Eiger-Nordwand-Jubiläum: Früher Todesfalle, heute Rennstrecke

Von

Die Erstbesteiger brauchten vier Tage, heutige Spitzenalpinisten nur ein paar Stunden: Die Historie der Eiger-Nordwand zeigt, wie sich der Klettersport in den vergangenen 75 Jahren gewandelt hat - und wie wertvoll moderne Ausrüstung ist.

Eiger-Nordwand: Todesfalle und Herausforderung Fotos
Frank Kretschmann / SALEWA

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Roger Schäli ist ein Ninja. Einer, der lautlos und katzenartig selbst senkrechte Wände erklimmt, um an sein Ziel zu gelangen. Das sagt zumindest der Japaner Takio Kato. Kato, seit Jahrzehnten wohnhaft in der Schweiz, ist in Bergsteigerkreisen eine Legende. Im Sommer 1969 durchstieg er mit einem Team von vier Landsleuten die berüchtigte Eiger-Nordwand auf der direkten und damals schwierigsten Route, "Japaner-Direttissima" genannt.

Im Akkord werkelten die Asiaten, um Steilwände, Felsabbrüche und Überhänge mit Bohrmaschinen, Haken, Strickleitern und anderen technischen Hilfsmitteln gefügig zu machen. Der Durchhaltewillen zahlte sich aus - nach 30 Tagen in der 1650 Meter hohen Wand standen Kato und seine Gefährten auf dem Gipfel.

Roger Schäli, einer der besten Schweizer Bergsteiger, wiederholte 2009 die Route der Japaner. Dabei durchstieg er die Wand nach mehreren gescheiterten Anläufen im sogenannten Rotpunkt-Stil. Er und sein Partner Robert Jasper sicherten zunächst neuralgische Stellen ab, um die Wand dann frei zu klettern, also ohne sich an Haken oder Fixseilen festzuhalten.

Schäli, bis auf die letzte Sehne durchtrainiert, ist ein besessener Athlet, der sich und seine Leidenschaft mit eigenen Magazinen und Filmen vermarktet. Er beweist, dass sich im Kampf der Kletterer mit der "Mordwand" die Voraussetzungen verschoben haben - zugunsten der Alpinisten.

Gipfelsturm fürs Heimatland

Bis in die sechziger Jahre endete der Kampf um die Bezwingung der Nordwand Eiger oft tödlich . So ließen vor der Erstbesteigung 1938 acht Menschen unter dramatischen Umständen ihr Leben an der Wand, darunter viele Deutsche und Österreicher, die nicht zuletzt von übersteigertem Nationalismus und übersteigertem Ehrgefühl an den Berg getrieben wurden.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg dann ließ die Suche nach immer neuen und schwierigeren Routen zum Gipfel den Blutzoll weiter ansteigen - die Opfer stammten nun aus aller Welt. Gleichzeitig aber feierten Kletterer am Eiger zahlreiche alpinistische Triumphe. Auch, weil das Material immer besser wurde.

Den Unterschied zwischen damals und heute erläutert der Schweizer Spitzenbergsteiger Stephan Siegrist bei einem Ortstermin an der Eiger-Nordwand. Die Jungfraubahn hält auf freier Strecke im Tunnel, wenige Meter weiter öffnet sich eine Luke im Fels.

Draußen, am Eingang des berühmten Stollenlochs, das Schauplatz vieler Rettungsversuche war und das auch heute noch in Not geratenen Bergsteigern den Rückzug aus der Wand ermöglicht, findet man selbst im Hochsommer einen Balkon aus brüchigem Altschnee vor. In der Tiefe, 600, 700 Meter weiter unten, schlängeln sich Wanderwege über grüne Almen.

Hightech-Eisschrauben erhöhen die Sicherheit

Gelassen steht Siegrist am Abgrund. Er ist ein Meister der kombinierten Kletterei, bei der Passagen aus Fels, Eis und Schnee zu bewältigen sind. Es ist genau dieses Gelände, das den an reine Felswände gewöhnten deutschen und österreichischen Kletterern in den dreißiger Jahren zu schaffen machte. Heute wechseln Bergsteiger wie Siegrist in der Wand zwischen Steigeisen und normalen Schuhen.

Aber auch die Möglichkeiten der Sicherung sind andere. Siegrist zeigt eine daumendicke Metallschraube mit Zacken an der Spitze und einem feinen Gewinde an der Außenhaut. Das Gerät bietet selbst bei fragilem Eis maximalen Halt. Dann, zum Vergleich, hält der Kletterer einen grob geschmiedeten, knapp 20 Zentimeter langen Eisensporn in die Höhe - ein Eishaken aus der Ära der Erstdurchsteiger der Wand. Man will sich kaum vorstellen, welch wackelige Sicherheit das antik anmutende Metallteil in den Eisfeldern der Eigernordwand bot, die so steil und exponiert sind wie Kirchturmdächer.

Siegrist hat die Wand fast dreißig Mal durchstiegen, einmal sogar mit dem Material von Anderl Heckmair und Heinrich Harrer. "Das war schon hart", sagt der 40-Jährige, besonders die klobigen Schuhe und die ungemütlichen Steigeisen hätten ihm zu schaffen gemacht.

Später, zurück im Stollen, verweist er auf das Gerät, das den wohl größten Evolutionssprung durchlaufen hat - den Eispickel. Benutzten die Nordwand-Besteiger noch bis in die sechziger Jahre traditionelle Pickel mit langem hölzernem Stiel, um Stufen ins Eis zu hacken, so sind die modernen Wiedergänger ergonomisch geformte, mit Sägezähnen bewaffnete Allzweckwaffen, die sich mühelos in Eisschichten verschiedenster Konsistenz treiben lassen.

Speed-Rekord mit Leichtgewicht-Ausrüstung

Ohne die Eisgeräte wäre auch der Rekord des Schweizers Dani Arnold nicht möglich gewesen. Im März 2011 durchkletterte er in zwei Stunden und 28 Minuten die Eiger-Nordwand. Das vermeintlich Unvorstellbare wird besser vorstellbar, wenn man die weiteren Ausrüstungsgegenstände der heutigen Kletterer in Betracht zieht. "Schon die Erstbesteiger damals waren sehr gute Kletterer", sagt Arnold heute. "Den größten Fortschritt hat es bei der Hardware gegeben."

So sei vor allem die Gewichtsersparnis bei Schuhen, Seilen oder Textilien enorm: Während man sich früher in Jacken aus Segeltuch durch die Wand quälte, die zwar leidlich winddicht waren, aber nach dem Kontakt mit Schmelzwasser zu brettharten Panzern gefroren, können heutige Alpinisten auf widerstandsfähige, atmungsaktive und leichte Funktionskleidung bauen.

Derart ausgerüstet steigen Rekordjäger wie Arnold heute lieber im Winter in die Wand, da in der kalten Jahreszeit die Gefahr durch Steinschlag geringer ist und Stufen in Schnee und Eis bessere Trittmöglichkeiten bieten. So ist für das alpinistische Spitzenpersonal die Kletterei in der Nordwand heute kein Kampf mehr auf Leben und Tod, sondern - je nach Route - eine sportliche Herausforderung. "Die Zeiten haben sich geändert. Es geht nicht an, dass man heute noch drei Tage braucht", sagt Arnold.

Er räumt aber ein, dass Verletzungen aufgrund von Steinschlag oder Lawinen nie ausgeschlossen sind. Selbst angeschlagen sei er aber in der Lage, sich mit einem stets mitgeführten 50-Meter-Seil nach unten aus der Wand zu retten. Entscheidend dafür sei nicht zuletzt die Tatsache, dass er die Wand in allen Details kenne - nur so könne man vermeiden, sich über einen zu hohen Felsen abzuseilen. Dieser Fehler kostete 1936 den Deutschen Toni Kurz das Leben.

Unterschätzen sollte man den Eiger aber nie, darin sind sich Spitzenkletterer wie Arnold, Siegrist und Schäli einig. Der Mythos lebt, und die Avantgardisten des Alpinismus erschließen weiterhin neue, immer schwierigere Routen in der Nordwand. Mit seinen Leistungen im überhängenden Fels beeindruckte Schäli die Kletterlegende Takio Kato jedenfalls nachhaltig. Der Japaner erkor Schäli nicht nur zum Ninja - er widersprach auch nicht, als der Schweizer seiner Tochter den Hof machte.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Randbemerkungen
heinrich-von-braun 23.07.2013
Vor den Leistungen der Erstbesteiger, liebe Leser, habe ich allergrößte Hochachtung! . Heute ganz ehrlich, betrachte ich dies eigentlich als Turi-Strecke für 3 klassige, sogenannte Bergsteiger. . Dasselbe gilt für den Everest, wo Ströme von Turis, einschließlich etwas ältere 80-jährige den Berg, ja was eigentlich?, ja entweihen! . Ich kann mir nicht vorstellen, dass wirkliche Bergsteiger diese > Umweltzerstörung < der Berge für gut befinden. . Messmer sagte schon vor vielen Jahren, dass die Routen, die man aus angebergründen zwingend machen muss, von unten bis oben "Vollgekotet" und mit anderen Abfallprodukten überseht sind. . Wettlauf zum Gipfel, der eine schafft es in 2 Stunden 35 Minuten, der Andere in 2 Stunden 29 Minuten, der wieder Andere zum Kreuz auf dem Friedhof; das gesellschaftliche Bedauern hält sich dabei aber sehr in Grenzen. . Ach ja, nicht zu vergessen die Spezialisten, die durch ihr Nichkönnen noch die Jungs von der Bergrettung in Gefahr bringen. . Einfach heute, man klettert 5oo Meter hoch, kann dann weder vor noch zurück, ach ja man hat ja Handy, da kann man ja schnell jemand zur Hilfe rufen. Aber nicht immer klappt das. Die besagten Kreuze geben da ja reichlich Auskunft. . Nicht immer hilft eine tolle tausende € teure Ausrüstung uber eigenes Nichtkönnen hinweg. . Ja, ja ich weis, Hauptsache FUN und Angeberei über angebliche tolle Leistungen. . Euer H.v.B.
2. respekt, respekt
123456789abc 24.07.2013
Zitat von heinrich-von-braunVor den Leistungen der Erstbesteiger, liebe Leser, habe ich allergrößte Hochachtung! . Heute ganz ehrlich, betrachte ich dies eigentlich als Turi-Strecke für 3 klassige, sogenannte Bergsteiger. . Dasselbe gilt für den Everest, wo Ströme von Turis, einschließlich etwas ältere 80-jährige den Berg, ja was eigentlich?, ja entweihen! . Ich kann mir nicht vorstellen, dass wirkliche Bergsteiger diese > Umweltzerstörung < der Berge für gut befinden. . Messmer sagte schon vor vielen Jahren, dass die Routen, die man aus angebergründen zwingend machen muss, von unten bis oben "Vollgekotet" und mit anderen Abfallprodukten überseht sind. . Wettlauf zum Gipfel, der eine schafft es in 2 Stunden 35 Minuten, der Andere in 2 Stunden 29 Minuten, der wieder Andere zum Kreuz auf dem Friedhof; das gesellschaftliche Bedauern hält sich dabei aber sehr in Grenzen. . Ach ja, nicht zu vergessen die Spezialisten, die durch ihr Nichkönnen noch die Jungs von der Bergrettung in Gefahr bringen. . Einfach heute, man klettert 5oo Meter hoch, kann dann weder vor noch zurück, ach ja man hat ja Handy, da kann man ja schnell jemand zur Hilfe rufen. Aber nicht immer klappt das. Die besagten Kreuze geben da ja reichlich Auskunft. . Nicht immer hilft eine tolle tausende € teure Ausrüstung uber eigenes Nichtkönnen hinweg. . Ja, ja ich weis, Hauptsache FUN und Angeberei über angebliche tolle Leistungen. . Euer H.v.B.
hat sich doch noch ein experte gefunden zum kommentieren. wann bist Du den weg gegangen? und soviele weitere randbemerkungen, die die menschheit braucht. Eigentlich gilt doch, wenn man nichts zu sagen hat einfach mal klappehalten...und wenn man nicht mal das schafft, kann man selbst von drittklassigkeit nur traeumen.
3. Teilweise richtig...
ColdDayInTheSun 24.07.2013
Einige der von ihnen genannten Dinge über Moderouten oder auch grade eben den Mount Everest stimmen so definitiv 1:1... allerdings sind der Großteil der Routen in der Eiger Nordwand doch von einer klettertechnischen Schwierigkeit, das nicht jeder "Hans-Dampf-aus-der-Muckibude" mal eben samt gechartertem Bergführer gemeistert wird... Der Hörnligrat am Matterhorn hat grade mal 2 plattige 3- (UIAA) Stellen, der Rest ist 1-2 bzw. Gehgelände, da kann ich als Bergführer so einiges raufschleifen... die leichtesten Routen in der Eiger Nordwand sind selbst A0 noch im UIAA V Bereich... persönlich klettere ich bis UIAA VI- Mehrseillängen-Routen in den Alpen, und ich bin der festen Meinung, das man mehr alpine & klettertechnische Voraussetzungen braucht um "mal eben mit Bergführer" die Eiger Nordwand hochzurennen... im Gegensatz zu Matterhorn, Mont Blanc oder wenn der Geldbeutel stimmt eben dem Mount Everest...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Bergsteigen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
Fotostrecke
Klettersteig am Rotstock: Seillänge um Seillänge zum Gipfel