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11. Oktober 2016, 04:51 Uhr

100 Jahre "Britannic"

Ein Wrack, große Hoffnungen

Von Linus Geschke

1916 sank das Schwesterschiff der "Titanic" vor der griechischen Insel Kea. Hundert Jahre später grübeln die Insulaner, wie sie das Wrack der "HMHS Britannic" touristisch nutzen können.

Spiegelglatt ist die Meeresoberfläche rund um die griechische Insel Kea. Als hätte sie jemand mit Öl überzogen. So still, dass es schwerfällt, sich vorzustellen, welche Katastrophe sich hier vor fast genau hundert Jahren abgespielt hat.

Es ist kurz nach acht Uhr morgens, der 21. November 1916, als die "HMHS Britannic" im Kanal zwischen den Inseln Kea und Makronisos auf eine Mine läuft, die das deutsche Unterseeboot U-73 gelegt hat. Die Explosion reißt ein Loch in den vorderen Bereich des Luxusliners, Wasser strömt ein, Menschen schreien. 58 Minuten später herrscht Stille. Die "Britannic", das 269 Meter lange Schwesterschiff der berühmten "Titanic", ist für immer von den Weltmeeren verschwunden.

Hundert Jahre später treffen sich auf Kea Wracktaucher und Politiker, Minister und Experten, um auf einer Konferenz über das Schiff zu reden. Über den Untergang, den heutigen Zustand - und darüber, wie man es zukünftig touristisch nutzen kann.

"Mein Traum wäre, einen Unterwasserpark zu errichten", sagt Jiannis Tsavelákos von der Tauchbasis Kea Divers. "Zusammen mit der 183 Meter langen 'SS Burdigala' und drei weiteren Wracks, die fast unbeschädigt auf dem Meeresgrund ruhen, haben wir ein nahezu einzigartiges Tauchgebiet genau vor der Haustür."

Zu tief für den Hobbytaucher

Ein gutes Dutzend Redner geben sich auf der Konferenz die Mikrofone in die Hand, und jeder hat seine eigenen Vorstellungen. Der für die Region zuständige Minister träumt von höheren Touristenzahlen, und Byron Riginos, Vorsitzender im Verein der Inselfreunde, hat bereits Pläne für ein Museum ausgearbeitet.

Fast kommt es einem so vor, als ruhten die Hoffnungen der ganzen Insel auf einem gesunkenen Schiffswrack - und auf dieser Konferenz. Sie soll seine Geschichte bekannt machen und eine Insel ins Licht der Medien rücken, deren Schönheit bislang eher im Verborgenen blüht.

Das Problem daran ist nur: Die "Britannic" liegt tief, gut 120 Meter, um genau zu sein. "Ein Tauchgang an ihr, das ist schon eine Aufgabe", sagt der deutsche Wracktaucher Derk Remmers. "So viele technische Taucher gibt es nicht, die die nötige Ausbildung und Erfahrung für einen sicheren Vorstoß in diese Tiefe mitbringen."

Um 15 Minuten an dem Wrack verweilen zu können, muss man rund drei Stunden Aufstiegszeit einplanen, um die in der Tiefe angesammelten Gase wieder abatmen zu können - ansonsten droht die unter Tauchern gefürchtete Dekompressionskrankheit. Jede weitere Minute unten bedeuten 20 zusätzliche Minuten Dekompressionszeit. Kaum anzunehmen, dass sich größere Touristenscharen von solchen Aussichten locken lassen.

Ein anderes Problem sind die Genehmigungen: Wer an der "Britannic" tauchen will, braucht zum einen die Zustimmung des britischen Autors und Dokumentarfilmers Simon Mills - er hat das Wrack 1996 für 15.000 Pfund gekauft. "Anfangs habe ich das gemacht, um das Schiff zu schützen, beispielsweise vor Plünderungen", berichtet er. "Inzwischen geht es mir aber vor allem darum, seine Geschichte aufzuarbeiten und die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen."

Zum anderen muss aber auch die griechische Regierung eine Erlaubnis für jeden Tauchgang erteilen - und die ist um einiges schwerer zu bekommen: Die "Britannic" gilt als Kriegsgrab, außerdem stehen Schiffe, die vor mehr als 50 Jahren gesunken sind, in Griechenland unter sehr restriktivem archäologischem Schutz. Man will Plünderungen und andere negative Erfahrungen, die man in der Vergangenheit mit Tauchern an antiken Wracks gemacht hat, unbedingt verhindern. Touristische Interessen stehen hier also archäologische Bedenken gegenüber.

Das Rätsel des Untergangs

Als die "Britannic" im Dezember 1915 in Dienst gestellt wurde, hatte die Belfaster Werft Harland & Wolff bei ihrem Bau in der bereits die Lehren aus dem Untergang der "Titanic" 1912 einfließen lassen. In Teilbereichen wurde sie mit einer doppelten Außenhaut versehen, ihre Antriebsmaschine war stärker, die wichtigsten Schottwände weiter hochgezogen, von denen es insgesamt 17 gab - selbst wenn sechs von ihnen geflutet waren, sollte die "Britannic" noch schwimmfähig bleiben.

Doch anders als ihrem berühmten Schwesterschiff war es der noch luxuriöseren "Britannic" nie vergönnt, Passagiere über den Atlantik zu befördern. Unmittelbar nach der Indienststellung wurde sie von der britischen Admiralität requiriert und als Hospitalschiff im Ersten Weltkrieg eingesetzt.

So auch am Tage des Untergangs, als der Ozeanriese auf dem Weg nach Mudros war, um 2500 verletzte Soldaten der Dardanellen-Schlacht aufzunehmen. Über 1000 Menschen waren dennoch bereits an Bord - die Schiffscrew, Ärzte und unzählige Krankenschwestern. Sie alle überlebten - bis auf 30, deren Rettungsboot zu dicht an das aus dem Wasser ragende Heck der "Britannic" geriet, wo es von einem der drei mächtigen Schiffspropeller regelrecht zerfetzt wurde.

"Lange Zeit war es für uns ein Rätsel, warum die 'Britannic' trotz aller baulichen Verbesserungen noch deutlich schneller gesunken ist als die 'Titanic'", sagt Mills. "Bis Taucher dann die Lösung fanden: Die Schottwände waren - wahrscheinlich aufgrund des zu der Zeit gerade stattfindenden Wachwechsels - nicht geschlossen, und ein Großteil der Bullaugen stand offen. Wie so oft war es also nicht die Technik, die versagt hat, sondern der Mensch, der sie bediente."

"Wie eine Fliege auf einem Wal"

"Ein Abstieg zu ihr ist ein überwältigendes Erlebnis", berichtet Remmers, der die "Britannic" im Rahmen der Konferenz betaucht hat. "Sie liegt auf der Steuerbordseite und weist bis auf den abgeknickten Bug praktisch keine Beschädigungen auf. Reling, Kapitänsbrücke, Inneneinrichtung - da ist alles noch intakt. Als Taucher kommt man sich angesichts ihrer Größe wie eine Fliege vor, die auf einem Wal landet."

Es sind Bilder von mystischer Schönheit, die die Taucher mit nach oben bringen. Man sieht kunstvoll angefertigte Wandfliesen, die Badewanne des Kapitäns. Eine Wendeltreppe verschwindet in der Tiefe, die Schnitzereien des Salons leuchten im Licht der Taucherlampen - Eindrücke einer versunkenen Welt. "Sie ist eine Ikone", sagt Remmers. "Und ihr Anblick verursacht nichts als Ehrfurcht."

Auf der Konferenz präsentiert Richie Kohler - einer der berühmtesten Wracktaucher der Welt, der für "National Geographic" und den History Channel gearbeitet hat - auch Ausschnitte eines Dokumentarfilms über die "Britannic", der kurz vor der Fertigstellung steht. Die Zuschauer sind gebannt - und hoffen zugleich, dass die Faszination für das Untergangsdrama auch Zugkraft für ihre Insel bedeuten wird.

Kohler ist einer der wenigen, die mit einem Forschungs-U-Boot auch schon an der "Titanic" waren. Er berichtet von den Abstiegen, von dem Anblick und dem Gefühl, das ihn dabei jedes Mal überkommen hat. Die "Britannic" sei dennoch das deutlich schönere Wrack, sagt er. Alleine schon wegen des besseren Zustands.

"Vielleicht ist dies ja ein Ansatz", grübelt einer der Offiziellen und nimmt einen Gedanken auf, den Simon Mills bereits 2008 öffentlich machte: "Ein U-Boot, das auch Touristen mitnehmen kann. Wenn es Menschen bis zu 30.000 Dollar wert ist, die 'Titanic' zu sehen, sollten wir doch auch welche finden, die für einen Bruchteil der Summe die 'Britannic' sehen wollen."

Vor 100 Jahren ging vor Kea eines der imposantesten Schiffe unter, die jemals die Weltmeere befuhren. Und hier auf der Insel scheint es undenkbar, dass dies vollkommen sinnlos geschehen sein könnte.

Linus Geschke ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise wurde unterstützt von Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr.

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