Auf dem GR20: Im alpinen Herzen von Korsika

Von Thomas Neubacher-Riens

Korsikas spröder Zauber erfasst jeden, der sich zu Fuß über die Insel begibt: der unvergleichliche Duft der Macchia, die Vielfalt und wilde Schönheit der Landschaften. Eine Woche auf den spannendsten Etappen der korsischen Weitwanderwege Tra Mare e Monti, Da Mare a Mare und GR20.

Durch den tosenden Gebirgsbach Viro: Abenteuer am GR20
Dirk von Nayhauß

Durch den tosenden Gebirgsbach Viro: Abenteuer am GR20

Endlich geht es los! Unsere Tour beginnt auf der Fähre Nizza - Calvi. Noch bevor die Abendsonne die Küste in mildes Orange taucht, hat sich die kleine Gemeinde der Wanderwilligen mit ihren stattlichen Rucksäcken auf dem kühlen Sonnendeck gefunden. In der frischen Brise hocken wir mit einer Bergschuh-Fleece-Fraktion zusammen und tauschen Tipps, Karten und Wanderführer aus. Die vierstündige Überfahrt vergeht im Nu, dann tauchen die Lichter Calvis auf. Die Hügel hinter dem Hafenort sind stockdunkel. Korsika, das viel zitierte "Gebirge im Meer", ist dünn besiedelt. Nachts leuchten hier nur Mond und Sterne.

In den folgenden acht Tagen wollen wir alle Highlights der drei beliebtesten korsischen Fernwanderwege erleben. Die Nord-Süd-Küstenroute mit Meeresblick und Badebuchten des Tra Mare e Monti, die hochalpine Bergwelt des GR20 mit der Paglia Orba, 2525 Meter, und dem Monte Cinto, 2706 Meter, und nicht zuletzt den Da Mare a Mare Nord in west-östlicher Richtung. Durch seine Schluchten zogen schon vor Jahrhunderten Piraten, Soldaten und Maultierkolonnen. Ein ehrgeiziges Best-of-Programm.

Um in der kurzen Zeit alle Landschaften Korsikas erleben zu können, steigen wir in den Mare e Monti bei der dritten Etappe in Galéria ein, wo der Weg tatsächlich auf das Meer trifft. Wir bauen in der Dämmerung das Zelt ab, "die Stunde zwischen Wolf und Hund" nennen die Korsen das fahle Licht. Und wirklich - von den umliegenden Bergrücken heult es zur blauen Bucht hinab: Hunde. Im frühen Sonnenschein wandern wir an ihnen vorbei. Der Weg führt mäßig steil vom Meer in die Berge. Die Etappe berauscht uns: Sie verläuft durch die für Korsika typische Macchia, jenen mal knie-, mal manns-, meist haushohen Strauchwald, der wie ein gigantisches Kräuterbord duftet. Aromen von Thymian, wildem Salbei, Oleander, Lavendel, Ginster und Baumheide steigen uns in die Nase.

Typisch korsische Überraschungen

Hin und wieder verhaken sich Brombeerranken auf dem schmalen Weg im querstehenden Zeltsack. Selber Schuld - wir vernaschen ein paar kleine Südfrüchtchen, die einen ganzen mediterranen Sommer in sich bergen. Unser Weg wird anfangs von alten Feldmauern gesäumt, kreuzt Bäche, wird rasch steiler und führt über Serpentinen hinauf zum Pass an der Punta di Literniccia. Hier auf dem rund 780 Meter hohen Pass hat ein knorriger Eichenwald die Macchia abgelöst. Unten funkelt es blau: Da lockt ein Bad im Golfe de Girolata für meine dampfenden Füße, die sich nach Flug und Fähre nur widerwillig an den meist gerölligen Weg gewöhnen.

Am Golfe de Girolata: Atemlos hocken wir da und staunen
Dirk von Nayhauß

Am Golfe de Girolata: Atemlos hocken wir da und staunen

Der Abstieg führt über kleinere, leicht ausgesetzte Felspassagen und durch die Macchia flugs in die Bucht hinab - und hält zwei typisch korsische Überraschungen bereit. Übers Meer kollert ein Gewitter heran, duscht uns kalt und vergrummelt sich eine Bucht weiter. Da hängt es überm Gipfel und kann sich nicht entscheiden, wie's weiter gehen soll. Das werden wir noch öfter erleben. Die zweite Begegnung ist ähnlich. Aus dem dunklen Unterholz reckt plötzlich ein freier korsischer Stier seinen Hintern nebst baumelndem Gemächt in den schmalen Pfad.

Torro schaut herüber und senkt die Hörner. Da wir nicht mehr ausweichen können, reden wir dem schwarzen Stier gut zu. Der Macchiate scheint des Deutschen mächtig, trottet schließlich zwei Meter vor und lässt uns passieren. Die Korsen sehen ihre Insel als gigantischen Bauernhof. Schweine, Rinder, Pferde, Schafe - alle laufen frei herum, und als Wanderer hat man bis 1500 Meter Höhe jeden Tag Kontakt mit dem lieben Vieh. Als wir Girolata erreichen, hat uns die Meeresbrise schon leidlich getrocknet. Der kleine Ort, den man nur per Boot oder zu Fuß erreichen kann, ist der Inbegriff des Tra Mare e Monti: tagsüber Berge, abends baden und nachts schnüffelnde Schweine am Zelt.

Extrem steil und lausig ausgezeichnet

Unser zweiter Tag soll uns - ohne Rucksack! - um die Girolata-Bucht herum auf den Monte Senino, 618 Meter, und zurück führen. Der Weg oberhalb der Klippen schlängelt sich am Meer entlang, streift einen Badestrand, um schließlich über eine steile Serpentinenpiste (Orchideen!) hangwärts aufzusteigen. Der Weg entlang der Nordflanke des Bergleins ist zäher, als wir dachten. Die Sonne brennt, die Passage ist extrem steil und lausig ausgezeichnet. Wer hier rauf will, muss absolut tritt- und orientierungssicher sein. Beim Suchlauf verlieren wir viel Zeit, irren fluchend durch Wald und unter Felswänden umher. Den Gipfel des Monte Senino müssen wir uns schenken und sind froh, zumindest die etwas tiefer gelegene Punta Castellacciu, 585 Meter, zu erreichen.

Verschwitzt und vom Gestrüpp verkratzt, werden wir dennoch belohnt. Im Norden glitzert unter uns die Bucht von Girolata mit dem Naturschutzgebiet der Scandola-Halbinsel, im Westen dehnt sich das offene Meer, im Süden erstreckt sich der Golfe de Porto und im Osten ragt der Hauptkamm der Insel empor. Die Nachmittagssonne taucht die schroffen Küstenfelsen in ein magisches Rot. Ein bisschen atemlos hocken wir da und staunen. Dann marschieren wir stramm zurück, denn abends wollen wir in Girolata das Boot erwischen. Es umrundet "unser" Cap Senino und kommt nach einer knappen Stunde, von Delphinen begleitet, in jenem Porto an, das vom Gipfel doch so fern schien. Mit dem Aufstieg von Porto gen Ota verlassen wir noch am Abend das Meer und den Tra Mare e Monti. Wir wandern jetzt auf dem Da Mare a Mare Nord.

Unsere dritte Etappe folgt der Gorges de Spelunca vom Hangdorf Ota, 340 Meter, bis nach Evisa, 904 Meter. Der Eingang zur Schlucht liegt an einer Straße und ist damit ein Highlight auch für Tagestourer. Denen wollen wir aus dem Weg gehen und brechen um sieben Uhr auf. Durch uralte Oliven- und pralle Feigenbaumterrassen gelangen wir hinab zur Schlucht des Porto. Am Fluss zetert Cinclus Cinclus und lässt mein Ornithologenherz höher schlagen. Dirk kann den tauchenden und schwimmenden Wasseramseln weniger abgewinnen, zu weit weg für ein schönes Foto. Den Beginn der eigentlichen Gorges markiert die alte Steinbrücke Ponte Vecchiu, die die Genueser über den Porto bauten. Jetzt wird das Gelände steil, der Weg führt auf historischen Steinplatten komfortabel hinauf in eine bizarre Berglandschaft.

Schwimmen, Tauchen, Zetern

Unter uns fräst sich grün und schäumend das Wasser durch den Fels, 100 Meter darüber schlängelt sich unser Weg die Steilwände entlang. Ausgewaschen, wild, zerklüftet, höhlig ist das Tal. Jede Wegbiegung gewährt neue spektakuläre Ausblicke in die Tiefe und Weite der Insel. Auf halbem Weg nach Evisa queren wir erneut eine Brücke. Die 1797 erbaute Pont de Zaglia markiert das Ende der Gorges. An den großen Gumpen unter der Brücke spielen wir Wasseramsel: schwimmen, tauchen, zetern. Das Wasser ist eiskalt. Hinter dem Tagesziel Evisa schlagen wir auf dem hoch gelegenen Zeltplatz sorgfältig das Zelt auf: Das Wetterleuchten auf den Gipfeln ringsum kündigt eine stürmische Nacht an. Dann verschlemmen wir ein köstliches korsisches Nachtmahl: Baguette, Käse, Salami, Wein: Vive la Corse!

Stausee in Albertacce: Vive la Corse!
Dirk von Nayhauß

Stausee in Albertacce: Vive la Corse!

Der vierte Tag beginnt mit einer ausgiebigen Gewitterdusche. Wir warten das Regenende ab und brechen spät zum Col de Vergio auf. Auf dem 1477 Meter hoch gelegenen Pass werden wir den GR20 kreuzen. Doch zunächst steht uns eine fast tropische Etappe durch den Foret d'Aitone bevor. Entlang eines Gebirgsbachs führt der atemberaubende Weg durch Kastanien- und höher gelegene Kiefernwälder. Die warmen Felsen dampfen. Unsere Hemden und Socken auch. Das Aroma des Waldes ist betörend, fast jeder Schritt schreckt Eidechsen auf. Dann wechselt das Panorama.

Eben noch schauen wir im gegenüberliegenden Schluchtengrund auf gut 400 Meter hohe Felswände, deren Rot dem des Ayers Rock in Australien nicht nachsteht, dann führt der Pfad über sonnige Gletscherschliffe rasch in einen hoch gelegenen Mischwald, in dem sich haushohe Findlinge auf Farnbetten ausruhen. Ein steiler, teils gerölliger Anstieg im trockenen Bachbett führt aus dem Wald über dorniges Strauchwerk zum kahlen Col de Verghio, 1477 Meter. Nördlich ragt der Monte Cinto 2706 Meter hoch auf. Vor uns räkelt sich der Stausee von Calaciccia im Tal.

Dann laufen wir in Richtung Monte Cinto, dem Inselriesen, los. Nach zweieinhalb Stunden Anstieg umfängt uns eine karge Bergwelt. Kurz unterhalb der Hütte am Fuß der Paglia Orba, 2525 Meter, werden wir ein erstes Mal belohnt. Nach einem teils leicht ausgesetzten Steilstück erreichen wir den Bergrücken, der zur Hütte führt - und verschnaufen auf knapp 2000 Meter bei einem letzten, aber spektakulären Ausblick auf das Mittelmeer. Hinter uns liegen neun Wanderstunden durch vier Landschaften. Vor uns liegen zwei der drei höchsten Inselgipfel: das Dach Korsikas mit der Paglia Orba und dem Monte Cinto. Der Morgen soll zeigen, welchen wir in der knappen Zeit erobern können.

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