Schweizer Hoch-Tessin: Mythos Gotthard

Alto Ticino: Tor zu Italien Fotos
TMN

Anhalten, nicht durchrasen! Wer die Gotthardregion nur als Transitland kennt, der sollte beim nächsten Urlaub hier einmal anhalten. Das Tor zu Italien bietet kühngezackte Alpengipfel, ewigen Schnee und exotische Palmen.

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Sie sieht aus wie ein schief gezogener Londoner Doppelstockbus auf Schienen. Die leuchtend rote Ritombahn ist mit 87,8 Prozent Steigung auf knapp 800 Metern eine der steilsten Standseilbahnen der Welt. Schnell gewinnt sie an Höhe, und bald wirken die Fahrzeuge unten auf der Gotthard-Autobahn A2 wie Matchbox-Winzlinge, die lautlos in Richtung der Oberitalienischen Seen oder gen Norden flitzen. Ob die Insassen ahnen, was ihnen entgeht, wenn sie das Alto Ticino, das Hoch-Tessin, nur durchrasen?

Von jeher war diese Gegend, der nordöstliche Teil des Kantons Tessin, ein Transitland. Doch links und rechts der rund 60 Kilometer langen Strecke zwischen der Gotthardpasshöhe im Herzen der Alpen und der malerischen Burgenstadt Bellinzona, auch Schlüssel und Tor zu Italien genannt und Hauptstadt des Kantons, gibt es viel zu entdecken und zu genießen: kühngezackte Alpengipfel, ewiger Schnee und anspruchsvolle Skipisten weiter oben, Palmenexotik unten, stille Almen, glasklare Bergseen, die leicht zu erwandernden grünen Täler Leventina, Blenio und Riviera und romanische Baudenkmäler.

Eine Attraktion der Gegend ist die wunderbare regionale Küche. Dazu gehört der Prosciutto dell'Alpe Piora - ein luftgetrockneter Schinken, der dem berühmteren Verwandten aus Parma in nichts nachsteht. Von der Bergstation der Ritombahn führt ein 1,5 Kilometer langer Wanderweg zur Alpe (Alm) Piora am Lago Ritom. Hier reifen in einem gut durchlüfteten alten Holzbau einige hundert Piora-Schinken.

Von fachkundigen Händen massiert und eingerieben mit Meersalz, hängen sie fast ein Jahr ab - gesichert durch eine schwere Tür mit aufwendigen Schlössern. "Immerhin reift hier ein Verkaufswert von insgesamt mehr als einer Million Schweizer Franken", sagt Filippo Bronner, Lebensmittelfachmann und Gästebetreuer der Alpe Piora. "Da könnte manch einer auf dumme Gedanken kommen."

Runter von der Autobahn

Gleich nebenan ist ein Keller zu besichtigen, in dem eines der teuersten Milchprodukte der Schweiz bis zur Verzehrreife gelagert wird. "Dass der Piora-Käse so begehrt ist, liegt am Gras unserer Hochweiden", erzählt Filippo. "Es ist samtig-fein und mit vielen Kräutern durchsetzt - Alpenliebstock, Alpenpippau, Wegerich und jegliche Arten von Klee."

Was die Bergbauern auf der Alpe Piora und anderen Almen der Region produzieren, können Urlauber und Einheimische auch auf dem Samstagsmarkt in den Gassen der Altstadt von Bellinzona kaufen. Oder sie probieren es in aller Gemütlichkeit bei einem Fläschchen Tessiner Merlot in einem Grotto, wie man hier die traditionellen Berg- oder Gartenlokale nennt. Das "Il Grottino Ticinese" in Bellinzona ist eines davon. Im ganzen Tessin wird es - durchaus zu Recht - für seine Hausspezialität Tagliata di manzo Robespierre gerühmt.

Giornico - von der Autobahn aus leicht an seinen Kirchtürmen erkennbar - wirkt mit seinen uralten Brücken, Steinhäusern und sieben Kirchen aus verschiedenen Epochen wie ein Freiluftmuseum. Als eines der bedeutendsten Beispiele romanischer Baukunst in der Schweiz gilt die Kirche San Nicola mit Tierfiguren auf Steinsäulen und Gemälden auf groben Steinwänden aus dem 12. Jahrhundert.

Wandern zu den vier Quellen

"Willkommen auf dem Gotthard, dem König der Pässe, im Herzen der Schweiz und im Wasserschloss Europas", sagt Paul Dubacher. Dass in der Gotthardregion vier große Flüsse entspringen - Rhein, Rhone, Reuss und Ticino - hat den Architekten und passionierten Bergsportler einst auf den Gedanken gebracht, eine Wanderroute einzurichten, die alle vier Quellen verbindet.

Das Höhenprofil des Vier-Quellen-Weges reicht von 1400 Metern über dem Meer in Obergoms bis zu 2700 Metern auf dem Sellapass. "Es gibt auf der Welt nur wenige Wanderwege in solchen Höhen, die von Familien bewältigt werden können", sagt Dubacher. Befragt nach den für ihn schönsten Stellen, zögert er nicht: "Die Rheinquelle, die Aussicht vom Piz Giübin, der Lucendropass und der Blick auf das Eismeer des Rhonegletschers."

Ganz in der Nähe lädt tief im Innern des Gotthardmassivs eine Themenwelt zum Besuch ein, die sich gut als Ergänzung - oder auch als Schlechtwetter-Alternative - zum Vier-Quellen-Weg eignet. In den Stollen und Felskavernen der einstigen Artilleriefestung Sasso da Pigna wird der Mythos des Gotthards teils künstlerisch, teils mit moderner Technik mit großen Themen unserer Zeit verbunden: Wasser, Wetter und Klima, Mobilität und Lebensraum, Energie und Sicherheit.

Initiator der Gotthard-Themenwelt war Martin Immenhauser, der letzte Kommandant der 1998 außer Dienst gestellten Bergfestung. Er könnte stundenlang erzählen. Anekdoten von versehentlich bei Übungen in Italien gelandeten Artilleriegeschossen oder Interessantes zum Soldatenalltag mitten im Berg. Doch am liebsten spricht Immenhauser bei Führungen über die neuen Themenwelten in der alten Festung: "Der Gotthard reduziert sich für mich nicht auf seine Geschichte, sondern ist ein Ort der Zukunft."

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