Alkoholtourismus auf Rügen Schweden plündern Real und Co.

Kreidefelsen? Kap Arkona? Wenn Schweden nach Rügen reisen, dann lassen sie die Naturschätze der Insel links liegen. Sie gehen shoppen - bei Real und Aldi. Wodka und Whiskey kistenweise, dazu Wein und Bier, gerade hat die EU die schwedischen Einfuhrbeschränkungen gekippt.

Von Carolin Jenkner und Wolfgang Schmidt


Karin und Bert Svensson kennen den Weg vom Sassnitzer Fährhafen an auswendig. Sie hören nicht zu, als Busfahrer Anders Nordström per Lautsprecher den Rügener Wald mit seinen blühenden Maiglöckchen preist. Karin Svensson schaut aus dem Fenster und gähnt. Um 2.30 Uhr sind sie und ihr Mann an diesem Mittwochmorgen aufgestanden, um mit 31 anderen Rentnern aus dem Pensionärsklub SPF Ryd von Südschweden mit der Fähre nach Rügen zu schippern. Nicht etwa zu den Kreidefelsen – die Rentner fahren zu Real und Aldi.

Um 12.28 Uhr biegt der Bus in die Einfahrt zum Real-Markt in Bergen ab. "Hjärtlig välkommen" steht in blauer Schrift auf dem großen weißen Werbeschild. Herzlich willkommen, das sind die Schweden hier wirklich. Es geht um Umsatz und Arbeitsplätze. Mit einem Einkaufswagen pro Person strömen die schwedischen Rentner in den Supermarkt. Die Filiale in Bergen hat die Getränke gleich am Eingang aufgebaut. Auf Europaletten stapeln sich Sechserkartons Wodka Jelzin neben Charles House Scotch Whiskey für 5,99 Euro pro 0,7-Liter- Flasche. Gegenüber türmen sich Drei-Liter- Kartons mit chilenischem Merlot für 8,99 Euro. In keiner anderen deutschen Real-Filiale wird Hochprozentiges kistenweise angeboten.

Zweimal im Jahr zum Wodkakauf

In Bergen lohnt es sich: In einem der Einkaufswagen des Ehepaars Svensson liegen bereits zwei Kisten Wodka und ein Weinkarton. "In Schweden würden wir das Dreifache zahlen, deswegen fahren wir zweimal im Jahr nach Rügen", sagt Karin Svensson. Daheim kann sie Getränke mit einem Alkoholanteil von über 3,5 Prozent nur im Systembolaget kaufen – dem staatlichen Alkoholgeschäft mit Handelsmonopol.

"Do you like Cocktails?", fragt Grit Weiß und reicht einem Schweden mit Cowboyhut und Rauschebart ein Plastikglas mit einer orangefarbenen Flüssigkeit. Der Mann leert das Glas und geht weiter. "Die Schweden lassen sich erst immer bis zum Umfallen einschenken, bevor sie etwas kaufen", erzählt Weiß. Die Promoterin einer Schnapsfirma ist aber froh, dass sie kommen. "Heute Morgen als die ersten Reisegruppen kamen, habe ich in einer Stunde so viel verkauft wie gestern den ganzen Tag." Sie hofft, dass die Skandinavier noch lange ihren Schnapsvorrat auf Rügen aufstocken.

Auch Roland Glawe, Geschäftsleiter der Rügener Real-Filiale, profitiert von den Schweden: "Eine Durchschnittsfiliale setzt 13 Prozent mit Getränken um, bei uns sind es 35", erzählt er. 760 Reisebusse sind im vergangenen Jahr gekommen und zusätzlich die Schweden, die mit dem eigenen Auto anreisen. Um den Ansturm bewältigen zu können, hat Glawe 18 zusätzliche Teilzeitkräfte eingestellt. Das neue Urteil vom europäischen Gerichtshof in Luxemburg wird seinen Gewinn wohl noch befördern: Jetzt ist es offiziell, dass jeder EU-Bürger in jedem Land Alkohol einkaufen darf. Die Einkaufstouren bekommen damit sozusagen einen rechtlichen Rahmen – auch wenn es sie schon seit Jahren gibt.

20 Kisten Wodka für die Abifeier

An der Kasse müssen die Svenssons nicht lange warten – die Weinkartons kann die Kassiererin schnell über den Scanner ziehen. Und sie haben ohnehin nur Alkoholisches auf dem Fließband liegen. Mit einer Summe von 279,81 Euro liegen sie gut im Schnitt. Kjell Johannsson, der Schwede mit dem Cowboyhut, hat sich für ein paar Flaschen Sauren von Grit Weiß entschieden. Und für knapp 20 Kisten Wodka und Whiskey. 479,52 Euro zeigt das Display an der Kasse an.

Dabei sind die Schweden laut Statistik mit 10,8 Litern reinem Alkohol pro Person über 15 Jahren das Volk mit dem geringsten Alkoholkonsum in Europa. Ob nur der Alkohol eingerechnet ist, der in Schweden gekauft wird, geht aus der Statistik nicht hervor. "Das ist ja auch nicht für mich", sagt Kjell, "sondern für die Abiturfeier meiner Tochter." Wie viele Leute den Alkohol für knapp 500 Euro trinken sollen, verrät er nicht.

Vor dem Laderaum des Busses beginnt das große Packen. Flaschen werden in Reisetaschen und Koffer umgefüllt. Busfahrer Anders Nordström verteilt Marmeladen-Etiketten, die, mit Namen beschriftet, auf Whiskeykisten geklebt werden. In einem kleinen Anhänger hat der Bus noch mal Platz für eine Tonne Gepäck.

Extremshopping, Teil zwei

Um 15.30 Uhr geht es weiter nach Sassnitz. Kjell Johannsson sitzt hinten auf der Fünferbank und schüttet sich und zwei Freunden Wodka in den Kaffeebecher. "Im 17. Jahrhundert gehörte Rügen noch zu Schweden", sagt er, "Prost!" Als der Bus in einer unsanierten Plattenbausiedlung auf dem Aldi-Parkplatz hält, ist der Kaffee leer – die Wodkaflasche auch.

Extrem-Shopping Teil zwei. Die Einkaufswagen füllen sich mit Mümmelmann Jagdbitter und Aquavit. Das Ehepaar Svensson kauft auch Lippenstifte, Instant-Zitronentee, Schinken, Bananen und Kabanossi. Eine weißhaarige Schwedin füllt ihren Karton mit Heringsfilet-Dosen. "Der deutsche Hering schmeckt auch gut", sagt sie, "und er ist billiger als der schwedische."

Noch einmal um die 50 Euro gibt jedes Paar bei Aldi aus. "Das lohnt sich. Bei den niedrigen Preisen haben wir die 50 Euro für die Reise längst wieder raus", sagt Bert Svensson. Erst kurz nach Mitternacht werden er und seine Frau wieder zu Hause sein und ihre Schnapstruhe auffüllen. "Wenn sie leer ist, kommen wir wieder", sagt Bert Svensson.



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