Grönland-Expedition: Krach am Bach

Aufreibende Wasser-Überquerungen, heftige Anstiege: Die ersten Tage einer Inlandeis-Überquerung zählen zu den schwierigsten Passagen der Tour. Auf die Expeditionsgruppe in Grönland wartet hier ein echter Härtetest, bei dem die Pulkaschlitten schwer beschädigt werden.

Extremtour durch Grönland: Die schwierigsten Passagen Fotos
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Wer hier eigentlich an wem zieht, das müssen wir noch ausfechten, meine Pulka und ich. Ganz fair sind die Proportionen nicht, der Schlitten bringt 120 Kilo auf die Waage und ich nur 80. Doch obwohl wir nicht der gleichen Gewichtsklasse angehören, geht es bei den ersten Schritten auf dem Eis am Anlegeplatz Naqtivit leichter, als ich befürchtet habe. Womit gemeint ist, dass ich vorwärtskomme, immerhin.

Während Bergtouren oder Wanderungen meist in leichtem Gelände anfangen, bevor es schwieriger wird, zählt bei einer Inlandeis-Tour der Anfang zu den größten Herausforderungen - weil es steil bergauf geht und die Schlitten noch extrem schwer sind. Ab heute wird das Gepäck pro Kopf jeden Tag ein Kilogramm leichter, weil wir Nahrung und Kochbenzin verbrauchen.

Zunächst sind wir bei strahlendem Sonnenschein ohne Skier unterwegs, die würden selbst mit Fellen auf dem Eishang kaum vorankommen. Meine Skischuhe haben gute Sohlen, deshalb kann ich ohne Steigeisen gut auf dem überraschend griffigen Untergrund laufen.

Extremwanderung auf Knäckebrot

Die Inuit haben bekanntermaßen Dutzende Wörter für Schnee und Eis, ich werde in den kommenden Wochen meine eigenen erfinden. Zunächst laufen wir über Glasscherbeneis: kaum rutschig, sehr scharfe kleine Stückchen, helles Knackgeräusch bei jedem Schritt. Später kommen wir über Knäckebroteis, das ist etwas weicher und hat ein dunkleres, irgendwie knuspriges Knacken, so als würde man auf drei übereinanderliegende Knäckebrote treten.

Meine bisherige Lieblings-Eissorte ist jedoch das hellblaue Überraschungseis. Das sieht ziemlich flüssig aus, man kann jedoch problemlos darauf gehen, ohne einzusinken - ein Gefühl, als könnte man über Wasser laufen.

Leider gibt es jedoch auch reichlich echtes Wasser - immer wieder müssen wir kleine Flüsse queren, die in Mulden quer zu unserer Route verlaufen. Die hohe Kunst dabei ist, den Schub des Herunterfahrens für die Steigung auf der anderen Seite zu nutzen und dabei nicht den Schlitten mit Gewalt in die Ufer-Eismauer zu knallen.

Eine Pulka bergauf ziehen, das ist wie auf einen Crosstrainer steigen, eine der schwersten Stufen einstellen, sich ein Seil um die Hüfte binden und dann einen Freund bieten, daran bei jedem Schritt kräftig nach hinten zu ziehen. Ich bin nun sehr froh über jede Stunde, die ich in den vergangenen Monaten mit Krafttraining im Fitnessstudio verbracht habe. Denn ohne diese Vorbereitung würde ich hier wohl schon nach einem oder zwei Kilometern schlappmachen, so komme ich gut mit den anderen drei Teilnehmern mit.

Gute Kilometerzahl am ersten Tag

Expeditionsleiter Wilfried guckt immer wieder auf sein knallgelbes GPS-Gerät und berichtet, wie weit wir schon gekommen sind. "1,4 Kilometer", "drei Kilometer", "4,8 Kilometer". Nach gut zehn Kilometern bauen wir unsere zwei Zelte direkt an einem kleinen Eisbach auf. "Sonst haben wir immer nur so sechs geschafft am ersten Tag", sagt Wilfried, er ist hochzufrieden mit dem schnellen Vorankommen. "Ich sage es ja ungern, aber bisher stellt ihr euch alle gar nicht so schlecht an." Zur Belohnung gibt es zum Abendessen einen Chili-con-Carne-Fertigmix (zu salzig, aber schmeckt) und Pemmikan (zu viel Fett, aber hier draußen köstlich).

Viele Inlandeis-Durchquerer schummeln am Anfang und lassen sich per Hubschrauber auf etwa 1000 Höhenmeter bringen. Warum sie das tun, wird uns am zweiten Marschtag klar. Wir geraten in ein Labyrinth aus Eishügeln, eine Art überdimensionale Buckelpiste. Ständig müssen wir Bäche queren, oft auch die Pulkas komplett abschnallen und zu viert über das Wasser wuchten. Bei einer dieser Aktionen rutscht Wilfried aus und landet im Bach. "Nichts passiert, aber jetzt hab ich nasse Füße", sagt er.

Die nächsten Stunden bringen eine von vielen nicht druckreifen Flüchen begleitete Zerreißprobe für Mensch und Material. Noch mehr fürs Material, denn die Pulkas überschlagen sich immer wieder oder krachen gegen Wände. Das machen sie nicht lange unbeschadet mit.

Zuerst bricht an Jans Schlitten eine Metallummantelung. Auch in Wilfrieds und meiner Pulka, die vor der Tour nagelneu waren, zeigen sich bald massive Knicke und Risse in der Karbon-Außenhülle. "Wenn es an uns scheitert, kann ich das akzeptieren - aber es darf einfach nicht am Material scheitern", stöhnt Wilfried. Eine irreparabel zerstörte Pulka, das wäre das Ende unserer Tour.

Auspacken als Notlösung

Wir entscheiden deshalb, ein Depot einzurichten. Jeder packt etwa 30 Kilo Sachen in einen Rucksack und lässt ihn hier zurück, zuerst wollen wir die Pulkas aus der Buckelpistenzone herausbringen und später den Rest holen. Mit weniger Gewicht ist der Materialverschleiß geringer, so unsere Hoffnung.

Nach zwei weiteren Kilometern wird das Gelände endlich flacher, und wir finden zwei Plätze, die einigermaßen ebenerdig für die Zelte sind. Dann müssen wir noch einmal zurück. Ohne GPS hätten wir in dem Eishügelgewirr niemals unsere Rucksäcke wiedergefunden. Sie sind so schwer, dass beim Aufsetzen jemand helfen muss, will man keinen schweren Rückenschaden riskieren.

Der Weg zurück mit der Last beschert uns zum Abschluss des Tages noch einmal eine echte Tortur. "Da weiß man erst, wie gut es ist, das Gewicht mit den Pulkas zu ziehen", sagt ein verschwitzter Gregor, als wir endlich die Zelte erreichen.

Wir hoffen, den schlimmsten Teil des Aufstiegs hinter uns zu haben. Doch über uns können wir schon weitere Buckelzonen ausmachen. Und dann, in der Nacht, fängt der Regen an.

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