Armenien: Wo Noahs Arche strandete

Von Thomas Heinloth

Schroffe Berglandschaften, spektakuläre Sakralbauten und eine bewegte Geschichte: Armenien ist auf dem Weg, auch als Reiseziel wahrgenommen zu werden. Mit Areni-Wein und Maulbeerwodka empfangen die Kaukasier ihre zahlreicher werdenden Gäste - und lassen sie ungern wieder gehen.

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Armenien: Bittersüßes Land aus Stein
Gut, dass Rotwein die gleiche Farbe hat wie Coca-Cola, zumindest auf den ersten Blick, gut für Arenis Winzer und gut für die Rotweintrinker im Iran. Die Grenze zum selbsternannten Gottesstaat liegt nicht weit hinter den Weinbergen. Und bevor die iranischen LKW-Fahrer sie auf ihrem Weg nach Teheran passieren, legen sie in Areni noch eine Einkaufspause ein. Die Durchgangsstraße ist ein Getränkemarkt, gesäumt mit wackeligen Holzregalen, auf denen Softdrinkflaschen stehen, randvoll mit Armeniens weichem, dichtem Wein. "Die Grenzer drücken ein Auge zu und stecken zwei Flaschen ein", sagt Stefan Simonian.

Seit Noahs Arche am Ararat gestrandet ist, keltern sie hier, Stefan Simonian seit gut 25 Jahren. Lange hat er für die Russen Wein gemacht, er und hundert andere, in der Wein-Kooperative von Areni. Die Russen aber haben eingepackt und sind nach Hause gefahren, als Armenien 1991 unabhängig wurde. Jetzt ist die Kooperative ein Familienbetrieb und der ehemalige Vorarbeiter selbständiger Unternehmer. "Oder schreiben Sie besser Winzer", sagt Simonian, das klinge besser. Schließlich geht es heute vor allem um die Qualität.

Neue Tanks hat er gekauft und die Rebstöcke radikal zurückgeschnitten. 26 Prozent Zuckergehalt hat jetzt die Areni-Traube, die so heißt wie der Ort, auf dessen kargen Hängen sie gedeiht. 26 Prozent, "da brauchen Sie nicht nachsüßen", sagt Simonian, "so viel hatten wir unter den Russen nie". 150.000 Flaschen füllt er ab im Jahr von seinem Roten, der nach Johannisbeeren schmeckt und einer Spur Lakritz. Die guten Jahrgänge verkauft er nach Georgien und Russland. "Und wer weiß", sagt Simonian, "vielleicht reisen meine Flaschen ja bald bis Frankreich oder bis Italien."

"Gottverlassen waren wir lange genug"

Rom und Paris - von Areni aus gesehen, lag das in einem anderen Universum, jetzt aber rückt Armenien wieder näher an Europa. "Gott sei Dank", sagt Vater Michael, der Abt von Tatev, "gottverlassen waren wir lange genug." Über 70 lange Jahre hatten sie keinen Pfarrer - ausgerechnet hier in Tatev, wo die Apostolische Kirche Armeniens eines ihrer religiösen Zentren betrieb, wo im Mittelalter Mönche aus dem ganzen Kaukasus studierten und man jeden Tag dreimal die Messe sang.

Heute stehen die prachtvollen Bibeln, die hier gefertigt wurden, im Historischen Museum Eriwans in Glasvitrinen, und durch die verlassenen Mönchszellen pfeift der Wind, hoch über dem Vorotan-Canyon, wo sich das Kloster an die Felsen klammert. Verlassen, seltsam unbenutzt wirkt die schmucklose, steingraue Kirche, die nach kaltem Weihrauch riecht, doch seit kurzem singen Tatevs Kinder wieder in Michaels Kirchenchor. "Und sehen Sie mal, da drüben", sagt der Abt, "so langsam kommen auch die Alten wieder."

Drei Hirten in Trainingshosen und Jackets zerren ein schwarzes Schaf über den Hof. Dreimal muss es um die Kirche, so sind die Regeln beim Tieropfer, der Matagh. Dann kommt die letzte Fütterung mit gesegnetem Salz, dann ein sauberer Schnitt durch die Kehle, und schließlich wird das gekochte Fleisch verteilt auf sieben bedürftige Familien. "Die meisten denken wohl, es kann nicht schaden", sagt Vater Michael. Kürzlich hat er ein Schild an die schwere Eichentür genagelt: Die Kirche bitte nicht betrunken betreten. "Ein gutes Zeichen", sagt Tatevs neuer Pfarrer, "das Leben kommt zurück."

Auf dem Parkplatz vor dem Kloster beziehen jetzt an den Wochenenden die Souvenirverkäufer Stellung: Holzkreuze und Heiligenbildchen für die Gläubigen, eingemachte Kirschen und süße Hefeteigfladen für die Hungrigen, getrocknete Aprikosen, aufgereiht an Bindfäden, Walnüsse mit geliertem Sirup. Und daneben, gegerbt und abgezogen, was die Jäger im Winter in den dichten Birkenwäldern schießen: Marder, Luchs und Wolf, das Fell zu 40.000 Dram, rund 80 Euro, und Verhandlungssache bei den Bären. Sogar Postkarten haben sie jetzt hier, das ist neu. "Gäste sind wir noch nicht so recht gewöhnt", sagt Vater Michael.

Wer sich setzt, den lassen sie so schnell nicht gehen

Selbst die Hirten auf den Almen singen nicht mehr allein für ihre Schafe. In den Syunik-Bergen überm Kloster sind die ersten Trekkinggruppen unterwegs, in bonbonbunten Gore-Tex-Jacken leicht auszumachen im ockerfarbenen Faltenwurf der kargen Hügel. Hajastan, so nennen die Armenier ihre Heimat, Land aus Stein, und mit den Steinen wechselt Armenien nach jeder langen Kurve sein Gesicht.

Brüchig und porös ist der Sandstein rund um Tatev, rostrot der Schiefer in der festgebackenen Erde kurz vor der Grenze zum Iran, rosa der Tuff bei Eriwan. Bespickt mit Dornen ist der Lava-Schutt auf den Hochplateaus vor Berg-Karabach, und die Schluchten hinter Garni sind gesäumt von einem Überhang Zehntausender Basaltsäulen, aneinandergereiht wie die steinernen Pfeifen einer apokalyptischen Orgel.

Ein Busparkplatz auch hier: In einem aufgebockten Blechcontainer verkauft ein Junge Souvenirs, handgestrickte Socken und Dosenbier für Männerrunden auf dem nahen Picknickplatz. Ein Dutzend Bauern aus dem nächsten Dorf feiern den Sonntag rund um eine Plastikplane und freut sich über die Besucher: "Maulbeerwodka, kommen Sie, nur 50 Dram." Und wer sich setzt, den lassen sie so schnell nicht gehen.

Selten lassen sie einen ohne weiteres weiterziehen. Nicht ohne ein Gläschen Selbstgebrannten, nicht ohne eine Aprikose, nicht ohne ein Stück Lavash-Brot, am besten frisch als hauchdünner, warmer Fladen, wenn ihn die Frauen gerade aus den Lehmofen geholt haben.

Und wer anhält in Sarnakunk bekommt Kaffee bei Melanja Ghazarian. Jeder, sagt Melanja, bekommt bei mir Kaffee. Sarnakunk heißt kalte Quelle, und Quellwasser läuft in Melanjas Küche ohne Pause eiskalt durch die Spüle und jetzt in ihren Kaffeetopf aus Aluguss. Ein Löffelchen für jede Tasse: "Türkisch, sagt sie, in Armenien trinken wir Kaffee türkisch, trotz alledem." Für Gäste aus dem Ausland holt sie das Feiertagsgeschirr. "Setzen Sie sich", sagt Melanja, "man muss sich doch kennenlernen, wenn Sie schon mal da sind."

Und dann erzählt sie: zwei Kühe, ein paar Ziegen, die Bienenstöcke vor dem Haus, vier Apfelbäume und ein Schlag Kartoffeln, das ist ihr Besitz. "Es ist gar nicht so viel, was fehlt", sagt Melanja, nur eine Glasveranda hätte sie so gern und manchmal ein bisschen Bargeld. Das meiste tauschen sie im Dorf, Geld gibt es nur an der Straße Richtung Eriwan, wo ihre Söhne Wiesenchampignons verkaufen. Eriwan? Nie ist sie dort gewesen.

Auberginenmus und Ziegenkäse

Ein Witz hat die Hauptstadt Eriwan berühmt gemacht, und im Prinzip, ja, haben sie auch ein Radio dort. Ein rot-weißer Sendemast auf dem Hügel über dem Armeemuseum, turmhoch, dominant, unübersehbar. Doch nicht der Radiosender thront über Eriwan, sondern der Ararat, Armeniens heiliger, mystischer Berg, der von jedem Platz, von jeder Straße Eriwans zu sehen ist.

Die Altstadt wird gerade umgekrempelt: Vom Platz vor der Oper aus gräbt ein Investment-Trust eine diagonale Schneise durchs Schachbrett-Straßenmuster. Die neue Northern Avenue ist in Beton gegossene Plastikarchitektur, mehr Mall als Straße, und dass sie keinen armenischen Namen trägt, ist wohl Programm. Die Bauarbeiten laufen noch, doch die Mieter haben sich schon angekündigt: Emporio Armani, Starbucks. Das ist Armeniens neue Mischung: links ein Luxus-Lexus, rechts ein Lada.

Lada-Land sind die Gassen rund um die Zentrale Markthalle gegenüber Eriwans einziger Moschee, wo die Platanen blühen und wilder Wein sich rankt um altrosa Tuff-Fassaden, bis hinauf zu französischen Balkonen. Und an den Ständen in der Halle wie schon immer: Rote Beete, Trockenfrüchte, Nüsse, Auberginenmus und Ziegenkäse.

Und wer ein bisschen sucht, findet auch Stefan Simonians Rotwein aus Areni, vielleicht sogar eine Flasche aus dem Jahr 2001: sein bester Jahrgang, aus dem Sommer, in dem einfach alles stimmte, die Sonne, der Regen und der Wind, dem Jahr, als die rostbraune Erde alles in Simonians dunkelblaue Trauben steckte. Noch steht er in der Markthalle Eriwans, zu 4000 Dram die Flasche, unterm Ararat. Doch vielleicht reist er demnächst nach Rom, vielleicht auch nach Paris.

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1. Ja
mavoe 21.01.2010
Zitat von sysopSchroffe Berglandschaften, spektakuläre Sakralbauten und eine bewegte Geschichte: Armenien ist auf dem Weg, auch als Reiseziel wahrgenommen zu werden. Mit Areni-Wein und Maulbeerwodka empfangen die Kaukasier ihre zahlreicher werdenen Gäste - und lassen sie ungern wieder gehen. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,673144,00.html
ich war da schonmal in der Nähe. Am Ararat und in der antiken armenische Hauptstadt Ani, bei Kars gelegen, gaanz im Osten der heutigen Türkei. 1987. Da gabs damals halt leider eine sehr streng bewachte Grenze zu einem Land, welches damals "Sowjetunion" hieß. Sowie eine weitere, weniger bewachte Grenze zur "Islamischen Republik Iran". Guter Artikel und Armenien steht, neben Georgien, jetzt wirklich ganz oben auf meiner Agenda. Ach ja, das Bild mit dem "weniger guten Wein", abgefüllt in Coca-Cola Flaschen, für Leute auf dem Weg nach Teheran... rofl :D
2. Armenien Sommer 2008
weltreisender82 22.01.2010
Vor eineinhalb Jahren bin ich auch in Armenien gewesen. Eher zufällig, da ich aus Georgien aufgrund des Kriegs ausreisen musste. Zuerst in Alaverdi, dann in Dilijan, am Sevansee und Yerevan. Leider habe ich mir am Sevansee eine Lebensmittelvergiftung zugezogen und musste dann die restliche Zeit meines Urlaubs im Krankenhaus von Yerevan verbringen. Zustände wie in der dritten Welt! Es gibt größten Krankenhaus der Stadt noch nicht einmal Einwegspritzen! Ich kann nur bestätigen: Man sieht sehr viele Touristen aus dem Iran dort, aber (bisher) wenige Deutsche. Dabei gibt es in Armenien allerlei zu entdecken und da Armenien nicht groß ist (etwas kleiner von der Fläche als Baden-Württemberg) ist alles relativ nah beieinander.
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