Europas Weitwanderwege Langsam gehen, langsam denken

Bradley Mayhew hat sich für Arte auf ihm unbekanntes Terrain begeben. Der britische Autor ist wochenlang auf den Weitwanderwegen Europas unterwegs. Dabei entstehen Reportagen, die von der großen Vielfalt eines kleinen Kontinents erzählen.

Along Mekong Productions

Von


Bradley Mayhew ist schwer zu erwischen. Zum einen: Der britische Reiseführerautor hat kein Handy. "Ich möchte eben nicht jederzeit erreichbar sein", sagt er. Zum anderen hat er gerade eine Zwei-Wochen-Wanderung in Norwegen beendet und ist dabei, seinen Rucksack für einen Trip auf dem Lechweg in Österreich zu packen. Und dann steht da noch eine Zehn-Wochen-Reise nach Nepal an.

Der 44-jährige Vollzeitreisende dreht zurzeit die zweite Staffel einer neuen Reihe für den Fernsehsender Arte. "Wanderlust!" heißt sie, "Europas schönste Wanderwege". Am Montag startet die erste Filmserie mit einer Reportage über den Cornwall-Küstenpfad, der um Englands Südwestküste herumführt. Eine Woche lang wird jeweils um 19.30 Uhr zu sehen sein, wie der Autor weitere europäische Weitwanderwege erkundet, darunter auch den deutschen Hunsrück-Steig.

Arte reagiert damit auf eine Entwicklung, die sich schon seit Jahren abzeichnet: Immer mehr Menschen machen sich auf die Socken, in Wanderschuhen. Sie wollen der Natur nahe sein, zur Ruhe kommen, ihre Sehnsucht nach Entschleunigung stillen und der ständigen Erreichbarkeit entfliehen. So wie der Handy-lose Mayhew. "Ich mag den Rhythmus des Gehens, der meinen Gedankenstrom verlangsamt", sagt er. "Mein Kopf wird frei, und ich kann über Dinge nachdenken, für die ich vorher keine Zeit hatte. Ich genieße es, mich für eine Weile abzukapseln."

Mayhews erste Entdeckungsreisen in Europa

Bradley Mayhews Schwerpunkt als Reiseführerautor ist Asien, vor allem Nepal, Tibet und China. Mit der Produktionsfirma Along Mekong in Heidelberg hat er schon eine vierteilige Reisereportage gedreht: 8000 Kilometer entlang der Seidenstraße von Venedig bis Peking, auf Marco Polos Spuren. Europa jedoch ist weitgehend Neuland für den Vielreisenden, der seit zehn Jahren in den Rocky Mountains in den USA lebt: "Ich war schon 26 Mal in China, aber noch nie in Frankreich", sagt er, "sehr peinlich." Auch Deutschland oder eine Wandertour in seiner Heimat standen bisher nicht auf seinem Programm. Vielleicht kein schlechter Ansatz für Entdeckungsreisen.

Der französische Wangenkuss seiner Begleitung durch die Cevennen überrascht den reservierten Briten dann auch genauso wie die Barfußläuferin in Cornwall, die seit zweieinhalb Jahren Schuhe meidet. Genau das macht die Filme besonders: die Begegnung mit Einheimischen, die dann über Geschichte, Kultur und Alltag europäischer Regionen erzählen. Wie der Kapitän eines Seenotrettungsschiffs in England, der wöchentlich mit Freiwilligen übt, aber heute nur noch leichtsinnige Freizeitsegler retten muss.

Oder der Müller am französischen Tarn, der mit einer archaischen Wassermühle Getreide mahlt, so wie es seine Vorfahren seit 600 Jahren getan haben. Die letzten beiden Schäfer am Mont Lozère. Der thailändische Mönch, den es an die Saarschleife verschlagen hat. Der Kellermeister von Schloss Marienlay in Ruwertal. Mit seiner gelassenen Art integriert sich Mayhew schnell - ob auf Kreta oder im Hunsrück - und lässt sich zum Kühehüten, Käsemachen oder Fischen einspannen. Und zeigt damit, wie vielfältig und reich die Kultur und Natur auf dem kleinen Kontinent Europa sind.

Eselin Macumba, die Chefin der Crew

Was das Schwierigste beim Filmen war? "Tiere aufzunehmen", sagt Mayhew. Drei Tage lang hätten sie versucht, in den norwegischen Bergen Rentiere zu finden - vergeblich. Die Begegnung mit der Eselin aber, mit der er wie Robert Louis Stevenson 1879 in den Cevennen unterwegs war, begeistert ihn immer noch: "Sie war entzückend", sagt er diplomatisch. Das Tragetier entwickelte sich allerdings zum Chef der Filmcrew, der Regisseur zur Nummer zwei. Wenn Macumba nicht wollte, gab es kein Verhandeln. "Das Geräusch der Multicopter, mit denen aus der Luft gefilmt wurde, hat sie gehasst." Dann sei sie durchgegangen.

Davon sieht man in der fertigen Reportage wenig. In einem ruhigen Erzählfluss reihen sich die Aufnahmen der Begegnungen und Landschaften aneinander, nach der Hälfte eines Films fühlt man sich schon in einen gemächlichen Wanderrhythmus geschaukelt. Bradley Mayhew ist anzumerken, dass er das Genießen des Augenblicks auf seinen Reisen perfektioniert hat. "Ich fühle mich sehr präsent im Moment des Wanderns", sagt er. "Ich bin der Landschaft buchstäblich verbunden, ich fühle sie unter meinen Füßen. Ich rieche Blumenduft, fühle den Wind und Temperaturunterschiede."

Sieben 120 bis 300 Kilometer lange Touren hat der Profi-Trekker für die Arte-Serie schon hinter sich gebracht. Was das Besondere an den Weitwanderwegen ist? Immerhin werden sie - wie die Jakobswege - immer beliebter. "Wenn man jeden Tag weitergeht, beruhigt das den Geist", sagt Mayhew. "Man gewöhnt sich an sein Gepäck, weiß, wo was im Rucksack zu finden ist, die Schuhe laufen sich ein. Und man wird immer fitter." In Europa sei alles sehr einfach: Es gibt Wege für jedermann, gute Unterkünfte mit einer Dusche am Ende des Tages und gutes Essen. Das Gepäck kann sogar transportiert werden.

Bradley Mayhew empfiehlt daher, mit Mehrtagestouren in Europa zu starten - und erst später Nepal und Co. zu erkunden. Er selber hat sich daran allerdings auch nicht gehalten.


Information:

"Wanderlust!"-Serie bei Arte, jeweils von 19.30 bis 20.15 Uhr:
Montag, 4. August: Cornwall-Küstenpfad, Großbritannien
Dienstag, 5. August: Saar-Hunsrück-Steig, Deutschland
Mittwoch, 6. August: Trockenmauerweg, Mallorca/Spanien
Donnerstag, 7. August: Stevensonweg, Frankreich
Freitag, 8. August: Kretas Schluchten, Griechenland

Zweite Staffel, Ausstrahlung 2015: GR7 (Spanien), Dingle und Kerry Way (Irland), Lechweg (Österreich), Olavsweg (Norwegen), Weg der Götter an der Amalfiküste (Italien)

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rainerhohni 04.08.2014
1.
Nun so einsam kann er ja nicht wandern wenn er eine Film crew mut sich schleppt. Da bracht er auch kein Handy das haben die anderen.
Markenbox 04.08.2014
2. Schöne Bilder
Zitat von sysopAlong Mekong ProductionsBradley Mayhew hat sich für Arte auf ihm unbekanntes Terrain begeben. Der britische Autor ist wochenlang auf den Weitwanderwegen Europas unterwegs. Dabei entstehen Reportagen, die von der großen Vielfalt eines kleinen Kontinents erzählen. http://www.spiegel.de/reise/europa/arte-serie-ueber-weitwanderwege-a-983846.html
Was jetzt aber auf den Fotos fehlt sind die Windräder, die sich wunderschön in die Landschaft einfügen und der Landschaft die unvergessliche und unverkennbare Atmosphäre geben.
Boesor 04.08.2014
3.
Oder Häuser, oder einfach alles was Menschen so bauen
elektromod 04.08.2014
4.
Zitat von MarkenboxWas jetzt aber auf den Fotos fehlt sind die Windräder, die sich wunderschön in die Landschaft einfügen und der Landschaft die unvergessliche und unverkennbare Atmosphäre geben.
Es fehlen auch die Autobahnbrücken, Hochspannungsmasten, Braunkohletagebaue, Kali-Abraumhalden, Mülldeponien, Atomkraftwerke, ICE-Trassen und viele andere Dinge die Deutschland und Europa zwar nicht unbedingt idyllisch, aber landschaftlich prägend ausmachen. Die Gegner von Windrädern sollen bitte nicht so tun, als wäre Deutschland vor der Energiewende ein pitoreskes Paradies gewesen.
cartje 04.08.2014
5. Herrlich!....
Da möchte man sich gerne anschließen und das Denken sein lassen und die Augen trinken lassen von der Schönheit der Natur! Diese Sehnsucht hat in diesen Tagen sicher so mancher, den die furchtbaren Geschehen dieser Zeit mitnehmen und erschöpfen, selbst wenn er an Leib und Leben nicht verletzt ist. Nicht alle wissen, das das Unglück anderer sich auf unsere Seele niederschlägt und das Lachen schwerflüssig wird. Die Natur ist das einzige Heilmittel!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.