Åland-Inseln in Finnland Gib mir ein Ö

Inseln, überall Inseln: Rund 6700 kleine und größere Schären in der Ostsee bilden den Åland-Archipel. Die Einwohner sprechen Schwedisch, gehören zu Finnland - und pflegen ihren Eigensinn.

Von Alva Gehrmann

Alva Gehrmann

Mal sind es bewaldete Eilande mit roten Holzhäusern und Steg, mal nackte Felsen, die nur knapp aus dem Meer ragen, aber alles, was zu sehen ist, ist Insel. Das Motorboot düst vorbei an einem Schären-Mix. Der Kapitän steuert sein Boot lässig mit einer Hand, während er aus der schmalen Dachluke schaut. Das ist zwar nicht wirklich erlaubt, aber es sieht ja keiner außer seinen Passagieren.

Auf den Åland-Inseln bleibt für jeden genug Platz zur persönlichen Entfaltung. Der Archipel liegt inmitten der Ostsee zwischen Schweden und Finnland. Und irgendetwas dazwischen ist Åland auch: Offiziell gehört es zu Finnland, die Bewohner sprechen jedoch nur Schwedisch, und die Gemeinschaft ist selbstverwaltet. So weht denn auch am Heck des kleinen Bootes, das um die Inselgruppe Kökar schippert, eine eigene Flagge: rot-gelbes Kreuz auf blauem Grund.

Mit an Bord ist die finnische Schriftstellerin Ulla-Lena Lundberg. Die 67-Jährige wurde auf Kökar geboren, sie kennt jeden Winkel. "Manche können hier nicht schlafen, weil es ihnen zu ruhig ist", sagt sie. Heute leben dort 245 Menschen, natürlich kennen alle einander. Lundberg setzte ihrer Heimat mit dem preisgekrönten Roman "Eis", der kürzlich auf Deutsch beim mare Verlag erschienen ist, ein Denkmal.

Selbst wenn Lundberg die Insel im Bestseller Örar nennt, gibt es längst einen "Eis"-Tourismus. Der Roman erzählt vom bewegten Inselleben einer Pfarrerfamilie in der Nachkriegszeit und vom Zusammenhalt der Gemeinschaft, die der manchmal winterlich vereisten Ostsee trotzen muss. Nicht ohne Schwierigkeiten. "Wir nordischen Menschen brauchen unseren Platz; wir leben nicht so gerne dicht beieinander", sagt die Autorin.

Trollwesen von Tove Jansson

An diesem strahlenden Tag scheint der Winter so fern wie das finnische Festland. Lundberg, selbst Tochter eines Pfarrers, ist auf dem Weg zu einer ihrer Lieblingsinseln - Källskär. Nach einer halbstündigen Fahrt legt das Boot in der schmalen Bucht im Nordhafen an. Von hier aus ist es nicht weit bis zu einer kleinen Holzhütte auf einem Felsenhügel. In dieser einfachen Unterkunft arbeitete Tove Jansson einen Sommer lang. Die Zeichnerin der weltberühmten Mumins, die im August 100 Jahre alt geworden wäre, schuf hier ihre mystischen Inselwelten. Ihre Kinderbücher über die nilpferdartigen Trollwesen wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Von der Hütte hatte Jansson einen perfekten Blick aufs Meer mit seinen unzähligen Schären. "Skär" heißt Schäre auf Schwedisch, erklärt Ulla-Lena Lundberg. Eine Insel ist "ö", eine kleine Insel "ör", ein Stein "sten" und "grynna" ein Stein, der sich teilweise oder ganz unter Wasser befindet. In Åland kommen 6700 Inseln und Schären auf knapp 29.000 Einwohner. Als eigene Insel zählt dabei nur, was mindestens 3000 Quadratmeter groß ist. Würden sie all die kleineren Schären, die aus dem Meer ragen, einbeziehen, käme wohl auf jeden Åländer mindestens ein Eiland.

Die schwedischsprachige Lundberg lebt zwar schon lange in einer kleineren Stadt bei Helsinki, trotzdem ist sie stark mit ihrer Heimat verwurzelt. Fühlt sie sich auch wie eine Insel? "Ja, ich glaube schon", sagt sie. "Es heißt ja immer 'No man is an island', aber in gewisser Weise sind wir es doch." Die zierliche Schriftstellerin läuft leichtfüßig über die Felsen, sie trägt einen gemusterten Wollpulli und dunkle Gummistiefeln. Sie spaziert zum ehemaligen Gut von Baron Göran Akerhielm.

Tove Jansson, die aus Helsinki stammt, wurde von dem schwedischen Baron nach Källskär gelockt. Er lud die Mumintroll-Zeichnerin und andere Künstler ein, sich hier an der Küste von der Natur inspirieren zu lassen. Akerhielm selbst hatte sich einst in die Insel verliebt und wollte eine mediterrane und nordische Oase schaffen. Dafür musste er extra Erde anfahren lassen, sonst wäre auf den Granitfelsen nichts gewachsen. Am Rande des Gartens, der als Crocket-Feld dient, stehen griechische Marmorstatuen, blühen Rhododendren, es gibt sogar einen kleinen Weingarten. Später übergab Akerhielm sein Grundstück den Åländern.

Dichterin Karlsson findet Inspiration in der Natur

Weniger einsam als auf Kökar ist es in Ålands Hauptstadt Mariehamn. Knapp 11.000 Menschen leben dort, sie nennen ihre Hauptinsel "Festland". Vom Westhafen aus schippern im Sommer täglich 40 Fähren nach Stockholm, Helsinki und Tallinn. Das Sjöfartsmuseum erzählt von der bewegten, maritimen Geschichte und Gegenwart. Zum Museum gehört das Segelschiff "Pommern", es soll die letzte Viermastbark sein, die noch im Originalzustand existiert.

"Wir Åländer sind anders, ein bisschen stur", sagt Carina Karlsson. Das liege sicherlich daran, dass sie es traditionell gewohnt sind, alles selbst zu regeln und immer einen Plan B zu brauchen, wenn die zuweilen unbarmherzige Natur sich zu Wort meldet. Die 48-jährige Dichterin sitzt im Restaurant Paviljongen des Aland Yacht Clubs ASS. An diesem Abend schaukeln rund hundert Segelboote und Jachten im Wasser.

Karlssons Mann war bis zu neun Monate des Jahres auf hoher See unterwegs - fuhr an Bord von Tankern nach Brasilien oder zu den Philippinen. Sie ist froh, dass er mittlerweile bei der Küstenwache im Tower arbeitet. So ist er stets nah bei der Familie. "Die Seefahrer können die Wellen und den Himmel lesen wie ein Buch", sagt Karlsson.

Sie schreibt lieber Gedichte über eben diese Natur. Im Herbst erscheint auf Deutsch ein Band mit Lyrik aus Åland, an dem sie beteiligt ist. Der Titel: "Mondblaues Himmelsmeer". Bis heute kann Karlsson nicht genug davon bekommen. "Ich muss immer den Horizont sehen", sagt sie. Und der ist hier wirklich nie weit.


Information: In diesem Jahr hat die Frankfurter Buchmesse (8. bis 12. Oktober) den Ehrengast Finnland. Die Autorin Alva Gehrmann begleitet die Branchenveranstaltung im Buchmesse Blog.

Buchtipps:
Ulla-Lena Lundberg: "Eis". Mare Verlag; 528 Seiten; 24 Euro.
Tove Jansson: "Mumins lange Reise". Verlag Arena; 64 Seiten; 4,99 Euro.

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insgesamt 9 Beiträge
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andreu66 10.09.2014
1. Die
und steht für die Zeit zwischen den Weltkriegen als die größte Segelschiffflotte der Welt ihre Heimat auf den Alandinseln hatte. Mariehamn wurde übrigens nach Zarin Maria Alexandrowna benannt, die eine geborene Prinzessin von Hessen-Darmstadt war.
Robert_Rostock 10.09.2014
2. Åch jå...
Die Ålandinseln habe ich einmal gesehen. War im Juli 2011 mit der Fähre unterwegs von Helsinki nach Stockholm, und bin extra früh um vier aufgestanden (obwohl ich am Vorabend noch den ordnungsgemäßen Ablauf des Sonnenunterganges beaufsichtigt habe). Es war traumhaft: Wolkenloser Himmel, spiegelglatte See und die unzähligen Inseln in der Morgendämmerung, langsam ging die Sonne auf... Seitdem ist das eines meiner Traumziele.
gsa 10.09.2014
3. Ör?
Das mit den Übersetzungen müssen Sie noch etwas üben, lieber Reporter. Ör gibts nicht, dafür öar und ist plural von ö. Und alle Steine liegen teilweise unter Wasser. Und warum darf der kapitän das Boot nicht mit einer Hand lenken? Aber die Inseln sind schön, keine Frage!
spon-facebook-677950928 10.09.2014
4. DIe totale Entfaltung in der Natur...
DIe Ostsee ist ein totes Meer! Noch nicht ganz, fest steht aber, dass man fetten ostseefisch nicht mehr als 2-3 mal im Jahr verspeisen sollte. Alle Länder die an der Ostsee liegen haben es nun also geschafft, PCB und andere Chemikalien in Massen in die Ostsee zu schleusen, es ist einfach schade das darüber nicht gesprochen wird und amn für die ZUkunft und andere Meere daraus lernen kann...Mal sehn wann gewarnt wird im Wasser zu schwimmen?
Ursprung 10.09.2014
5. Urlaubsstimmungen auf Inseln
Menschen sind gern gesehene Gaeste im Aalands-Paradies- und fuer die Milliarden Muecken ueberlebenswichtig. In Mariehamn (als Nichteinheimischer) muss man sich im August hermetisch abgeriegelt kleiden, am besten in einem Papieranzug mit islamischer Vollverschleierung ueber den Kopf, hermetischen Handschuhen, Socken ueber die Hosenbeine gezogen. Einkaufen in den Mueckenstunden (16:00 bis ca. 20:00 Uhr kann man nichts, denn beide Haende muessen dauernd frei sein, die Mueckentrauben aus Augen- und Mundwinkel sowie aus den Nasenlocheingaengen zu verscheuchen. Sonst ists tatsaechlich Paradiesisch dort. Der Winter ist mueckenmaessig besser. Zum Glueck dauert der bis Mitte Juni, wenn die letzten Eisschollen abtauen. Es gibt also ein kleines sommerliches Mueckenfreifenster pro Jahr. Alands Inselreichpradiesalternative Bahamas sind da vorzuziehen: die Muecken sind erheblich kleiner, heissen "noseems", treten ausschliesslich einen Tag oder Stunden nach Regenfaellen auf und wurden bisher nicht gesehen, wenn die Hurrycanes wehen. Korsika, der Dodekanes, Sizilien waeren gute Alternativen, obwohl die gegend- und ungeziefermaessig eigentlich ganz passabel waeren ausser in den Baechen Korsikas, wo man sich Bilharzia holt. Doch in diesen Gegenden branden neuerdings zu viele Aufnahmesuchende an, die sich Frontex-Europa auf Deubel komm raus lieber vom Leibe halten moechte. Da kommt bei moeglichen Freizeitkapitaenen, obwohl die alle genau so wie in den Alands natuerlich immer ihre Boote mit einer Hand steuern duerften, trotzdem keine nachhaltige Urlaubsstimmung mehr auf...
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