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30. Dezember 2012, 09:06 Uhr

Appenzeller Silvesterbrauch

Sing mir ein Zäuerli, Zapfenmann

Wenn hoher Männergesang durch die Täler schallt, wenn es scheint, als hätten die Tannen Beine, dann sind sie wieder los: die Silvesterchläuse. Sie streifen mit furchteinflößenden Masken und Umhängen aus Reisig, Moos und Flechten durchs Appenzellerland - oder zwängen sich in Frauenkleider mit Spitze.

Um fünf Uhr in der Früh sind die Winternächte im Appenzellerland noch stockdunkel und klirrend kalt. Doch in einigen Wirtshäusern von Urnäsch brennt schon Licht. Denn hier machen sich die Einheimischen fertig, um einen alten Brauch zu pflegen: das "Silvesterchlausen". Jede Gruppe besteht aus fünf bis acht Männern, das sind die sogenannten Schuppel.

Sie schlüpfen in bunte Kniebundhosen oder Frauenkleider mit weißen Spitzenschürzen. Sorgfältig werden Baumwollhauben gebunden, weiße Handschuhe übergestreift und lächelnde Masken mit kleinen Blumen im Mundwinkel gerichtet. Erst ganz zum Schluss werden die schweren Kuhglocken, die "Rollen" und "Schellen", geschultert und die riesigen Hüte aufgesetzt.

Auf diesem Kopfschmuck - groß wie ein Wagenrad - spielt sich ein ganzes bäuerliches Leben en miniature ab. Kleine geschnitzte Figuren sind bei der täglichen Arbeit zu sehen, manchmal tragen die Männer sogar eine ganze Alm auf dem Kopf. Der "Vorrolli", der Anführer des "Schuppel", trägt 13 Glocken vor Brust und Rücken und hat einen solch gewaltigen Kopfschmuck, dass er nur noch im Entengang durch die Tür ins Freie kommt. Wenn alles gerichtet ist, bricht die Truppe noch bei völliger Dunkelheit auf und macht sich im Laufschritt auf den Weg zum ersten Bauernhof.

In Urnäsch, einem kleinen Dorf mitten im Schweizer Appenzellerland am Fuße des Säntis, ticken die Uhren anders. Hier wird nicht nur am 31. Dezember Silvester gefeiert, sondern auch dann noch mal, wenn das neue Jahr überall schon fast zwei Wochen alt ist: Mitte Januar. Ganz klar ist nicht, ob diese eigenartige Tradition aus dem Mittelalter stammt oder heidnischen Ursprungs ist. Die Kirche jedenfalls hat das Chlausen nie gern gesehen.

"Schuppel" zu Gast

Für die Chläuse wird es ein langer und anstrengender Tag, denn Masken und Glocken bringen es auf rund 30 Kilo, und die Wege bergauf, bergab, von Hof zu Hof durchs gesamte Tal und bis hinunter ins Dorf, sind weit. Früher lebten die Menschen im Appenzellerland nach dem julianischen Kalender, doch als der Papst den gregorianischen Kalender einführte und sich damit der Beginn des neuen Jahres verschob, feierten sie Silvester kurzerhand zweimal: Nach dem neuen Kalender am 31. Dezember, aber auch weiterhin nach dem alten am 13. Januar.

Auf jedem Hof werden die Chläuse freundlich empfangen, denn es ist eine besondere Ehre, einen "Schuppel" zu Gast zu haben. Bei der Ankunft werden die Glocken und Schellen zum Klingen gebracht und dann stimmen sie ihr "Zäuerli" an, einen hohen Männergesang, der weit durchs Tal schallt und entfernt einem Jodler ähnelt. Der Hausherr und seine Familie lauschen andächtig und ergriffen, auch die wenigen Zuschauer können sich der Faszination dieses eigenartigen Gesanges nicht entziehen.

Drei Mal wiederholt sich das Schauspiel von Gesang und Geläut, dann wünschen die Chläuse allen Hausbewohnern mit kräftigem Händedruck ein gutes Neues Jahr. Zum Dank bekommen sie Glühwein, den sie mit einem Strohhalm durch die Maske trinken. Dezent nach Schweizerart wechselt bei dieser Gelegenheit auch ein Geldschein den Besitzer.

Masken aus Moos, Flechten oder Rinde

Gegen Mittag haben die Chläuse alle Einzelgehöfte besucht und nähern sich dem Dorf. Bei Tageslicht sieht man die einzelnen Gruppen von Haus zu Haus ziehen, mittlerweile unter den Augen vieler Zuschauer. Die feierliche Stimmung der dunklen, kalten Morgenstunden verwandelt sich immer mehr in ein Volksfest.

Irgendwann treffen auch die einzelnen Gruppen zusammen, die schönen Chläuse wetteifern mit den "Schö-Wüeschten" und den "Wüeschten". Die wüeschten Chläuse sind wahrscheinlich die ursprünglichsten, sie tragen die spektakulärsten Verkleidungen. Die Gesichter hinter Furcht einflößenden Masken verborgen, gleichen sie in ihren Umhängen aus Heu, Stroh, Reisig oder Ästen laufenden Bäumen und Büschen. Doch wenn sie ihre Glocken läuten und den melodischen Gesang anstimmen, geht von ihnen die gleiche Faszination wie von den schönen Chläusen aus.

Die "Schö-Wüeschten" sind eine Mischung der schönen und der wüeschten Chläuse, bei ihren Kostümen sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Doch alle bestehen aus Naturmaterialien. Die Gesichter verbergen sie hinter Tannenzapfenmasken, die Umhänge bestehen aus Moos, Flechten oder Rinde. Am Nachmittag verlagert sich das Geschehen dann immer mehr in die Gasthäuser, wo die "Schuppel" mit den Gästen bis weit nach Mitternacht trinken und feiern und immer mal wieder ein "Zäuerli" zum Besten geben.

Christian Nowak/srt/jus

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