Alpen Explosiver Militärmüll in Schweizer See-Idyll versenkt

Aus den Augen, aus dem Sinn: Nach diesem Motto versenkte die Schweiz jahrzehntelang sorglos Hunderte Tonnen Munition in traumhaften Alpenseen. Heute bereitet der Militärmüll Behörden und Fachleuten Kopfzerbrechen – wegen des Gifts im Wasser und der teuren Bergung.


Es ist wahrlich ein prächtiges Gewässer: der Vierwaldstättersee im Herzen der Schweiz, an der Wiege der Eidgenossenschaft. Sein östlicher Teil – auch Urner See genannt – liegt direkt zu Füßen des Rütli, jenes Wiesenhangs, auf dem der Legende nach 1291 der Schwur zur Gründung des "ewigen Bündnis" zwischen den Urkantonen Schwyz, Uri und Unterwalden stattfand.

Heute ist die Region um den weit verzweigten, 114 Quadratkilometer großen Vierwaldstättersee ein beliebtes Touristenziel. Mit rund 400.000 Übernachtungen pro Jahr stellen die Deutschen das größte Gästekontingent. Sie genießen die abwechslungsreiche Landschaft und das sehnsuchtsblaue Wasser. Doch es ist nicht alles so idyllisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Auf dem Seegrund liegt ein buchstäblich schwerwiegendes Problem.

Die Schweizer Munitionsfabriken in Thun und Altdorf praktizierten jahrzehntelang eine einfache Entsorgungsmethode für ihre Produktionsabfälle und Fehlchargen: Man kippte sie kostengünstig in den nächstgelegenen tiefen See. Von 1918 bis 1967 gelangten so Hunderte Tonnen gefährlichen Materials in die Becken von Thunersee, Brienzersee und Vierwaldstättersee, und versanken im Bodenschlick. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gesellten sich noch 2600 Tonnen Artilleriegeschosse und Handgranaten aus überfüllten Lagern des Schweizer Heeres dazu. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber nicht für lange.

Die damals Verantwortlichen ignorierten, dass Militärmüll nicht nur explosiv, sondern auch giftig ist. Ein Fehler mit potentiell weit reichenden Folgen. Denn obwohl die versenkte Munition nach den bisherigen Messungen keine toxischen Substanzen in das Wasser abgibt, weiß niemand genau, ob und wann sich dieses in Zukunft ändern wird. "Für spätere Generationen könnte dies zum Problem werden", sagt Brigitte Rindlisbacher, Chefin der Abteilung Raum und Umwelt des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), zu SPIEGEL ONLINE.

Schwermetalle und Gifte im Unterwasser-Abfall

Um das mögliche Ausmaß der Bedrohung besser beurteilen zu können, ließ das VBS Archive durchsuchen und Zahlen zusammentragen. Das Ergebnis: Alleine im Urner See und dem zentralen Teil des Vierwaldstättersees lagern circa 3300 Tonnen Munitionsabfall. Am schlimmsten betroffen ist der Thunersee im Kanton Bern mit 4600 Tonnen, der benachbarte Brienzersee kam mit "nur" 280 Tonnen davon. Die Altlasten enthalten rund 35 verschiedene chemische Substanzen, wovon acht als ökologisch gefährlich eingestuft wurden.

Unter ihnen sind nicht nur die Schwermetalle Quecksilber und Blei, sondern auch das hochgiftige Dinitrobenzol. Knapp 20 Tonnen dieses Stoffs bedrohen Unterwasserfauna und -flora. Man geht zwar davon aus, dass der Verdünnungseffekt eine direkte toxische Wirkung verhindern wird, doch über eine mögliche Anreicherung von Dinitrobenzol entlang der Nahrungskette ist der Wissenschaft nur wenig bekannt. Niederländische Wissenschaftler beobachteten schon 1987 im Laborversuch Konzentrationssteigerungen des Gifts in Kleinfischen ("Aquatic Toxicology", Ausg. 10: S. 115-129).

Benno Bühlmann, Leiter des Amtes für Umweltschutz des Kantons Uri und Fischereiverwalter auf dem Urner See, äußert sich besonnen. "Eine unmittelbare Gefährdung ist nicht gegeben", sagt er und betont gleichzeitig die Notwendigkeit eines Monitoring-Programms zur Überwachung der weiteren Entwicklungen. "Die Frage ist: Bleiben die Substanzen im Sediment oder diffundieren sie heraus?"

Der Bodenschlick ist weitgehend sauerstofffrei, wie sich die Munition darin verhalten wird und welche chemischen Reaktionen stattfinden können, ist unbekannt. Auch die Position des Gefahrenguts muss laut Benno Bühlmann noch genauer geklärt werden. Um die Wissenslücken zu füllen und mögliche Veränderungen rechtzeitig zu erkennen, werden die Behörden in den kommenden acht Jahren insgesamt zwei Millionen Franken (1,23 Millionen Euro) in Forschung und Monitoring investieren. Die Kosten werden vom Militär und den betroffenen Kantonen geteilt.

Bergung gefährdet ökologisches Gleichgewicht

Im Rahmen der bisherigen Untersuchungen haben Experten auch die Möglichkeit einer Bergung des Materials erörtert. Ein solches Unternehmen müsste gewaltige technische Hürden überwinden. Der explosive Abfall liegt in Wassertiefen von etwa 200 Metern und ist somit für normal ausgerüstete Taucher unerreichbar. Der Einsatz von ferngesteuerten Geräten oder speziellen Schwimmbaggern wäre erforderlich, die Kosten enorm. Abgesehen davon würden solche Aktionen massenweise Schlamm aufwirbeln und im Seewasser verteilen.

Auf natürliche Weise abgelagerte Schwefel-, Stickstoff- und Phosphor-Verbindungen brächten wahrscheinlich das ökologische Gleichgewicht der betroffenen Seen ins Wanken. Sauerstoffzehrung und Fischsterben könnten folgen, das Mittel wäre schlimmer als die Qual. Aber was passiert, wenn die Munition früher oder später doch giftige Substanzen ins Wasser freisetzt und eine Bergung unumgänglich wird? "Dann geht es um sehr viel Geld", meint Amtsleiter Benno Bühlmann finster.

Selbstverständlich sind die versunkenen Munitions-Müllberge nur schwer mit dem Image der sauberen Schweiz vereinbar, und Peter Reinle, Geschäftsführer des Vierwaldstättersee-Tourismusverbands, möchte mit dem Problem am liebsten nichts zu tun haben: "Das ist ein Thema, wo wir uns nicht einmischen müssen. Das muss die Politik regeln." Weitere Fragen sind Reinle offensichtlich unangenehm. "Uns wäre natürlich wohler, wenn das Zeug nicht da wäre. Aber im Moment besteht kein Handlungsbedarf, der See hat Trinkwasserqualität", schiebt der Marketing-Fachmann hastig nach.

In der Tat präsentiert sich der Vierwaldstättersee zurzeit als intaktes Ökosystem. Man kann völlig unbeschwert baden. Der Fischbestand ist gesund, die Felchen und Forellen gelten als wahre Delikatessen. Auch bei den wirbellosen Tieren freuen sich Biologen und Umweltschützer über eine hohe Artenvielfalt. Rigorose Gewässerschutzmaßnahmen haben in den vergangenen Dekaden zu einer starken Verringerung der Nährstoffbelastung (Eutrophierung) geführt. Allesamt erfreuliche Entwicklungen, von denen Anwohner und Touristen profitieren.



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