften von Schirmen, zur Orientierung für Betreiber und Badegäste durch wechselnde Farben abgegrenzt. 138.700 Schirme und 252.800 Liegen sollen mittlerweile den 110 Kilometer langen Küstenabschnitt säumen. Wer sich mit dem Handtuch direkt auf den Sand legen will, wird schnell vom Bademeister vertrieben.

Der Vorzeige-Bagnino von Rimini heißt Gabriele. Er gibt seinen Bagno seit 21 Jahren nicht her, denn das Geschäft brummt. Wenn das Fernsehen etwas über das hiesige Strandleben macht und das Beach-Party-Klischee bemühen möchte, ist Gabriele stets einer der Protagonisten. Braungebrannt, trägerloses Hemd mit "Bagnino 26"-Schriftzug, setzt er sich für Fotos am liebsten mit zwei Bikinischönheiten im Arm in Szene.

"Meiner ist die Nummer eins", sagt der stämmige Mann über seinen Strand und grinst, wobei seine Zahnlücke sichtbar wird. Seinen Bagno hat er zur Marke gemacht. Sponsoren kommen zu ihm, am Abend ist es ein bekannter Kosmetikhersteller. Geschminkte Hostessen bringen dann Pröbchen einer neu erdachten Lotion unters Partyvolk. DJ Afro sorgt für die Beats, im Netz der Stroboskopblitze zappeln aufgebrezelte Tanztouristen.

Hier versammelt sich allabendlich eine anarchisch-ausgelassene Prolomeute, wie sie wohl nur Massentourismus-Urlaubsorte vorbringen können. Um halb drei sperrt Gabriele sein kleines Büro ab. Er sieht müde aus und kann nicht mehr. Seit früh morgens hat er Liegen geschleppt und zugewiesen, und jetzt verlässt er schnell die Szene, während die Bässe die laue Nachtluft in Schwingung halten.

Tagsüber Fitnessstudio, nachts Party

Bei Gabriele ist jeden Abend Party angesagt. Tagsüber dürfen die Gäste ihre Körper an Fitnessstudiogeräten unter freiem Himmel stählen, im Jakuzzi unweit der kaum kühleren Adria chillen oder können sich bei lauter Musik den Versuchen der Animateure ergeben. Ständig versuchen fliegende Händler, gefälschte Markenwaren zu verkaufen, deren Erwerb mit bis zu 4000 Euro geahndet wird.

Während in den fünfziger und sechziger Jahren das Angebot der Strände lediglich aus Sonnenschirmen, Liegen und einigen hölzernen Umkleiden bestand, wie Gabriele auf einem alten Foto zeigt, gleichen die Bagnos heute einer Kette aneinandergereihter Spielplätze für Klein und Groß. Es wimmelt von Wasserrutschen, Trampolinen, Lounge-Ecken, Bars und Tanzflächen. Die Massen an Schirmen und Liegen wirken oft nur noch wie Staffage.

Doch wie sollen Besucher Körper und Seele in Einklang bringen in der Stadt mit der höchsten Hoteldichte weltweit, wo jährlich gut 4,5 Millionen Urlauber den Küstensaum während der Saison fast zum Platzen bringen? "Manchmal läuft hier ein bisschen viel Musik", sagt ein Arzt aus Bologna, der am Strand Shiatsu-Massagen gibt. Die Poptrash-Nummer "Samba de Janeiro" dröhnt derweil aus den durch eine Art Haubenbauweise findig vor Wind und Wetter geschützten Boxen.

Im Meditationsboot aufs Meer

Kurze Zeit später ist eine plärrende Durchsage zu hören, dass man sich am Strand doch tunlichst wegen diverser Gesundheitsrisiken nicht massieren lassen sollte. In der deutschen Übersetzung ging verloren, dass lediglich das Angebot der herumlaufenden Masseure aus Ostasien nicht zu empfehlen sei. "Die verwenden oft billiges Öl, von dem man Hautprobleme bekommt", erklärt der Mediziner aus Bologna.

Manchem Ruhesuchenden bleibt bei dem Trubel nur noch die Flucht aufs Meer: Täglich in der Früh starten "Meditationsboote" ab Rimini und Riccione. Auf wankenden Schiffsplanken sollen die Passagiere zu sich finden. Doch es kommt schon einmal vor, dass die Boote nicht ablegen, wenn sich nicht genügend Bezahlwillige anmelden. Das Rundum-sorglos-Paket fürs anvisierte Wohlbefinden an den 22 Wellness-Stränden ist dagegen in der Gebühr für die Liegen enthalten. 84 Euro nimmt Claudia pro Woche für einen Schirm und zwei Liegen. Damit fährt sie angesichts der Zahl von 500 Liegen zumindest im Kernmonat August, wenn ganz Italien Urlaub macht, ein respektables Salär ein.

So wie die vielen Strandurlauber nach Wellness und Verjüngung streben, sollen auch Stadt und Strand bald eine Frischzellenkur verpasst bekommen. Entwürfe des berühmten Londoner Architekturbüros Foster und Partners liegen auf dem Tisch, nach denen die ganze Promenade umgegraben werden soll.

Auf über zwei Kilometern und mit einem Investitionsvolumen von über 200 Millionen Euro soll ab 2010 die "Requalifizierung der Küstenlinie Riminis" vonstatten gehen, sagt der stellvertretende Bürgermeister und Tourismusbeauftragte der Gemeinde Rimini, Maurizio Melucci. Aus "Umwelt- und Funktionalitätsaspekten" sei dies unumgänglich. Mit den Bürgern Riminis solle im laufenden Jahr noch über die Ausgestaltung der Vorhaben diskutiert werden, versichert er. Doch über eines seien die Menschen trotz aller touristischer Erfolge hier einig wie selten: dass diese Strandpromenade unbedingt verändert werden muss.


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