Bernina Express in Graubünden Dieser Zug ist abgefahren

Vier Stunden mit ständig wechselndem Panoramablick: Während der Alpenüberquerung mit dem Bernina Express rauschen Gipfel, Gletscher, Flüsse, Burgen und Täler an den Bahnfahrern vorbei. Und das seit über hundert Jahren.

TMN

Poschiavo - "Auch nach ungezählten Fahrten ist die Albula-Bernina-Strecke für mich einfach die schönste Alpenüberquerung per Eisenbahn", sagt Lokführer Erwin Cabernab. Noch immer genießt er es, wenn er die Albula-Schlucht passiert, dann das ewige Eis des Morteratsch-Gletschers erreicht und in der Montebello-Kurve den 4049 Meter hohen Piz Bernina erblickt. Auch die Gäste, die sich eine Mitfahrt im Triebwagen-Führerstand des Bernina Express gönnen, sind begeistert.

Um gute Sicht aus der leuchtend roten Schmalspurbahn auf die Schweizer Landschaft zu haben, muss man aber nicht unbedingt einen Platz im Cockpit gegen Aufpreis gebucht haben. Alle Wagen des Bernina Express haben Panoramafenster. Während der gut vierstündigen Tour von Chur, dem Hauptort des Kantons Graubünden, bis ins mediterran-warme italienische Tirano mit seinen Palmen ist stets Berg- und Rundumblick garantiert.

Die Bezeichnung Express ist freilich ein wenig irreführend: Bei recht gemütlichem Tempo führt die Strecke in Schlangenlinien über Gletscher und Viadukte sowie durch Kehrtunnel, die als bahntechnische Meisterleistungen gelten. Die Albula-Berninastrecke - die Bahntechnik ebenso wie die Landschaft - wurde daher von der Unesco zum Welterbe erklärt.

55 Tunnel, 196 Brücken

Begonnen hat die Geschichte der Alpenbahnen in Graubünden vor 125 Jahren. Bergbahnpionier war der Niederländer Willem Jan Holsboer. Er hatte sich einst vom Schiffsjungen zum Kapitän hochgearbeitet und später als Banker Geld verdient. Als seine Frau an Tuberkulose erkrankte, reiste das Paar in der Hoffnung auf Heilung in den Kurort Davos. Vergeblich. Nach dem Tod seiner Frau blieb Holsboer in der Schweiz. Er steckte Geld, Energie und Ideen in den Bau einer Bergbahn von Landquart nach Davos.

Das war der Grundstein für das heutige Bergnetz der Rhätischen Bahn, die heute ihr 125. Bestehen feiert. 1903 kamen die Albulabahn und 1910 die Berninabahn hinzu. Beide Bahnen erschlossen das Oberengadin und die Berninabahn schließlich auch das bis dahin isolierte Puschlavtal.

Die Bernina-Route fügt sich vollkommen harmonisch in die grandiose Gebirgswelt ein. "Hier ist es gelungen, eine Bahnlinie so mit der Umgebung zu verschmelzen, dass dieser Landschaft etwas fehlen würde, wenn es die Bahn nicht gäbe", sagt Cassiano Luminati, der Präsident der Region Valposchiavo. "Die Berninabahn war von Anfang an für Touristen gedacht. Deshalb hat man Tunnel, soweit es ging, vermieden und die Strecke so angelegt, dass Reisende möglichst viele tolle Aussichten genießen können."

Auf 55 Tunnels kommt die Strecke dann doch. 196 Brücken überquert die Bahn von Chur bis Tirano. An der steilsten Stelle meistert sie - ohne Hilfe von Zahnrädern oder Seilzügen - eine Steigung von sieben Prozent. Fünf Prozent galten vorher als Maximalwert.

Im Kreis fahren auf einem Viadukt

"Willkommen auf unserem Dach", sagt der 60-jährige Lokführer Cabernab. Auf 2253 Metern über dem Meer thronen das Bernina-Hospiz und daneben die höchstgelegene Station der Rhätischen Bahn. Sie bietet weite Blicke über eine weiße Welt - mit gelb-schmuddeligen Schlieren auf dem Schnee. "Das ist Sand aus der Sahara", sagt Cabernab. "Bei bestimmten Windverhältnissen wird er in große Höhen gewirbelt und vom Alpenföhn hierhergeweht."

Bei der Station Ospizio Bernina ist Halbzeit. Sie markiert auch eine Sprach- und Kulturgrenze. Hinter den Bahnfahrern liegt das Engadin, wo Rätoromanisch und Deutsch gesprochen wird, vor ihnen das italienisch geprägte Puschlav-Tal.

Gesehen haben sie damit bereits das Burgenland Domleschg, die Ortschaft Thusis mit dem Eingang zur legendären Viamala-Schlucht, das Schloss Ortenstein und den Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein bei Tamis im Churer Rheintal. Und eines der größten Bahnbauwunder: das 136 Meter lange Landwasserviadukt.

Schöne alte Dörfer und Kleinstädte wie Pontresina werden auf der Fahrt bis zur Endstation Tirano noch folgen. Dazu - über einen Seitenzweig der Rhätischen Bahn an die Bernina-Linie angebundene - der Luxuskurort St. Moritz. Die Alp Grüm samt Terrasse mit Blick zum Palügletscher. Und der bahntechnisch wie landschaftlich einzigartige Kreisviadukt bei Brusio. Mit Hilfe dieses meistfotografierten Bauwerks der Rhätischen Bahn, bewältigt der Zug in einer 360-Grad-Kehre auf engstem Raum enorme Höhenunterschiede.

Wer im Jubiliäumsjahr mehr von der Rhätischen Bahn sehen will, kann sich auf das Programm ihres 125-jährigen Bestehens stürzen: Sonderfahrten mit alten Dampflokomotiven, Genussreisen in rollenden Restaurants, im Piano-Bar-Wagen des Glacier Express und mit einem Nostalgiezug auf der Bernina-Route sind darin angekündigt.

Thomas Burmeister/dpa

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Kekser 14.05.2014
1. Alle Jahre wieder
wird dieser Artikel hervorgekramt und leicht überarbeitet. Ich vermute einSchweizer Fremdenverkehrsamt steckt dahinter. St.Moritz könnte ich mir gut vorstellen.
dolfi 14.05.2014
2. @ Kekser...
Mag sein. Aber die Bahnfahrt ist wirklich phantastisch, kann ich nur empfehlen. Ach ja, Ihre Vorstellung ist nicht richtig, denn Graubünden Tourismus ist in Chur.
fort-perfect 14.05.2014
3. Ich kenne
Zitat von sysopTMNVier Stunden mit ständig wechselndem Panoramablick: Während der Alpenüberquerung mit dem Bernina Express rauschen Gipfel, Gletscher, Flüsse, Burgen und Täler an den Bahnfahrern vorbei. Und das seit über hundert Jahren. http://www.spiegel.de/reise/europa/125-jahre-rhaetische-bahn-mit-dem-bernina-express-in-graubuenden-a-969072.html
die Gegend von meinen Motorradtouren.... es ist wirklich wunderschön dort, auch ohne Bahnfahrt.... über den Bernina zu fahren, ins Puschlav Tal hinein und dann in Tirano im Strassencafe einen Espresso zu trinken... hach das hat was....
bernd80b 14.05.2014
4. Man könnte
wenn man den Artikel sowieso jedes Jahr bringt, auch den Fahrpreis mitteilen. Zumindest wäre es eine hilfreiche Zusatzinformation und würde den Artikel vollständig machen. Halbe Infos gibt es zur Genüge
kahabe 14.05.2014
5. Und auf der Rückfahrt
Zitat von fort-perfectdie Gegend von meinen Motorradtouren.... es ist wirklich wunderschön dort, auch ohne Bahnfahrt.... über den Bernina zu fahren, ins Puschlav Tal hinein und dann in Tirano im Strassencafe einen Espresso zu trinken... hach das hat was....
mit kleinem Umweg den Gavia-Pass überqueren. Zur Bernina-Strecke habe ich bislang immer angenommen, dass sie in St. Moritz beginnt und über nur 10 Tunnels respektive Galerien verfügt. Sie hat übrigens ein vom übrigen Netz der Rhätischen Bahn abweichendes Stromsystem. Wunderschön ist sie sehr wohl, leider im Artikel nicht durch Bilder belegt. Auch auf der Anfahrt von Chur aus über den im Bild gezeigten Landwasserviadukt und das Weltkulturerbe Albulastrecke.
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