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27. Januar 2010, 06:02 Uhr

Après-Ski in Österreich

Ballermann auf der Alm

Von Tim Tolsdorff

Viel Bier ab halb vier: Beim Après-Ski in den Alpen hoffen Pistensäue und Skihasen auf heiße Flirts - trotz Skischuhen und Gore-Tex-Pelle. Lieblingsziel der Partymeute ist Österreich. SPIEGEL ONLINE stellt fünf Hütten vor, in denen kein Gaumen trocken bleibt.

Die gepflegte Hüttenpause ist für viele unverzichtbarer Bestandteil eines jeden Skiurlaubs. So mancher nimmt die Rast sogar ernster als sauber gefahrene Carving-Bögen oder Abstecher in den Tiefschnee - abgefahrene Après-Ski-Partys inklusive Williams-Birne und heißer Flirts sind interessanter. Wenn andere Wintergäste schon am Abendbuffet stehen, kommen die Après-Skihasen und -Skigolos erst auf Touren: In schweren Skistiefeln machen sie die Tanzfläche unsicher und steppen unter Stroboskop-Blitzen.

Doch für ihre Eskapaden brauchen sie die richtige Infrastruktur. Der Weg vom Hang auf die Tanzfläche und weiter in den Ort muss leicht zu bewältigen sein - diese Vorzüge aber bieten nicht alle Destinationen in den Alpen. SPIEGEL ONLINE stellt fünf Hütten vor, die für Partytouristen den Abstecher in die Berge rechtfertigen.

Die Hütten zum Schütten liegen alle in Österreich - was einen einfachen Grund hat: Dort hat man das Après-Ski-Geschäft seit Jahrzehnten konsequent weiterentwickelt und auf die Bedürfnisse partyhungriger Flachländer abgestimmt - DJ Ötzi und eine eigene Schlagerindustrie sind die Beweise dafür.

Edelweissalm - Nur die Tische sind tabu

Jeder, den es regelmäßig ins Schneeloch Obertauern zieht, kennt die Tradition: Auf der "Edelweissalm", dem Après-Ski-Tempel an der gleichnamigen Talabfahrt, sind nur die Tische tabu. Punkt halb vier startet hier oben auf 1850 Meter Höhe die tägliche Skisause. Pistenrutscher, Carver und coole Boarder schweben pünktlich und zielgenau wie Zugvögel ein - und mutieren zu Partytieren.

In voller Montur steigen die Massen auf die schweren Eichenbänke im urigen Gastraum und stampfen mit Ski- und Boarderstiefeln im Takt der Musik. Durch die tanzende Menge schieben sich dann die Bedienungen, muskelbepackte Kolosse, die Berge von Bierkrügen auf großen Tabletts balancieren. Gehör im Lärm verschaffen sich die Pils-Profis mit Trillerpfeifen. Wer trotzdem im Weg steht, oder - schlimmer noch - im Almrausch auf einen der Tische steigt, erntet grimmige Blicke. Die Party endet um 18.30 Uhr, denn auch der Rückweg muss noch bewältigt werden: 200 Höhenmeter Piste liegen zwischen der "E" und dem Ort. In der Dämmerung legen sich angeschlagene Abfahrer reihenweise in den Schnee.

Vor zwei Jahren übernahm die lokale Gastro-Dynastie der Lürzers die Edelweiss-Hütte. Man stellte eine gewaltige Schirmbar auf die weitläufige Terrasse der Hütte und professionalisierte die Werbung. Party-Traditionalisten monieren seitdem den Ausverkauf der "E". Sie kritisieren, dass der urige Charme vergangener Jahre verlorengegangen sei und durch die Schirmbar die Partyqualität im Inneren gelitten habe. Der Familie Lürzer dürfte es wurscht sein, der Laden ist nach wie vor bestens besucht.

Hinterhagalm - Evi liebt dich

Der Doppelort Saalbach-Hinterglemm im Salzburger Land hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten als eines der beliebtesten Skigebiete in Österreich etabliert. Gleiches gilt für die Après-Sause im Glemmtal, die in einer Liga mit Ischgl oder Sölden anzusiedeln ist.

Hauptverantwortlich dafür ist die Familie Fersterer, die in Saalbach die Hinterhagalm betreibt. Strategisch günstig an der Talabfahrt 52 vom Kohlmaiskopf gelegen, hat sich die "Hinterhag" seit ihrer Eröffnung einen legendären Ruf erarbeitet: Hinter den sonnengegerbten Holzlatten der Fassade finden sich täglich um 16 Uhr Horden von gebräunten Brettlrutschern ein, um drei Stunden lang die Sau rauszulassen. Auf zwei Etagen wiegt man sich eng an eng im Takt der Musik, die oft von einer Livekapelle zum Besten gegeben wird. Balkone und Galerien bieten beste Gelegenheit, um geeignetes Flirt-Material zu sichten - und gesichtet zu werden.

Pünktlich um 17 Uhr dann führt die Chefin Evi Fersterer, Witwe von Hinterhag-Gründer Sepp, ihren "Herzerltanz" auf. "Du wirst geliebt", ist das Motto der Matriarchin, die ihre Gäste als kostenlose Werbeträger einsetzt. Möglich machen es Hinterhag-Sticker im Herzformat, die Fersterer bei ihrer Darbietung von der Empore rieseln lässt und die sich dann an unzähligen Kleidungsstücken wiederfinden.

Der Ruf der Party in der Hinterhag ist so laut über die österreichischen Grenzen hinaus geeilt, dass er Anfang des Jahrtausends sogar von den Programmgestaltern des ZDF gehört wurde. Den öffentlich-rechtlichen Fernsehmachern - sie überlassen die Reportagen über Après-Ski-Exzesse sonst eher den Kollegen der privaten Sender - war das Treiben auf der Hinterhagalm gleich zwei abendfüllende Sendungen wert: 2001 und 2002 sendeten sie vom Hang die große "Après-Ski Show".

Mooserwirt - Nach der Abfahrt ist vor der Abfahrt

Am Ende eines langen Skitages, nach zehn Kilometern Talabfahrt vom Schindlergrat, haben die Gäste im Tiroler St. Anton die Qual der Wahl. Kurz vor dem Ortseingang liegt rechts am Pistenrand der "Mooserwirt", links das "Krazy Kanguruh". Die Rivalität der beiden Skihütten um den Ruf der besten Après-Location am Ort hat lange Tradition.

In den vergangenen Jahren aber setzte sich regelmäßig der Mooserwirt an die Spitze der Beliebtheitsskala. Gerammelt voll ist die riesige Terrasse am Nachmittag, und im Inneren sieht es nicht anders aus. Der große Gastraum ist so stilvoll wie rustikal eingerichtet. Eine Stroboskop-Anlage beleuchtet die Tanzfläche, und der DJ beschallt das Volk mit einem Mix aus Pop und Rock, der dem sportlich-internationalen Publikum am Arlberg entspricht und sich wohltuend von den Ski-Schlagern in anderen Hütten abhebt. Kleine, verwinkelte Sitzecken laden dazu ein, dem Flirt von der Tanzfläche näher auf die Gore-Tex-Pelle zu rücken.

Fast schon legendär ist die gastronomische Infrastruktur im Mooserwirt. Ein Labyrinth von Leitungen verbindet die Lagerstätten für Bier und anderes Gesöff im Keller mit Dutzenden von Schankplätzen. Bestellungen, Abrechnungen und Zapfmengen werden elektronisch gesteuert. So hat es der Mooserwirt Gerüchten zufolge zur Gaststätte mit dem höchsten Bierumsatz pro Quadratmeter in Österreich gebracht.

Doch wer zu tief ins Glas schaut, sollte gewarnt sein: Nach der Abfahrt ist hier vor der Abfahrt. In der Dunkelheit müssen bis zum Ortsrand von St. Anton noch einige hundert Meter zerfahrene und verbuckelte Piste bewältigt werden. Wer hier im Almrausch unglücklich stürzt, für denn könnte der Kater am Folgetag größer ausfallen als geplant.

Hexenalm - Eltern an die Theke, Kinder aufs Trampolin

Eigentlich ist das Skigebiet über den drei Orten Serfaus, Fiss und Ladis weniger als Partyloch bekannt, sondern vielmehr als anspruchsvolles, familienfreundliches Pistenrevier. Viele Gourmet-Hütten locken eine zahlungskräftige Klientel an. Auf die besonders Stilbewussten unter den Wintergästen wartet gar "Tirols erste Winter-Lounge". Trotzdem gibt es am Ende der Talabfahrt in Fiss eine Après-Hütte, die den Vergleich mit anderen Ballermännern der Alpen nicht scheuen muss: die "Hexenalm".

Carvt man nachmittags die Piste vom Schönjoch herab, dann ist schon von weit oben am Hang die Menschentraube zu erkennen, die sich ab 15 Uhr auf der geräumigen Holzterrasse der Hexenalm zusammenrottet. Ist man dort angekommen, wirken die mindestens zweideutigen Texte der neuesten Ski-Schlager im familiären Umfeld des Dorfes noch absurder als sonst.

Da Basswummern und sinnfreie Zeilen am besten im angenehmen Rauschzustand zu konsumieren sind, der Nachwuchs es aber ziemlich langweilig findet, Mami, Papi und deren Freunden beim Vernichten von Weißbier und Williams-Birne zuzuschauen, haben sich die Macher auf der Hexenalm etwas Besonderes einfallen lassen. Auf die Kleinen wartet hinter der Hütte ein ganzer Abenteuerspielplatz: Acht Trampoline, Schaukeln, Klettergerüste und eine Riesenrutsche schieben der Quengelei des Nachwuchses - "Wann können wir endlich nach Hause?" - einen Riegel vor.

Auf psychologischer Ebene haben die Verantwortlichen ihre Hausaufgaben gemacht: So unbeobachtet die Kinder hinten spielen, so ungestört können die Eltern vorne unterm Schirm dem leichten Leben frönen. Die Investitionen für die Spielwelt dürfte man durch höhere Umsätze an den Bars längst reingeholt haben. Und wenn die Gören vom Skifahren nicht müde geworden ist, dann sind sie es spätestens am Ende der Après-Sause.

Kuhstall - Techno und Trance im Party-Mekka

Schon die Talabfahrt im Party-Mekka Ischgl ist ein Erlebnis der besonderen Art. Die schmale, oft verbuckelte oder vereiste Schneise durch den Wald wird in den Nachmittagsstunden zum Nadelöhr. Statt gut genährter Rinder beim Almabtrieb wälzen sich dann Massen gut genährter Brettlrutscher zu Tal, die sich zum Großteil schon auf der Idalp, dem zentralen Punkt des Skigebiets, den einen oder anderen Drink genehmigt haben. In Ischgl selber wartet dann die berüchtigte Partymeile am Dorfplatz auf die feierwütige Meute - oder zumindest auf den Teil, der es unbeschadet hierhin geschafft hat.

An vorderster Front der Lokale steht der "Kuhstall". Ab 16 Uhr geht es an der Bar und auf der Tanzfläche zur Sache. Wohl nirgendwo sonst in den Alpen ist die Hemmschwelle so gering, in Skiklamotten die Nacht zum Tag zu machen. Dazu trägt auch die Musik bei: Zu späterer Stunde wird im Kuhstall klubtauglich aufgelegt, dann geht es auch mal mit Techno- und Trance-Beats zur Sache. Schluss ist erst um zwei Uhr nachts.

Der nächste Skitag beginnt dann halt erst in den späten Mittagsstunden - oder fällt auch mal ganz aus. Eines aber hat sich laut Kuhstall-Chef Peter Zangerl verändert: Die Gäste verbringen nicht mehr den gesamten Abend in Skischuhen. Die Kuhstall-Besucher schwenkten seit "vier oder fünf Jahren" vor der Party von Stiefeln aus Hartplastik zu zivilem Schuhwerk um.

Ob das der Bequemlichkeit oder dem Anspruch der Kuhstall-Partygänger an ihr Outfit geschuldet ist, bleibt unklar. Seit dieser Saison jedenfalls könnten Düfte aus verschwitzten Socken stärker auffallen - im unteren Stockwerk gibt es jetzt eine eigene Nichtraucher-Disco.

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