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Die Fischer von Camogli: Im Netz der Nachhaltigkeit

Harte Arbeit für echte Seebären: Während im benachbarten Portofino die Millionäre flanieren, wird in dem kleinen italienischen Örtchen Camogli nach alten Traditionen gefischt. Für die umweltfreundlichen Methoden gibt es viel Lob - doch der Beruf droht langsam auszusterben.

Italienische Riviera: Die Fischer von Camogli Fotos
Oliver Gerhard

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Das Netz ist zu! Mit kraftvollen Bewegungen hieven acht Männer im Gleichtakt die "Tonnarella" in Richtung Boot - eines der letzten großen Thunfischnetze an der italienischen Mittelmeerküste. Immer näher rücken die kleinen Bojen heran, an denen es verankert ist. Plötzlich ein silbriger Schimmer, das Wasser beginnt zu schäumen. Hunderte glänzender Leiber flutschen durchs Wasser, schlagen mit den Flossen um sich. Dann ist das Netz eingeholt, der Fang wird im Bauch des Bootes verstaut.

Mit stotterndem Motor macht sich das Fischerboot auf den Rückweg nach Camogli östlich von Genua, um die Fische in der Kooperative fertig für den Verkauf zu machen. Dreimal täglich fahren die Männer dafür aus - kein Wunder, dass sich unter den Einheimischen kaum Nachwuchs findet. "Viele Fischer kommen inzwischen aus Rumänien", sagt Ilaria Vielmini vom Verein Ziguele. Sie fährt jedes Wochenende mit Touristen aufs Meer, um ihnen dieses uralte Ritual zu zeigen.

"Schon im 15. Jahrhundert gab es Tonnarellas vor unserer Küste", erklärt die studierte Meeresbiologin. Im 17. Jahrhundert galt die Anlage von Camogli als die bedeutendste an der italienischen Riviera. Ein eigenes Dekret regelte damals, dass ein Teil des Fangs kostenlos an Bedürftige verteilt werden musste. Bis heute wird die Tonnarella jedes Jahr von April bis September in der Strömung verankert. Es bleibt eine nachhaltige Methode der Fischerei, da Jungtiere durch die Maschen des Netzes entkommen können.

"Mit unserem Verein wollen wir zeigen, dass der Fang auch umweltfreundlich erfolgen kann", erklärt Vielmini, die den Verein Ziguele gemeinsam mit zwei Kolleginnen gegründet hat. Die Idee ist nicht neu in Ligurien, wo die Slow-Food-Bewegung in Genua alle zwei Jahre das "Slow Fish Festival" abhält - mit Geschmackslabor, Kinderkochkursen und Diskussionen über die Fischereipolitik.

Neue Ideen mit Fingerspitzengefühl einführen

Auch immer mehr Gastronomen setzen auf Produkte aus der Region und nachhaltige Fischerei - und auf innovative Variationen alter ligurischer Rezepte. Zum Beispiel im wiedereröffneten Restaurant Capo Santa Chiara im Fischerort Boccadasse, einem beliebten Ausflugsziel der Genueser. Ein Bilderbuchdorf, dessen bunte Häuser in den Klippen über einer kleinen Bucht kleben, in der die Fischerboote liegen.

"Es ist gar nicht so einfach, die Ligurier von etwas Neuem zu überzeugen", sagt Restaurantchef Andrea Sala. "Schon der Versuch, das Pesto mit etwas weniger Käse anzumachen, stößt auf Protest." Neue Ideen werden daher mit Fingerspitzengefühl eingeführt. So wie beim einstigen Arme-Leute-Essen Cappon Magro, das in der modernisierten Version mit Wolfsbarsch in Gelatine, Salsa Verde und Kapern zubereitet und damit Gourmetansprüchen gerecht wird.

Wie der Fisch vor Liguriens Küste gefangen wird, lernt man von Renato Cammarata. Auf den ersten Blick ist er ein Fischer aus dem Bilderbuch: Mit grauer Lockenmähne, knappem Unterhemd, erkaltetem Zigarrenstummel zwischen den Lippen und schelmischem Blick fegt er übers Deck seines Kutters "Castel Dragone", schäkert mit den Gästen und palavert mit seinem Kompagnon in der Kajüte.

Vom Nadelstreifen zum Feinripp

Doch im Laufe eines gemeinsamen Tages auf See, nach einer Angellektion und ein paar Gläsern Wein, erzählt er die Geschichte des "anderen" Renato, des Aussteigers: "Entgegen meiner Berufung habe ich 33 Jahre lang als Steuerfahnder gearbeitet", sagt er, und seine hohe Stirn legt sich dabei in Falten. "Dabei lernst du die schlimmsten Abgründe kennen. Ich konnte zu Hause vor Frust nie über meine Arbeit sprechen."

Vor drei Jahren wagte er den Wechsel zur Fischerei - vom Nadelstreifen zum Feinripp. Auf vier Routen schippert Cammarata die ligurische Küste entlang, zeigt Gästen, wie man fischt, und läuft in die schönsten Häfen der Riviera ein. Heute ist Portofino das Ziel, das Mekka der Reichen und Schönen aus aller Welt und einer der teuersten Orte Italiens. Ein Postkartenidyll, in dem die betagte Castel Dragone zwischen den Yachten der Millionäre hindurch zum Anleger tuckert.

Während seine Gäste durch die Gassen des Dorfs streifen und die Hügel über dem Ort erklimmen, bereitet Renato in einer großen Pfanne Pasta mit Meeresfrüchten - die weiße Schürze über den Shorts und die Zigarre immer noch im Mundwinkel. "Das Essen ist 'quasi buono', irgendwie gut", begrüßt er seine Gäste zurück an Bord. "Wenn es exzellent wäre, müsstet ihr ja nicht wiederkommen." Dann tafeln alle im Licht der letzten Abendsonne, unter den leicht pikierten Blicken der eleganten Flaneure im Hafen. Renato Cammarata nimmt es gelassen - seine einstige Klientel als Steuerfahnder muss er zum Glück nur noch aus der Ferne sehen.

Weitere Informationen
Tourismusverband und Auskunft
In Liguria, Via Roma 11/3, 16121 Genova, Tel. +39/010/530821, Fax 5958507, Internet: www.turismoinliguria.it
Essen
Ristorante Vescovado, feine ligurische Küche im ehemaligen Bischofspalast, Terrasse mit Blick über die Bucht, Lungomare Marconi, 17026 Noli SV, Tel. 0039/019/7499059, www.hotelvescovado.it.
Bistromare, vor den Gästen zubereitete Antipasti und Fisch aus eigenem Fang in kleiner Bar am Sandstrand, Baia del Silenzio, Sestri Levante, Tel. 0039/347/4314300, www.bistromare.it.
Il Pesce Pazzo, Restaurant des Fernsehkochs Davide Petrini im Hafen, Spezialität tagesaktueller Fang, Via Maestri D'Ascia 1, c/o Marina Di Varazze, 17019 Varazze, Tel. 0039/019/930032, www.ilpescepazzo.com.
Capo Santa Chiara, Fusion aus alter und neuer ligurischer Küche mit Terrasse über dem Meer, Boccadasse, 16146 Genova, Tel. 0039/010/3075155, www.caposantachiara.com.
I Tre Merli, ligurische Küche in touristischem Umfeld im alten Hafen von Genua, Palazzino Millo, 16128 Genova, Tel. 0039/010/2464416, www.tremerli.it.
Touren
Castel Dragone, Ausfahrten mit einem Fischerboot auf vier möglichen Routen, gemeinsames Fischen, Zubereitung und Verzehr des Fangs an Bord, Tel. 0039/338/7216789, www.pescaturismocamogli.it.
Il Pesce Pazzo, Sportangel-Touren auf einer Hochsee-Yacht, Via Maestri D'Ascia 1, c/o Marina Di Varazze, 17019 Varazze, Tel. 0039/019/930032, www.ilpescepazzo.com.
Associazione Culturale Ziguele, Bootsausflüge mit meereskundlichem Hintergrund und zum Thunfischnetz von Camogli, Mi. April bis Ende August Sa. und So. 9.00 und 16.30 Uhr ab Camogli, Tel. 0039/377/2900068, www.ziguele.it.

Oliver Gerhard, SRT

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