Vier Routen So geht's per Tourenrad über die Alpen

Wie kommt man am besten mit dem Tourenrad über die Alpen? Vier eindrucksvolle Routen für Einsteiger und Fortgeschrittene.

Rheinschlucht
Armin Herb/ srt

Rheinschlucht


Einmal über die Alpen - das zählt zu den absoluten Traumtouren vieler Tourenradler. Und nie war die Überquerung einfacher als heute.

Bis vor wenigen Jahren musste der Transalp-Fahrer lange planen und sich mühsam seine Route aus diversen Karten und Büchern zusammensuchen. Unterwegs warteten dann trotzdem noch lange Strecken auf stark befahrenen Passstraßen oder holprigen Schotterwegen. Manchmal musste er sogar schieben. Nur wenige auf Radfahrer eingestellte Unterkünfte boten ein Dach über dem Kopf.

Die neue Lust am Aktivurlaub und das digitale Zeitalter haben einiges verbessert: Transalp-Strecken wie die Via Claudia Augusta an der alten Römerroute von der Donau nach Venedig und die Ciclovia Alpe-Adria von Salzburg nach Grado wurden entlang fahrradfreundlicher Wege grenzüberschreitend beschildert und erhielten vorbildliche Internetauftritte. Etappen lassen sich mittels interaktiver Karten und GPS-Tracks relativ unkompliziert planen. Und radlerfreundliche Hotels sind nun auch keine Seltenheit mehr.

Hier sind vier empfehlenswerte Routen durch das Gebirge.

1. Die Genussroute: Alpe Adria

Sowohl kulturell wie kulinarisch lohnt sich die Route von Salzburg nach Grado. In puncto Kondition lässt sie sowieso genügend Puste für die Schönheiten am Wegesrand, denn dieser Radweg ist mehr eine Alpendurchquerung als eine Alpenüberquerung.

Schon kurz nach dem Start mitten in der Domstadt Salzburg bestimmen die Berchtesgadener Alpen die Kulisse. Hinter Golling geht es zum ersten Mal richtig bergauf zum Pass Lueg, aber nur kurz. Vom Salzachtal wechselt der Weg ins Gasteinertal. Der nächste, auch nur kurze Steilanstieg lohnt sich sogar im Schieben, denn das bringt mehr Muße für den Blick auf den Wasserfall, der zwischen den altehrwürdigen Hotels ins Tal stürzt.

Kurz darauf hat man das Anstrengendste der Route schon hinter sich, denn der Alpenhauptkamm wird bequem mit der Bahn durch die Tauernschleuse überwunden. In Kärnten folgt der Alpe-Adria-Radweg der Drau an die italienische Grenze nach Tarvisio.

Nach langen Strecken beeindruckender Berglandschaft steht in den Städtchen Udine, Palmanova und Aquileia an der historischen Via Julia Augusta nochmals die Kultur im Fokus. Die letzten Kilometer auf der Brücke zum Inselstädtchen Grado wirken schließlich wie eine Zielgerade ans Meer, das die meisten Radler nach acht bis zehn Tagen erreichen.

Alpe-Adria-Radweg: 410 Kilometer, 2400 Höhenmeter

2. Die niedrigste Passroute: Via Claudia Augusta

Was die Römer vor 2000 Jahren geschafft haben, wird einen geübten Freizeitradler, der sich auch auf nicht asphaltierten Wegen wohlfühlt, kaum vor unlösbare Probleme stellen. Immerhin gilt die Route von der Donau an die Adria als die leichteste Alpenüberquerung per Fahrrad.

Allerdings bedarf in diesem Fall das Wort "leicht" einer Erklärung. Es beruht nämlich darauf, dass von Mai bis Oktober für die steilen Anstiege und Passstraßen entlang der Route mehrere Bus-Shuttles zur Verfügung stehen. Wer alle Bergfahrten, auch die am Südrand der Alpen, im Sattel bestreiten möchte, hat dagegen eine ernst zu nehmende Transalp-Tour mit mehr als 4000 Höhenmetern vor sich.

Auf das mehr oder weniger sanfte Einrollen im Lechtal über 160 Kilometer von Donauwörth bis Füssen verzichten viele Alpenradler schon aus Zeitgründen. Wobei ein bisschen Warmfahren im herrlichen Alpenvorland nicht schaden kann, denn hinter der Tiroler Landesgrenze warten gleich einige Höhenmeter über Reutte hinauf in die Zugspitzregion, unmittelbar danach die Auffahrt zum Fernpass, wo gute Kondition und Fahrtechnik von Vorteil sind.

Nach dem grandios gelegenen Fernsteinsee folgt erst einmal sorgenfreier Alpengenuss. Die Auffahrt über 500 Höhenmeter vom Inn zum Reschenpass will aber wieder getreten sein. Wer den versunkenen Turm am Reschensee passiert hat, hat das Ärgste geschafft: An der Etsch entlang geht es praktisch nur noch bergab durch Südtirol und Trentino nach Trento. Hier beenden viele ihre Transalp-Reise, einige rollen noch weiter bis zum Po.

Und wer noch nicht genug hat von Bergerlebnis und Höhenmeter, nimmt die Ostroute der Via Claudia unter die Räder, mit schönen Passsträßchen und sehenswerten Orten und gleitet schließlich durch die Ebene bis nach Venedig.

Via Claudia Augusta: 740 Kilometer, 4500 Höhenmeter (Donauwörth bis Ostiglia)

3. Die jüngste Alpen-Traversale: München-Venezia

Der Radfernweg München-Venezia führt von der bayrischen Landeshauptstadt über Achenpass und Brenner nach Südtirol und weiter vom Pustertal durch die Dolomiten bis in die berühmte Lagunenstadt an der Adria. Die Strecke zählt zu den landschaftlich attraktivsten, aber auch anspruchsvollsten Transalp-Routen für Tourenradler, zumindest für diejenigen, die alle Passauffahrten im Sattel zurücklegen.

Der erste Teil der Strecke verläuft auf der Via Bavarica Tyrolensis bis ins Inntal. Dort wartet Bergprüfung Nummer eins mit der Auffahrt vom Tegernsee zum Achenpass oder auf der Alternativroute vom Isartal zum Sylvensteinstausee. Nach einer gemütlichen Passage am Inn entlang bis Innsbruck folgt die Königsetappe hinauf zum Brenner. Kurz vor dem Pass muss man mangels Radweg noch für rund sechs Kilometer auf die Bundesstraße ausweichen, dafür rollt es sich anschließend umso angenehmer auf der ehemaligen Bahntrasse hinunter Richtung Sterzing.

Hinter Toblach im Pustertal folgt der faszinierendste Teil der Reise: mehr als 60 Kilometer durch das Unesco-Welterbe Dolomiten, und das sogar recht angenehm zu treten auf der ehemaligen Trasse der Dolomitenbahn. Das Thema Kultur kommt auch auf dieser Transalp-Route nicht zu kurz. Stellvertretend stehen dafür schon mal Start- und Zielort und weitere sehenswerte Städte wie Hall, Innsbruck und Treviso im Veneto.

München-Venezia: 560 Kilometer, 3000 Höhenmeter

4. Die Schweiz-Durchquerung: Bodensee-Lago Maggiore

Schon vom Bodenseeufer sind im Süden die Bergriesen auszumachen. Die schneeweißen Gipfel locken und leuchten in der Sonne. Aber bis in die alpinen Regionen dürfen sich die Fernradler noch in Ruhe warmfahren auf dem Rheinradweg - bei sanften Steigungen. Ein weiterer Vorteil dabei: Man fährt antizyklisch, da die meisten Radreisenden in die andere Richtung unterwegs sind.

Die ersten ernsthaften Auffahrten warten in Graubündens Weinbergen im Heidiland. Danach wird's wieder flacher bis nach Chur, der letzten städtischen Bastion, bevor die Strecke ansteigt ins Hinterrheintal. Hinter Thusis wird es plötzlich eng und dunkel. Es geht durch die berühmt-berüchtigte Via Mala. Schaurige Sagen ranken sich um die düstere Schlucht des Hinterrheins. "Ihr müsst unbedingt die Treppen hinunter steigen ins 'Verlorene Loch' - es lohnt sich", rät die Wirtin des Weissen Kreuzes in Thusis.

Nach dem Schluchtenstopp heißt es Kräfte einteilen. Flachpartien werden selten, dafür überwältigt einen das Val Schons mit seinen Dreitausendern mit den ganzjährig weißen Schneehauben, mit kitschig-schönen Bergdörfern mit sonnengegerbten Holzhäusern und uralten romanischen Kirchen. Splügen ist solch ein Prachtdorf. Von dort sind es noch rund 20 Kilometer und 600 Höhenmeter bis zum höchsten Punkt der Alpenüberquerung.

Die Auffahrt auf der alten Passstraße zum San Bernardino ist im doppelten Sinne atemberaubend, nicht zuletzt weil ab und zu die Leitplanke fehlt am Abhang. An der Passhöhe liegt selbst im Sommer oft noch Schnee, aber fast alle Höhenmeter sind absolviert. Windgeschützt verpackt rollt man hinunter in den italienisch geprägten Teil der Schweiz, schon an Ortsnamen wie Mesocco und Soazza unschwer zu erkennen.

Eine ganz andere Welt tut sich auf, auch wenn hier noch alpine Umgebung vorherrscht und von steilen Bergflanken hohe Wasserfälle herabstürzen. Bellinzona, die Metropole des Tessins, und das Ziel Locarno am Lago Maggiore liegen zwar noch in den Bergen, aber das sanfte Finale der Route verläuft nur noch im Tal.

Vom Bodensee zum Lago Maggiore: 290 Kilometer, 2100 Höhenmeter (Rorschach bis Locarno), Kombination der beiden Nationalrouten Rhein-Route und Graubünden-Route

Bildband von Berthold Steinhilber

Armin Herb, srt/abl

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insgesamt 12 Beiträge
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rai-og 11.09.2016
1. Es fehlt die Gotthardt Route
Die Gotthart Südseite ist fast ohne PKW Verkehr und ganz ohne LKW. Auch ist der Brünigpass sehr gut auf Nebenstraßen zu überqueren
HAJ 11.09.2016
2. Interessant wäre zu wissen
wie die Chance steht, von einem motorisierte 2- oder 4-Rad Fahrer umgemäht zu werden. Genau: Wie viele Radwege gibt es, wie lange fährt man über enge, oft zu enge, Strassen, auf denen der Verkehr auch oft - wie die Erfahrung zeigt - so dicht ist, dass es sich nicht mehr sehr sicher anfühlt.
arminp 11.09.2016
3. Via Claudia Augusta 4.Bild Unterschrift
Hier fehlt ein "nicht" Ansonsten toller Artikel. Danke!
alpenradler 11.09.2016
4. Nur für Anfänger
Netter Artikel, aber letztlich nur für Anfänger. Und mir haben die letzten 15 Jahre Straßenkarten gereicht, um möglichst eindrucksvolle Strecke rauszusuchen. Weitere Routentips: Chur, Splügenpass, Comer See. Rheintal, Klausenpass, Sustenpass, Grimselpass, Nufenenpass, Lago Maggiore. Füssen, Hahntennjoch (hier gibt es allerdings sehr viele Motorräder), Reschenpass, Stilfserjoch, Comer See. Das Timmelsjoch ist ein weiterer toller Pass, aber von Süden deutlich schöner als von Norden, also für eine Rückfahrt vormerken. Auch der Gaviapass ist von Süden schöner Den Maloja nur runterfahren, hier ist zu viel Verkehr., am Julier auch. Dafür ist der Albula schön, ebenso der Fluelapass. Besonders schön und wenig Verkehr: Passo Vivione. EIne ganz besonders tolle Strecke: Chur, Oberalppass, Großer St. Bernhard, Kleiner St. Bernhard, Col de l'Iseran, Col du Galibier (kann über Col de Vars und Col de la Bonette bis Nizza verlängert werden). Übernachten kann man auf Campingplätzen. Bei dem Gepäck, das man als Tourenradler sowieso schon hat, macht ein Zelt auch nichts mehr. In 15 Jahren mit 12 Touren über und durch die Alpen, teilweise bis nach Ligurien ans Meer und einmal bis Florenz, kann ich sagen, dass ich - trotz nervigen Motorrad- und Autoverkehrs - nie in einer wirklich brenzligen Situation war. Das Radwegenetz in den Täler ist teilweise sehr gut, man muss allerdings vorsichtig sein, denn manchmal machen Radwege Umwege bzw. beinhalten schon vor dem eigentlichen Passanstieg Steigungen und Abfahrten, die die Straßen vermeiden. So hat man schon vor dem eigentlichen Anstieg ne Menge Körner verbraucht. Manchmal gilt es also abzuwägen: Mehr Höhenmeter auf dem Radweg oder mehr Verkehr auf der Straße.
Yves Martin 11.09.2016
5.
Zitat von HAJwie die Chance steht, von einem motorisierte 2- oder 4-Rad Fahrer umgemäht zu werden. Genau: Wie viele Radwege gibt es, wie lange fährt man über enge, oft zu enge, Strassen, auf denen der Verkehr auch oft - wie die Erfahrung zeigt - so dicht ist, dass es sich nicht mehr sehr sicher anfühlt.
Mein Gott, wenn Sie alles, was einen Motor hat, als Feind betrachten und tausendprozentige Sicherheit brauchen: Bleiben Sie zuhause. Alpenstrassen gehören nun einmal nicht nur ein paar Radfahrern, sondern auch Motorrädern, Autos, Bussen und Lkw's. Und die gehen nach meiner Erfahrung meist respektvoll miteinander um. Wenn ich jemanden auf Alpenstrassen rücksichtslos rasen sehe, sind es meist Radfahrer - bergab...
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