Attersee Froschmänner im Alpental

Der österreichische Attersee ist ein beliebtes Tauchrevier - obwohl es hier kaum bunte Fische und immer wieder tödliche Unfälle gibt. Beim Schnuppertauchen verfiel Martin Cyris trotzdem dem Reiz der Unterwasserwelten.


Wasser ist nass. Dass auch Taucheranzüge nass und kalt sein können, mit dieser Erkenntnis muss man als Anfänger erst einmal warm werden. Denn es gibt wohl kaum etwas Unangenehmeres, als sich im Frühtau der Berge in einen feuchten Taucheranzug zu zwängen. Der Heizstrahler in der Ecke des Umkleideraums meint es zwar gut, aber er lindert nur die ärgsten Qualen. "Igitt" und "Bäh" lauten die Kommentare der Tauchschüler.

"Augen zu und rein", empfiehlt Robert, unser Tauchlehrer. Weil der Sommer am Vortag eine Pause eingelegt hatte und sich die Sonne hinter dicken Wolken verzog, wurden die Anzüge auf dem Wäscheständer nicht mehr rechtzeitig trocken. Das ist Taucherschicksal. Profis kostet der Kaltstart ein Lächeln, Neulinge echte Überwindung. "Nachher im Wasser werdet ihr davon nichts mehr spüren", sagt Robert.

Die österreichischen Seen sind für Anfänger sehr gut geeignet. Vor allem im Attersee, dem größten Binnengewässer Österreichs, herrschen oft beste Sichtverhältnisse. 20 bis 25 Meter weit können Taucher sehen. Tageslicht dringt bis in eine Tiefe von 30 Metern vor. Die klare Sicht erleichtert Anfängern den Einstieg in den Tauchsport. Und natürlich die Tatsache, dass es - anders als im Meer - kaum Strömungen gibt. Die Süßwasserreviere in Österreich sind deshalb ein ideales Übungsterrain für Neulinge.

An den Anblick von Froschmännern inmitten der Berge hat man sich im Salzkammergut längst gewöhnt. Auch wenn die Region sonst eher mit Wandern als mit Tauchen in Verbindung gebracht wird. Die Szenerie könnte kaum österreichischer sein: barocke Kirchtürme, alte Bauernhöfe, duftende Kräuterwiesen. Und in manchem Hotelbadezimmer liegt neben der Duschhaube statt einer modernen Body-Lotion altbewährter Franzbranntwein im Körbchen - zum Einreiben müder Glieder.

Beine und Hüften als Problemzone

Auch uns droht Muskelkater, denn unsere Gliedmaßen werden beim Überstreifen der Neoprenanzüge aufs Äußerste beansprucht. Vor allem die Beine und Hüften erweisen sich - unabhängig von den Körperproportionen - als Problemzonen. Dabei ist das Anlegen eines Taucheranzugs eigentlich ganz simpel: Volle Pulle zwängen und ziehen. Mehr ist nicht zu tun. "Ihr schafft das schon", ermuntert uns Robert, "wenn ihr ihn über den Hüften habt, seid ihr fast schon drin."

Nachdem auch der letzte Teilnehmer in seinem Taucheranzug verstaut ist, laufen wir gen Ufer. Besser gesagt: wir wanken. Denn der Bleigurt um unsere Bäuche und die Luftflasche auf unseren Rücken machen uns das Leben schwer. "Und das soll Spaß machen?" fragt ein Tauchneuling gequält. Er wurde von seiner Frau, einer passionierten Taucherin, mittels Geschenkgutschein zum Schnupperkurs gelotst. "Wart's ab!" meint Robert.

Nach einer kurzen Einweisung in die Zeichensprache und die wichtigsten Verhaltensregeln unter Wasser - "Ganz ruhig weiteratmen, genau wie an Land!" - werden wir auch schon ins Wasser gebeten. Keiner von uns war jemals länger als eine Lungenfüllung unter der Wasseroberfläche, geschweige denn mit Tauchausrüstung.

"Die Einweisung an Land soll möglichst schnell gehen", sagt Robert, "wir wollen die Leute ja nicht langweilen." Ins kalte Wasser wird trotzdem keiner geworfen: Auf zwei Teilnehmer kommt ein Übungsleiter. Die Sicherheitsstandards bei der Taucherausbildung sind in Österreich hoch. Hinter den Zweiergruppen treiben die Guides und behalten die Novizen im Auge. Bewegungsfehler werden durch beherzte Griffe korrigiert. Wir tauchen auf zwei Meter Tiefe hinab.

Stille und Blubb

Und siehe da, was für alte Tauchhasen Routine sein mag, ist für einen Neuling ein echtes Aha-Erlebnis: Diese Ruhe unter Wasser. Diese Stille. Die Unterwasserwelt erscheint wie ein eigener Kosmos. Das hektische Leben über der Wasseroberfläche verkommt schon mit den ersten Flossenbewegungen zur Nebensächlichkeit. Das Blubbern unserer Atemgeräte ist das einzig vernehmbare Geräusch.

Dass es im Attersee keine farbenprächtigen Korallenriffe oder andere bizarre Lebewesen zu bestaunen gibt - egal. Der Frieden unter Wasser ist es, der Profis und Anfänger gleichermaßen in den Bann zieht. Und natürlich die Schwerelosigkeit.

Doch diese macht es nicht jedem leicht. Mein Mittaucher, ein dürrer Typ von fast zwei Metern Länge, rudert wie ein hilfloser Maikäfer im Weltall. Seine Flossen verfangen sich in meinen und seine Handschuhe fahren mir regelmäßig vor die Brille. Unser Tauchguide hat alle Hände voll zu tun, ihn auf den rechten Kurs zu bringen. Nachdem sich mein Mittaucher einigermaßen unter Kontrolle gebracht hat, dirigiert uns der Guide in etwas tiefere Regionen. Drei Meter. Vier Meter.

Mir dämmert, weshalb Tauchen süchtig machen kann. Auch wenn auf dem Boden des Attersees nur Steine und Muscheln zu sehen sind und nur hin und wieder ein paar Fische vorbeihuschen - um diese Weltentrücktheit zu erleben hat es sich gelohnt, sich in den Taucheranzug zu zwängen und jegliche Angst vorm Abtauchen beiseite zu schieben.

Immer wieder Unfälle im "Todessee"

"Respekt ja, aber Angst nein", beschreibt Robert seine Gefühle unter Wasser. Weil manchem der Respekt vor den Elementen abhanden kommt, passieren im Attersee regelmäßig tödliche Unfälle. In Österreich ist der See deshalb öfters in den Negativschlagzeilen, wurde schon als "Todessee" bezeichnet. Schuld ist die Tiefe: Bis zu 175 Meter geht es im Attersee runter. "Die Euphorie unter Wasser lässt manche leider die Gefahren vergessen", sagt Robert. Selbstüberschätzung sei die häufigste Todesursache.

Er und seine Kollegen der anderen Tauchschulen am Attersee sind wegen der Diskussionen genervt. "Manche Leute muten sich zuviel zu und werfen dann ein schlechtes Licht auf den gesamten Tauchsport", sagt Robert. Würden alle Sicherheitsvorschriften beachtet, sei Tauchen eine Sportart mit kalkulierbarem Risiko.

In den vergangenen 10, 15 Jahren hat sich ein regelrechter Boom um das Süßwassertauchen in Österreich entwickelt. An starken Wochenenden werden pro Tag rund 3000 Tauchgänge im Attersee gezählt. Andere Reviere wie der Mondsee, der Traunsee oder der Hallstättersee liegen in Reichweite.

Wir sind fürs erste froh, dass die Ausstiegstreppe in Reichweite liegt. Denn die ungewohnte Fortbewegung und die vielen Eindrücke haben uns müde gemacht. Rücklings - wir haben schließlich noch die Flossen an den Füßen - geht es die Treppe hinauf. Wir haben wieder festen Boden unter den Füßen. Wir schnallen die Luftflaschen ab und atmen erst einmal tief durch. "Ich fühle mich irgendwie so schwer", schnauft ein Teilnehmer, "im Wasser war's so schön leicht."

Robert wirft einen Blick auf den Anfänger und bricht in herzhaftes Lachen aus: "Kein Wunder, Du hast ja auch noch den Bleigurt um." Der Tauchschüler lächelt gequält und entbindet sich von dem Beschwernis. Manche Lasten fallen eben auch am Attersee nicht von alleine ab.



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