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Airboard für Anfänger: Schussfahrt mit Luftmatratze

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YouTube/AirboardFunCare

Mit 100 Sachen abwärts im Schnee - auf einem Airboard ist das kein Problem. Wenn man denn die Kurve kriegt. Und selbst leichte Abfahrten sehen von der Luftmatratze aus wie mörderische Steilwände. Ein Selbstversuch.

Das Abenteuer Airboard beginnt mit einer Gondelfahrt bei Sonnenaufgang, einem Kniefall im Schnee und einer denkbar kurzen Einweisung in die Lenkbarkeit von Luftmatratzen: "Verlagere einfach dein Körpergewicht nach links oder rechts", erklärt Chris Gottlieb, mein Coach.

Es ist kurz nach 8 Uhr morgens, wir stehen an der Bergstation der Kompardellbahn im Skigebiet Serfaus. Vor uns liegt breit und frisch gespurt die Gampenabfahrt. Als Skifahrerin würde ich über diese blaue Piste mit zwei Schwüngen hinwegfegen. Jetzt, mit dem Bauch fast auf dem Boden, sieht sie aus wie ein Steilhang mit senkrechtem Gefälle. "Keine Angst, da ist ein ganz langer, flacher Auslauf unten", sagt Gottlieb und zeigt auf das Ende der Piste.

Gottlieb, 33, ist schmal wie ein Liftbügel und weist seit drei Jahren Funsportler in die Kunst des Airboardings ein. "Am schönsten ist Airboarden ganz früh am Morgen, wenn man über die frisch gewalzten Pisten schnurstracks den Berg runterfahren kann", sagt er. Anfänger wie ich müssen aber erst mal lernen, wie man eine Kurve fährt.

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Airboard für Anfänger: "Pack ma's?"

Mit 100 Sachen über die Piste

Gottliebs Einführung klang simpel. Aber allein die zwei Sekunden Verzögerung, die es dauert, bis sich der Lenkimpuls auf die Plastikkufen an der Unterseite des Luftkissens überträgt, fühlen sich an, als würde man ohne Kontrolle ins Tal rasen. "Zur Not kannst du immer noch mit Knien und Füßen bremsen. Oder du rollst dich einfach komplett vom Board runter", sagt mein Coach und glaubt, mich beruhigt zu haben.

Damit eine solche Notbremsung keine bleibenden Spuren hinterlässt, bin ich gepanzert wie ein Ninja-Turtle: Unter meinem grauen Overall trage ich dicke Knie- und Ellbogenschützer, Rücken- und Schulterprotektoren, an den Füßen Snowboardstiefel und auf dem Kopf meinen Skihelm. Als wir mit dem Ankleiden fertig waren, musste ich einen Zettel unterschreiben, auf dem ich versicherte, dass ich im Vollbesitz meiner körperlichen und geistigen Kräfte bin.

Denn die Highspeed-Luftmatratze wird locker 100 km/h schnell, Gottlieb hat auf einer präparierten Piste schon mal 116 km/h geschafft, der Weltrekord liegt bei 141 km/h. "Ab 90 km/h hörst du es im Ohr pfeifen", sagt Gottlieb und grinst. "Dann weißt du, du bist auf dem richtigen Weg."

Erfunden hat den Raser der Schweizer Joe Steiner. Zehn Jahre lang hatte er an seinem schnellen Schlitten getüftelt, bevor er ihn 2001 auf den Markt brachte. Seine Idee war, dass die Menschen das drei Kilogramm schwere, 1,20 Meter lange Luftkissen nicht nur auf der Piste nutzen, sondern auch im Tiefschnee.

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Einige Skigebiete haben solche Airboard-Touren auch im Programm: Man stapft fernab der Lifte den Berg mit Schneeschuhen hoch, bläst am Gipfel das Board auf und gleitet dann durch den Tiefschnee wieder bergab. Aber das verlangt eine gewisse Übung, und solange eine blaue Piste aussieht wie eine Steilwand, ist an Tiefschneetouren nicht zu denken. Wie soll ich die Gampenabfahrt jemals heil runterkommen?

Ab 9.30 Uhr ist Schluss mit Airboard

"Also, pack ma's?", fragt Gottlieb und schaut mich aufmunternd an. Ich nicke. Er nimmt Anlauf und wirft sich auf sein Board. Elegant zieht er seinen ersten Schwung nach links, die Beine fliegen durch die Luft, der Schnee stiebt. Die zweite Kurve fährt er noch weiter aus, fast sieht es aus, als würde er abheben. Als er mir von dem Flachstück aus zuwinkt, erinnert er an einen Raumfahrer.

Ich lege mich auf mein Airboard und schiebe meine Hände zögerlich in die Haltegriffe. Meine Nase hängt ungefähr zehn Zentimeter über dem Schnee, wegen des Helms kann ich meinen Kopf nur eingeschränkt bewegen. Vorsichtig drücke ich mich mit den Füßen ab, sofort nimmt das Airboard Fahrt auf. "Die Kurven möglichst früh einleiten", hatte Gottlieb eben noch gesagt.

Ich verlagere mein Körpergewicht leicht nach links, ziehe am Griff - und das Board gehorcht. Ich versuche den Bogen nach rechts, aber das Board ist schon so schnell, dass es nicht mehr auf meine Befehle reagiert. Verdammt! Ich ziehe mit aller Kraft an dem Griff, endlich klappt es. Danach ist an Lenken nicht mehr zu denken: Das letzte Drittel des Hangs rutsche ich geradlinig bergab.

Als ich vor Gottlieb zum Stehen komme, bin ich unter meinem Panzer nass geschwitzt. "Und, wie schnell war ich?", frage ich. Gottlieb lacht. "Na ja, 20 km/h werden es schon gewesen sein." Und dann stürzt er sich auf die nächste Abfahrt.

Denn die Zeit läuft uns gegen uns. Im Skigebiet Serfaus-Fiss-Ladis dürfen Airboards nur von 8 bis 9.30 Uhr auf die Pisten, danach gehören die Berge wieder den Skifahrern und Snowboardern. Zusammenstöße mit Skifahrern habe es zwar noch keine gegeben, sagt Gottlieb. "Aber wenn Skifahrer aus den Augenwinkeln ein Airboard sehen, dann wissen die nicht was das ist, werden nervös und verknoten die Beine." Im Klartext: Die Skifahrer fallen vor Schreck um.

Ein Virus namens Höherschnellerweiter

Auf der zweiten Abfahrt habe ich das Sportgerät schon etwas besser im Griff, auf der dritten fängt die Sache an, Spaß zu machen. Gottlieb hat einen breiten Ziehweg mit minimalem Gefälle gefunden. Dort kann ich hintereinander fünf kontrollierte Kurven fahren. Das Zischen der Kufen auf der frisch gewalzten Piste klingt wie einen Applaus.

Unten am Lift lobt mich auch Gottlieb: "Das könnten diesmal glatt schon 25 km/h gewesen sein", sagt er. Und grinst wieder. Soll er nur lachen - eben im Lift hat er noch selbst erzählt, dass Frauen und Männer eine sehr unterschiedliche Herangehensweise an das Airboardfahren haben: Während Frauen schon bei geringen Geschwindigkeiten happy sind, packt Männer nach den ersten Schwüngen oft das Höherschnellerweiter-Virus. "Dann kann die Piste nicht mehr steil genug sein", hat Gottlieb gesagt. "Die wollen den Fun maximieren."

Als ich mich eine halbe Stunde später aus dem Schutzanzug schäle und das Airboard wieder gegen meine Ski tausche, fühle ich mich ohne die Protektoren leicht wie eine Feder. Auch die erste Abfahrt mit Skiern ist ein Genuss: Meine Bretter reagieren wendig und schnell auf kleinste Bewegungen. Und die Gampenabfahrt? Ist ein Witz. Vielleicht lernt man das Einfache erst schätzen, wenn man das Extreme ausprobiert hat.

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1. Das Problem,
nesmo 26.12.2015
man sollte nur auf Sonderpisten fahren. Wenn die Luftmatratzen in größerer Zahl ziemlich unlenkbar auf Normalpisten den anderen die Beine weghauen, wirds lästig. Ich glaube nicht, dass die Dinger hinreichend steuerbar werden um im allgemeinen Skiverkehr keinen Schaden anzurichten. Lustig, aber nur als großer Abräumer verwendbar.
2. offenbar nicht wirklich optimal vermarktet
jackjackjack 26.12.2015
google und ebay zeigen unter Airboard ganz andere Dinge amazon bringt einen Treffer mit 6 Bewertungen und man sieht nicht mal die Gleitoberfäche
3. gabs schon in den 80er/90er Jahren
Moonshine42 26.12.2015
Hab die Dinger erst vor kurzem aus dem Keller entsorgt... der Kunststoff war brüchig geworden.
4. Unglaublich
bauigel 26.12.2015
Ich bin grundsätzlich für neue Ideen. Aber dass diese Dinger - nahezu unlenkbar und unbremsbar - mit Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h auf den gleichen Pisten wie Skifahrer und Snowboarder fahren dürfen ist komplett verantwortungslos. Das spottet jeder Pistenregel und ich bin gespannt wie die Leute (Pistenbetreiber, Fahrer, Erfinder, ...) die Verantwortung von sich schieben, wenn der erste schwere Ubfall passiert.
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