Arbeiten auf dem Bergbauernhof: Heugabel-Einsatz für lau

Von Jost Maurin

Schuften im Urlaub? Um sechs Uhr aufstehen, Ställe ausmisten und Heu ernten - für so manchen Alpen-Fan ist das Erholung pur. Auch für eine Berlinerin, die als Freiwillige auf einem Bauernhof in Südtirol gearbeitet hat und tiefe Einblicke in das Leben am Berg bekam.

Ursula Avalos hat Mühe, auf diesem steilen Weinberg in Südtirol zu stehen, immer wieder rutschen ihre Wanderschuhe ab. Dennoch greift die Touristin aus Deutschland in die Reben, bricht schwache Triebe ab und reißt überflüssige Blätter herunter, um der Pflanze Luft zu verschaffen. Dabei brennt die Sonne auf Avalos nieder, Schweiß perlt auf ihrer Nase, ab und an muss sie wegen der vielen Pollen niesen. Trotzdem sagt die Berlinerin: "Das ist ein schöner Sommerurlaub."

Die 30-Jährige gehört zu der wachsenden Gruppe von Menschen, die in ihrer Freizeit auf Bergbauernhöfen arbeiten - nur gegen Kost und Logis. 2007 meldeten sich 1240 Helfer beim Verein Freiwillige Arbeitseinsätze (VFA) in Südtirols Hauptstadt Bozen an. Das waren vier Prozent mehr als im Vorjahr, und zwei Drittel der Interessenten kamen aus Deutschland. Ähnliche, ebenfalls gemeinnützige Projekte in der Schweiz und Österreich erhalten jährlich Hunderte Anfragen.

Aber warum schuften im Urlaub? "Es ist eine sehr gute Abwechslung zur Arbeit. Man kann sich körperlich auslasten", antwortet Avalos, die in ihrem Alltag als Verlagsangestellte meist im Büro sitzt. Auf den Bauernhöfen dagegen erwartet die Helfer vor allem körperliche Arbeit: Ställe ausmisten, Zäune bauen, Unkraut jäten. Und das so lange wie nötig: an manchen Tagen nur vier Stunden, an anderen zwölf Stunden und mehr.

Im Gegenzug können die Freiwilligen die Bilderbuchlandschaft der Südtiroler Alpen genießen: In einer Pause setzt Avalos sich ins Gras am Rand des Weinbergs und lässt den Blick über die schneebedeckten Gipfel am Horizont gleiten. Auf dem Hang gegenüber schlägt eine Kirchenglocke, Vögel zwitschern, ein Gebirgsbach rauscht. Ansonsten herrscht hier - auf 700 Metern Höhe - Ruhe.

Familientradition verpflichtet

Für das Mittagessen läuft Avalos zurück zum Hof ihres Bauern Richard Psenner Hell. Sein Haus ist mehr als 700 Jahre alt, die Stube ist mit gelbem Kiefernholz aus gotischer Zeit ausgekleidet, die Außenwände meterdick, um die Möbel würden sich Antiquitätenhändler reißen. Im Flur hängt ein vergoldeter Rahmen mit dem Stammbaum des Bauern: Er fängt 1288 an, und endet mit der Eintragung "seit 1994", dahinter Psenners Name – so viel Familientradition verpflichtet.

Deshalb hat er zum Beispiel das alte Gebäude, die Mehltruhe aus dem Mittelalter und das Gerüst zum Aufbewahren von Brotlaiben restauriert. Nur Frau und Kinder hat der eigenwillige 50-Jährige keine. Nachdem seine Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte und nicht mehr mit anpacken konnte, war er deshalb auf Hilfe von außen angewiesen: Der VFA schickte ihm die ersten Helfer.

"Die sind natürlich nicht so leistungsfähig wie richtige Bauern", erzählt Psenner, ein kräftiger Vollbartträger, beim Essen in der Küche, deren Wände vom Rauch des Holzherdes geschwärzt sind. "Aber sie kommen besonders im Sommer, wenn die meiste Arbeit ist. Und wenn die meiste Arbeit ist, ist jede Hand wertvoll." Selbst wenn sie nur wenig schafften. "Und schließlich arbeiten sie ja umsonst. Deswegen ist man immer, immer froh."

Besonders hilfsbedürftig sind die Bergbauern, weil ein Großteil ihres Landes zu steil für Traktoren ist. Deshalb fällt mehr Arbeit an als in der Ebene. Für bezahlte Aushilfen fehlt den kleinen Höfen aber meist das Geld.

Psenner: Südtirol muss unabhängig werden

Psenner freut sich aber nicht nur über die Hilfe, sondern auch über die Gesellschaft der Freiwilligen. "Es ist immer eine Bereicherung, wenn so Leute kommen, die verschieden sind", sagt der Bauer. Gern erzählt er den Fremden von dem komplizierten Verhältnis der überwiegend deutschsprachigen Südtiroler zum italienischen Staat, zu dem die Region gehört.

Dann schenkt er ihnen oft selbstproduzierten Rotwein ein, Hund und Katze streichen um die Beine, er blickt auf das Kruzifix in der Ecke und sagt: "Die Italiener sind eigentlich feine Leute. Nur, dass sie unser Land besetzen, das geht halt nicht." Dass Italien seine Heimat im Jahre 1919 - nach dem Ersten Weltkrieg - annektierte, hat Psenner bis heute nicht verwunden. Noch weniger, dass die Faschisten unter Benito Mussolini versuchten, Südtirol zu italienisieren: Der Diktator siedelte Italienischsprachige aus anderen Landesteilen in der Region an. Er verbot Deutsch an den Schulen und als Amtssprache.

Inzwischen profitieren die Südtiroler von einer weitgehenden Autonomieregelung mit der Regierung in Rom, aber das ist für Psenner nur eine Zwischenlösung – sein Ziel ist die staatliche Unabhängigkeit.

Das sind Einblicke, die normale Touristen kaum bekommen, sagt Avalos. Als Helfer lerne man eine andere Kultur wirklich kennen: "Das ist kein Disney. Das ist echtes Leben."

Stundenlang in praller Sonne

Diese Nähe kann aber auch erdrückend sein. Die Deutsche war vor ihrem Einsatz bei Psenner bei einer anderen Familie. "Die Bauersleute haben kaum mit mir gesprochen. Die Atmosphäre war gespannt", berichtet Avalos, während sie Heu aus einem Wagen in die Scheune wuchtet, Sonnenstrahlen fallen durch Lücken zwischen den Holzlatten der Wände ins dunkle Innere.

Schließlich, fährt die Helferin fort, habe sich herausgestellt, dass die Familie extrem zerstritten gewesen sei und es psychische Probleme gegeben habe: "Das war zu viel für mich. Ich bin Helferin, keine Psychologin", sagt Avalos. Die Lösung: Sie rief beim VFA an, der sie an Psenner vermittelte. Der Abschied von der ersten Familie war dennoch traumatisch: "Da brach alles aus ihnen heraus, Tränen flossen. Das war sehr hart."

Aber nur in den seltensten Fällen treten so gravierende Probleme auf. Regelmäßig dagegen kann die Arbeit sehr anstrengend werden. Nicht jeder ist in der Lage, stundenlang in praller Sonne auf einem Berg Heu zu rechen.

"Wichtig ist, dass man körperlich fit ist, um auf den steilen Hängen der schweren körperlichen Arbeit gewachsen zu sein", formuliert denn auch Monika Thaler eine der wichtigsten Anforderungen an die Freiwilligen.

Thaler ist selbst auf einem Bergbauernhof aufgewachsen, jetzt koordiniert sie von ihrem Büro beim Südtiroler Bauernbund aus gemeinsam mit einer Kollegin die Einsätze der Helfer. Sie sammeln Anfragen von Landwirten und Freiwilligen und führen beide Seiten zusammen. Vorher beurteilen sie, ob die Bauern wirklich Hilfe benötigen und ob sie die Helfer gut unterbringen können.

Damit sich der Aufwand der Vermittlung und der Einarbeitung der Freiwilligen lohnt, sollten sie mindestens eine Woche Zeit mitbringen. Geld dagegen ist fast keines nötig. Helferin Avalos: "Das Einzige, was ich in diesen zwei Wochen bezahlt habe, war die Fahrt nach Südtirol und ein Ausflug an einem freien Tag."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Aktiv reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Arbeitseinsatz im Urlaub: Freiwillig schuften