Abseits der Piste: Der perfekte Freeride

Unter den Skispitzen glitzern die Schneekristalle, und schon beim ersten Schwung im tiefen Schnee passiert es: das Gefühl von Schwerelosigkeit stellt sich ein. Freeriding hat in diesem Winter das Zeug zum Shootingstar. Die besten Tiefschnee-Gebiete in den Alpen.

Freerider im Flug: Zeug zum Shootingstar
DDP

Freerider im Flug: Zeug zum Shootingstar

München - Der Namenspatron der Skiarena "Sonnenkopf" funkelt bereits über dem Bergkamm - aber im Sessellift auf den Glattingrat ist es noch erbärmlich kalt. Doch schon der erste Blick bestätigt, dass sich das Aufstehen gelohnt hat: glitzernder, pulvriger Tiefschnee.

Noch zerpflügt keine einzige Spur die Schneedecke, die sich heute Nacht über den Hang ausgebreitet hat. Majestätische Ruhe. Dann ist der Ausstieg da: Schnell die Schnallen festziehen und den Grat entlang. Vorbei an dem Schild, das vor den alpinen Gefahren warnt, die ab hier lauern. Denn hier beginnt auch der Traum vom perfekten Skifahren.

Das Geheimnis des "Freeriding" steckt im Ski. Freerideski sind breiter als herkömmliche Carver, bis zu 14 Zentimeter an der Schaufel. So erhalten sie im Tiefschnee stärkeren Auftrieb und lassen den Fahrer fast schwerelos dahinschweben. Die Skiwelt hat schon viele Trends kommen und gehen sehen - diesen Winter hat Freeriding das Zeug, zum Shootingstar zu avancieren.

Fahren abseits der planierten Pisten ist jedoch nicht ohne Risiko. Unter makellos weißen Oberflächen lauern zahlreiche Gefahren. Jeder, der sich hierher begibt, sollte mit einem Verschütteten-Suchgerät (LSV) ausgerüstet sein, am besten zusätzlich mit Lawinen-Airbag. Jeder Trip abseits der Piste sollte vorab genau geplant sein. Vor allem sollten aber nur solche Abfahrten gewählt werden, die auch als Routen ausgewiesen sind. In einigen Skigebieten dürfen Skifahrer nur in Begleitung eines Skiguides abseits fahren. Doch auch so lassen sich nicht alle Unwägbarkeiten ausschalten, etwa der Geröllhaufen knapp unter der Schneedecke, der an diesem Morgen die erste Abfahrt jäh stoppt und zur Erinnerung ein tiefes Loch im Belag hinterlässt.

Champagner-Schnee in USA

Nicht jeder Steilhang ist befahrbar, und nach jedem Schneefall kann sich das Terrain verändert haben. Schneeverwehungen bilden manchmal Überhänge, die beim Überfahren als gefährliches Schneebrett abgehen. Für Einsteiger bietet sich die Teilnahme an einem der inzwischen von zahlreichen Skischulen angebotenen Freeridekurse an. Die besten Ressorts gibt es in den USA und Kanada. "Champagne Powder" nennen die Amerikaner ihren für seine Trockenheit berühmten Pulverschnee. Meist wird der Anstieg dort mit dem Helikopter bewältigt. Das ist bequem, und auch der schwächelnde Dollar macht das Erlebnis sehr viel günstiger, doch für "Normalverdiener" bleibt es immer noch ein teurer Spaß und umweltfreundlich ist der Flug auf die Spitze auch nicht.

Beim klassischen Freeriden in den Alpen dagegen wird der Berg mit der Seilbahn erklommen - und zur Not noch die letzte Strecke mit der Ausstattung auf der Schulter durch den Schnee marschiert. Und auch hier gibt es erstklassige Freeridespots: Neben dem Stubaier Gletscher zählt der Arlberg mit dem "hinteren Rendl" und den Abfahrten vom Albonagrat zu den bekanntesten Tiefschneeparadiesen. Auch der höchstgelegene Skiort Österreichs, das Kühtai, wartet mit zahlreichen Tiefschneeabfahrten rund um den Kühtaisattel auf.

Kuhlen und Macken

Als Hochburg der Szene hat sich das bislang weniger populäre Krippenstein im österreichischen Salzkammergut bei Tiefschneefans einen Namen gemacht. Mit rund 30 Kilometern unpräparierten Abfahrten ist das Gebiet seit zwei Jahren Gastgeber des internationalen Rennens Red Bull White Rush. In der Schweiz gilt Verbier als Refugium der Freerider: Zahlreiche Hänge etwa vom Col de Mines und von Gentianes nach Tortin bleiben für Tiefschneefans reserviert - die meisten dürfen nur mit Bergführer befahren werden.

Am Sonnenkopf ist der Glattingrad bezwungen und mit zitternden Knien lässt man sich im Sessel wieder bergauf schaukeln. Als diesmal der Blick über die eigenen Spuren im Tiefschnee gleitet, macht das doch irgendwie stolz. Wäre da nicht diese Kuhle gleich ganz oben und die Macke im Belag - es wäre ein perfekter Freeride gewesen.

Von Jochen Hägele, ddp

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