20. Oktober 2009, 14:03 Uhr

Iceland-Airwaves-Festival

Tanz in der Blauen Lagune

Von Anja Wasserbäch

Fünf Tage lang legte die Finanzkrise eine Pause ein. Während des Festivals Iceland Airwaves herrscht in Reykjavik der Ausnahmezustand. Hunderte Musiker treten in den kleinen Bars und Clubs der isländischen Hauptstadt auf - gefeiert wird selbst im warm blubbernden Wasser der Blauen Lagune.

Wo ist sie, die Krise auf Island? Manchmal wird sie einfach weggetanzt - oder weggesungen. So wie es etwa David Berndsen macht. "Supertime" heißt sein Antikrisen-Song: "I feel fine, maybe you are my supertime", singt der junge Isländer mit dem roten Vollbart. Der 24-Jährige spielt mit seiner Band, die sich The Young Boys nennt, in dem dunklen Club Batteríið. Es ist eng und heiß. Kondenswasser tropft von der Decke, der Boden klebt vom Bier. Und alle singen mit: "You got to hold on." Abwarten, durchhalten, irgendwie.

The Young Boys ist eine der vielen Bands, die während des Iceland Airwaves in Reykjavik auftreten. Auf dem vor zehn Jahren ins Leben gerufenen Musikfestival kann man kleine Märchen erleben, wie jenes von Berndsen, der schon bei seinem zweiten Konzert überhaupt einen Popstar-Aufritt hinlegen darf. Oder man lauscht bereits berühmten Bands, wie Kings Of Convenience, die in der kleinen Kirche Fríkirkjan direkt am Tjörnin-See spielt. Es ist ein leises, bedächtiges Konzerterlebnis, für das Hunderte Fans zwei Stunden am Vormittag vor einem Plattenladen in der Kälte warteten, um eines der nur 500 Einlassbändchen zu ergattern.

"Es gibt so viel zu erleben, so viele Bands zu sehen", sagt Berndsen. "Man muss sich einfach treiben lassen. Jeder Versuch, einen Zeitplan zu erstellen, würde scheitern." Beim Iceland Airwaves herrscht im Zentrum Reykjaviks fünf Tage lang Ausnahmezustand. Bibbernde Mädchen in kurzen Kleidchen stehen vor den Türen der Clubs, um endlich reingelassen zu werden. Überall spielt Musik. Tagsüber in Cafés, in kleinen Designershops und in Plattenläden wie dem 12 Tonar und in den Nächten, die hier zurzeit länger als anderswo sind, natürlich in den Clubs und sogar im Kunstmuseum der Stadt.

Kieselerde im Gesicht, Elektromusik im Ohr

Die Mädchen haben ihre Haare zu Vogelnestern geformt und mit Federn geschmückt, die Jungen mit Seitenscheitel tragen Islandwollpullis gegen den rauen Wind. Der Kater an den Morgen danach wird mit einem Bad in der Blauen Lagune bekämpft. In Bussen werden die Musikfans in das Geothermalfreibad auf der Halbinsel Reykjanes gekarrt. Schließlich findet in der Touristenattraktion Blue Lagoon die offizielle Hangover-Party statt: 39 Grad Celsius warmes Wasser von unten, Nieselregen von oben, ein kaltes Bier in der Hand, Kieselerdemasken im Gesicht, und aus den Boxen kommt Elektromusik.

Das Festival beweist seit 1999, dass Island nicht nur die Sängerinnen Björk und Emiliana Torrini hervorgebracht hat. Der Großteil der über 200 auftretenden Bands, Solo-Künstler und DJs stammt von der Insel. Hier in Reykjavik hat man spätestens mit 15 Jahren seine erste Band und spielt gleich bei mehreren Projekten. Im Touristenshop gibt es neben der dreisprachigen Nonni&Manni-DVD-Box und Kosmetikartikeln der Blauen Lagune, auch CDs von den isländischen Stars zu kaufen: Alben von den Sugarcubes, Múm und Sigur Rós stehen im Regal. Die Isländer sind stolz auf ihre Kultur - und weil Importwaren seit dem Zusammenbruch des Finanzwesens sehr teuer sind und auch um ein Zeichen zu setzen, kauften sie zum Weihnachtsfest 2008 vornehmlich Bücher und Alben von isländischen Künstlern. So viele wie noch nie zuvor.

Doch auch internationale Bands wie etwa Bloc Party, Clap Your Hands Say Yeah oder die Klaxons sind auf dem Airwaves-Festival schon aufgetreten, und das, bevor sie berühmt wurden. Die Veranstalter haben immer wieder ein gutes Gespür für die Trends von morgen, was von Musikjournalisten und Plattenfirmen hoch geschätzt wird. Im Jahr eins nach dem Zusammenbruch war es allerdings lange Zeit ungewiss, ob das Festival wieder stattfinden würde. "Ach, letzten Oktober wusste man gar nichts. Nicht einmal, ob hier auf Island überhaupt noch Menschen leben werden", sagt Árni Einar Birgisson, einer der Veranstalter. Sie haben es aber geschafft. Dank Sponsoren, die die Flüge der internationalen Bands finanzierten, die seit dem Währungsverfall der Isländischen Krone sehr teuer sind.

Hoffnung auf die guten Seiten der Krise

"Kreppa" heißt Krise auf Isländisch - was sich gar nicht so schlimm anhört, eher wie eine Butterkekssorte oder eine Avantgard-Rockband. Doch die "Kreppa" traf die kleine Vulkaninsel im Atlantik im Herbst 2008 mit voller Wucht, als das Bankensystem kollabierte. Hafdís Huld, eine sehr zierliche, sehr blonde Sängerin, erzählt, was die Krise für Isländer bedeutet: "Meine Freunde haben all' ihre Ersparnisse verloren", sagt die 30-Jährige nach ihrem Nachmittagskonzert im Nordic House, das mit Bücherei und Auditorium eher an ein Gemeindezentrum als an eine Konzert-Location erinnert.

"Aber vielleicht hat die Krise auch ihre guten Seiten, wenn die Menschen nun noch kreativer sind." Die Sängerin ist ein optimistischer Mensch, eher "der Glas-halb-voll-Typ", sagt sie. Und so klingt auch ihre Musik, die fröhlicher Zuckerwattepop ist. Ihr Album "Synchronised Swimmers" ist eben auf Platz eins der isländischen Radiocharts eingestiegen. Huld hat bis vor kurzem in London gelebt, Musik studiert, sich eine Karriere aufgebaut. Jetzt hat sie sich trotz Krise ein kleines Häuschen in der isländischen Einöde gekauft. "Irgendwann kommen wir alle zurück", sagt Huld.

"Die Krise", sagt Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir, "war ein riesiger Schock für uns alle." Ihr Freund Árni Rúnar Hlöðversson war im Dezember 2008 mit auf der Straße vor dem Parlamentsgebäude in Reykjavik, als viele wütende Isländer den Rücktritt von Zentralbankchef David Oddsson forderten. Árni wurde von einem Polizeiauto angefahren. Das junge Paar macht Musik bei FM Belfast, der jüngsten Elektropop-Sensation aus Reykjavik. Morgen werden sie in dem Club Nasa auf der Bühne stehen und mit ihrer Musik die Fans wahrlich zum Ausrasten bringen. "Diese paar Tage des Airwaves-Festivals sind wie eine eigene Jahreszeit", sagt der 27-jährige Árni.

Goldene Platte als Stickversion

Lóa illustriert Kinderbücher, und gemeinsam betreiben sie die angesagte Karamba Bar auf dem Haupteinkaufsmeilchen Laugavegur. Der schmächtige Árni holt Kaffee aus dem Laden auf der anderen Seite der Straße, in dem junge Menschen mit ihren Laptops, Kinderwagen oder Stricksachen sitzen. Laugavegur ist ein bisschen Prenzlauer Berg in XS und in Sympathisch. Vergangenes Jahr konnten die kleinen Designshops hier nur dank des Festivalansturms überleben.

In dem Hinterhofgarten ihrer bunten Bar musizierten Lóa und Árni schon mit ihren Freunden von Múm und Seabear. Jeder kennt jeden, jeder macht mit jedem Musik. Als FM Belfast machen die beiden alles selbst, ohne Plattenfirma im Rücken. Deshalb haben sie für ihr Album "How To Make Friends" auch keine offizielle Goldauszeichnung, sondern nur eine gestickte Variante von Freunden bekommen. In Island reichen schon 5000 verkaufte Platten für Gold. Zum Vergleich: In Deutschland muss man dafür 100.000 Alben verkaufen.

Wie viele junge Isländer und wie die Sängerin Huld hoffen die beiden Musiker, dass die Krise die Einstellung der Isländer ändert. Dass die Natur wieder eine größere Rolle spielt, dass die Regierung nicht nur auf die umweltschädliche Aluminiumproduktion setzt. Dass man sich, wenn es auch so abgedroschen klingen mag, wieder auf das Wesentliche besinnt.

"Lokale Produkte werden wieder vermehrt gekauft", sagt Lóa. Und damit meint sie nicht nur Schellfisch und Lamm, sondern eben auch die Musik von lokalen Künstlern. Warum es hier auf Island so viele davon gibt? Árni kann sich das ganz leicht erklären: "Ach, hier ist es die meiste Zeit eben sehr, sehr langweilig."


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