Aussteigen auf Ibiza Einmal Hippie für vier Wochen

Ibiza gilt als Eldorado für Partymacher - und der wilde Norden als Paradies für Aussteiger. Aber was heißt das eigentlich: aussteigen? Ein Erfahrungsbericht.

Travelepisodes.com/ Gitti Müller

Von Gitti Müller, Travelepisodes.com


An einem regnerischen Abend in den Neunzigern saß ich mit Freunden zusammen und wir diskutierten über einen möglichen Auslandseinsatz der deutschen Bundeswehr. Irgendwann sagte einer von ihnen, offenbar völlig genervt von meiner Anti-Kriegshaltung: "Dann geh doch nach Ibiza und werde Hippie!"

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Und gerade kleben seit Wochen graue Hochnebelschwaden wie Kaugummi am Himmel. Ab und zu gesellt sich Nieselregen dazu. Im Radio Syrien, Flüchtlinge, Neonazis. Da fällt mir plötzlich dieser Satz wieder ein.

Hippie auf Ibiza. Warum eigentlich nicht? Am besten jetzt gleich.

In einer kleinen Steinfinca auf dem Land im Norden der Insel bekomme ich ein Zimmer und darf Küche und Bad mitbenutzen. Das nächste Dorf ist 40 Minuten Fußmarsch entfernt. Vier Wochen will ich bleiben. Die ersten zwei Wochen bin ich ganz allein. Die Vermieterin ist in Amsterdam und nimmt sich eine Inselauszeit. Kann ganz schön einsam werden. Mal sehen, wie ich das aushalte.

Stille. Alles, was ich höre, sind Vögel, ein leichtes Rauschen in den Pinien, ein Bellen in der Ferne. Die milde Luft hüllt mich ein wie ein samtiges Gewand. Später schaue ich in die Nacht und denke:

So fühlt sich Frieden an.

Der Norden von Ibiza ist Naturschutzgebiet. "Es Amunts" zieht mit seiner wilden Schönheit alles an, was im Einklang mit der Natur sein will: altgewordene und junggebliebene Hippies, selbsternannte und studierte Heiler und Schamanen, Osteopathen und Reikimeister, Masseure, Yogalehrer, Gurus, Tänzer und Musiker, Veganer und Vegetarier. Sie alle lieben Es Amunts, diese ursprüngliche Landschaft mit bewaldeten Hügeln, Felsen und Feldern. Ich auch. Obwohl ich ein Stadtkind bin.

Geht es mir schlecht, ist Natur die beste Medizin für mich. Balsam für die Seele und Honig für gestresste Nerven.

Plötzlich ist das Leben wieder einfach und unmittelbar.

Sieben Kilometer Morgenspaziergang. Die Luft ist kühl, feucht und voller verlockender Düfte. Der wilde Knoblauch blüht gerade in zartem Rosa, Rosmarin, Thymian und Pinien verströmen ihr Parfum. Ich komme vorbei an knorrigen Olivenbäumen, wilden Johannisbrotbäumen, an Mandelbäumen und Zitronenbäumen, die mit reifen Früchten in knalligem Gelb protzen.

Eine Weile geht es auf einem kleinen Pfad durch den Wald, den Berg hinauf, über Felsen mit kleinen, dunkelblauen Orchideen. Immer wieder wandere ich an den traditionellen Steinmauern vorbei, ab und zu ein Gehöft, typisch ibizenkisch, weiß gekalkt und kubisch. Ein Steinhaus, ein Brunnen, ein Dreschplatz. Drum herum Bäume und Felder.

Gelbe Ringelblumen blühen prächtig auf grünen Wiesen, manchmal steht mittendrin ein knorriger, uralter Olivenbaum. Die Bauern pflügen um ihn herum. Über den sattblauen Himmel treibt der Wind weiße Wolkenfetzen.

Eine gute Stunde spaziere ich so durch die Landschaft, die Sinne weit geöffnet und fast andächtig, und werde mit jedem Schritt ein bisschen lebendiger. Ja, das Leben kann so einfach sein. Am Ende des Weges sammele ich noch ein bisschen Holz, getrocknete Pinienzapfen, Baumrinden und kleine Äste zum Feuer machen für den Ofen.

Abends werde etwas kochen, einen Flasche Wein öffnen, in das Feuer schauen und auf das Leben anstoßen. Mehr gibt es nicht zu tun. Bin ich jetzt ein Hippie?

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Wann ist ein Hippie ein Hippie?

Jon Michell Fueter ist 65 Jahre alt, hohe Stirn und langes, dunkles Haar. Aufgewachsen in Afrika als Kind Schweizer Diplomaten. Seit den Achtzigern lebt der Musiker auf Ibiza. Mit Nina Hagen hat er Mantras gesungen, und auf dem Hippiemarkt in Es Caná organisiert er zusammen Freunden jeden Mittwochabend das musikalische Programm "Namaste".

Wenn die Internationale Tourismusbörse in Berlin tagt, vertritt er für Ibiza das, was den Offiziellen lange eher peinlich war, das "Hippietum". Das sei inzwischen ein Alleinstellungsmerkmal der Insel, sagen sie. Man habe verstanden, dass es eben nicht nur um Feten, Drogen und Sex gehe. Es gebe viele Künstler und Kunsthandwerker unter den Hippies.

Plötzlich ist Hippiesein also ok.

Jon Michell weiß wohl, dass es sich um eine Marketingstrategie der Tourismusbehörde handelt. Aber, betont er, er sei wirklich ein Hippie und stehe dazu. Was er darunter verstehe?

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"John Lennon ist Hippie. Hippie ist, den Vietnamkrieg zu stoppen, Hippie ist gewaltfrei leben. John Lennon sagt genau das in seinem Song "Imagine": Stell dir vor, es gebe keine Religion, keinen Hunger. Das ist für mich Hippie. Wir sind nicht Hippies geworden, um uns zuzudröhnen. Für mich ist Hippiesein eine Haltung. Und die lebe ich noch immer."

Jon Michell wohnt in San Juan, einem kleinen Dorf und Provinzhauptort des Nordens. Weiß getünchte Häuser, Orangenbäume, eine Kirche, ein Friedhof, drei Bars, ein kleiner Markt, immer sonntags mit selbstgemachtem Brot, Lavendelhonig, Biogemüse, Räucherstäbchen, tibetischen Gebetsflaggen und Klangschalen, Armbändchen und Silberschmuck, Kleidern und Tüchern, Trommeln und Gitarrenklängen.

Die Bars sind vor allem in den Wintermonaten der Treffpunkt für die Hiergebliebenen. Und das sind nicht wenige. 35 Prozent der Bevölkerung in den sieben Orten der Gemeinde San Juan de Labritja sind Ausländer, die dauerhaft hier leben. Zahlenmäßig stehen an erster Stelle Deutsche, dann folgen Engländer, Italiener, Franzosen und andere. Die meisten sind in den Sechziger- bis Achtzigerjahren gekommen.

Anders als viele seiner Hippiekollegen wohnt Jon Michell nicht in einer Finca, sondern in einer Dorfwohnung. Ich fühle mich kurz zurückversetzt in eigene WG-Zeiten, lang ist es her: bunte Decken, indische Tücher und Wandbehänge, hier ein Buddha und dort liebevoll drapierte Blumen. Jon Michells Arbeitszimmer steckt voller Musik: Trommeln, Gitarren, Flöten und allerlei Rhythmusinstrumente, konventionelle und exotische.

Drei Kinder hat Jon Michell und einen Enkel. Seine jüngste Tochter ist elf Jahre alt. Sie lebt abwechselnd bei ihm und der Mutter. Leicht sei es nicht, die Lebenshaltungskosten zu decken, aber irgendetwas gehe immer, sagt er. Jon Michell ist nicht nur Musiker. Er führt Hochzeitsrituale durch für Menschen, die sich nicht kirchlich trauen lassen wollen.

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"Im Fokus der Zeremonie steht die Einsicht, dass Liebe ein Geschenk ist. Liebe ist keineswegs selbstverständlich. Wir feiern die Liebe und ehren die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde."

Jon Michell sieht sich selbst nicht als Schamane oder gar Priester. Vielmehr will er dem Brautpaar und seinen Gästen einen schönen Rahmen für ein Lebens- und Liebesversprechen bieten. Die Feiern finden am Strand, auf einem Felsen oder einer Bergspitze statt.

Er glaubt, dass die Insel unter dem Einfluss der Fruchtbarkeitsgöttin Tannit steht. Auf Ibiza wurden mehrere Kultstätten ausgegraben. Eine der bekanntesten ist die Höhle Es Culleram bei Sant Vicent im Norden. Tannit sei eine Frieden bringende, feminine Energie, sagt er. Genau das, was viele Künstler und spirituelle Menschen anzieht.

Auf Ibiza gilt es als uncool, aggressiv zu sein.

Ob es einen Unterschied mache, ein junger Hippie oder ein alter zu sein, frage ich. Schließlich bin ich auch nicht mehr die Jüngste. Ich meine, hey, vielleicht gibt es da ein Verfallsdatum oder so:

Travelepisodes.com/Gitti Müller.

"Wenn du eine gewaltfreie Person bist, dann ist es egal, ob du jung oder alt bist", sagt Jon Michell.

Sehr gut, das hätten wir geklärt.

Hippies gehen nicht in Rente. Einmal Hippie, immer Hippie. Aber was ist mit Sicherheit? Krankenversicherung, Rentenversicherung, Unfallversicherung, Pflegeversicherung? So etwas hat ein Hippie ja wohl nicht. Wenn man jung ist, kein Problem. Wird schon schiefgehen, denkt man dann. Aber im Alter?

Jon Michell hat auch hier eine Weisheit parat: "Du verlierst an Lebensqualität, wenn du dauernd versuchst, dich abzusichern - was übrigens ohnehin nicht wirklich gelingen kann. Die Menschen glauben aber, das bedeute Lebensqualität. Die Wahrheit ist: je mehr du einfach vertraust, desto sicherer fühlst du dich tatsächlich."

Da könnte was dran sein. Just trust in life.

Wie viel Zeit verlieren wir, weil wir Türen, Autos, Fahrräder, Gartenlauben und Büros abschließen? Wir suchen den Schlüssel, wenn wir weggehen, wir kramen ihn aus der Tasche, wenn wir wiederkommen, wir schließen auf, wir schließen zu. Und? Gibt es deswegen weniger Einbrüche, weniger Diebstähle? Bestenfalls mehr kaputte Türen und Fenster. Und verlorene Lebenszeit, die wir mit angenehmeren Dingen verbringen könnten.

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Ein Leben als Baum

Es regnet. Er trommelt auf das Dach und rauscht in den Bäumen. Ich liege noch im Bett, blicke hoch zu den Holzbalken der Decke und frage mich, ob das wohl dichthält. Es ist gemütlich in meinem kleinen Zimmer mit den rustikalen, unverputzten Steinwänden.

Es stört mich nicht, dass es regnet.

Ich habe in den vergangenen Tagen auf meinen Spaziergängen Kontakt aufgenommen zur Natur. Ich habe wilden Knoblauch probiert, Borretschblüten gegessen und Rosmarin für die Küche mitgenommen. Einmal bin ich auf einer Lichtung stehen geblieben und machte ein paar Yogaübungen. Als ich im "Baum" stand - einer Position, in der man auf einem Bein balanciert, das andere angewinkelt und die Arme zum Himmel streckt -, stellte ich mir vor, ich sei tatsächlich einer dieser Bäume.

Wie ist es, morgens bei Sonnenaufgang hier zu stehen und nur diesen einen Blickradius zu haben, immerzu, den ganzen Tag, bei Kälte und Hitze, bei Regen und Sonne, immer nur diesen Wirklichkeitsausschnitt, ein ganzes Leben lang. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jahr für Jahr. Die Pinie kommt auf 200 bis 250 Jahre. Der älteste Olivenbaum ist 4000 Jahre alt.

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Je länger ich stand, desto vielfältiger wurde das, was in meinem Blickfeld lag. Ich entdeckte immer mehr Details, die mir zuvor verborgen geblieben waren: Hier eine winzige Orchideenblüte am Boden, dort ein Baumstamm, der ein Gesicht zu haben schien. Und der Boden war nicht mehr einfach eine Fläche, es war ein Reich mit Bergen und Tälern, Schluchten und Senken. So also fühlt sich Stillstand an, so also fühlt sich Leben an, wenn wir es zulassen, wenn wir hineinhorchen, wenn wir selbst zum Baum werden.

Deshalb freue ich mich auch über den Regen, jetzt, wo ich Baumerfahrung habe. Hoffentlich hält die Freude an, denke ich, dann stehen mir glückliche Zeiten in Deutschland bevor.

Auf Ibiza ist Regen Mangelware.

Ab April regnet es monatelang nur noch Touristen, rund vier Millionen in einer Saison. Sie duschen nach dem Aufstehen und vor dem Essen, sie planschen im Pool, trinken Tee und Kaffee, sie wollen frische Bettwäsche, möglichst täglich, pikobello gewaschene Leihautos und grüne Gärten, die zweimal täglich gewässert werden. Der Grundwasserspiegel sinkt rapide, und dann wird es eng für alle, die nicht am öffentlichen Wassersystem hängen. Also vor allem für die, die auf dem Land leben. Die Bauern und die Hippies.

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Spirituell und magisch

Manchmal, erzählt Ilona Pantel, bete sie, damit es regnet. Ilona ist aus Deutschland und wohnt seit Jahrzehnten mit ihrem Freund und dem Sohn in einer Finca auf dem Land. Nebenan hat sie ein Meditationszelt errichtet. Darin führt sie manchmal Zeremonien durch. Für den Mond, für Frauenpower oder eben, damit es regnet.

Die internationale Community auf Ibiza ist offen und erfahren in allem, was der spirituelle Markt hergibt: Yoga und Tanz, Ayurveda-und Thaimassagen, Shiatsu, Reiki und Watsu, Coaching und Selbstfindung. Einige führen Ayahuasca-Zeremonien durch, bei denen die Teilnehmer den Sud einer halluzinogenen Liane aus dem Amazonas einnehmen und unter Aufsicht eines Schamanen oder einer Schamanin erst kotzen und dann sich selbst finden. Drei Tage lang.

Aber von Westeuropäern, die einen Workshop im peruanischen Urwald machen und sich dann eine Feder ins Haar stecken und als Schamanen zurückkommen, hält Ilona wenig. Schließlich gebe es auch hier überliefertes Wissen, um die Kraft von Energien und Kräutern.

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Ich glaube nicht an Zauberei. Aber auf Ibiza fällt es leicht, sich zu öffnen für alle möglichen spirituellen Ideen. In der Nähe von San Rafael treffe ich Manuel Estevez, einen Musiker mit außergewöhnlichen Sets am Start. Sein Ding ist die elektronische Musik, jenseits des Mainstreams. Er verbindet Klänge aus der Natur mit Rhythmen.

Rhythmen, die eine Aufforderung zum Tanzen sind.

Seine Musik basiert auf der Solfeggio-Tonleiter, einer Sechs-Ton-Leiter. Den Frequenzen dieser Töne wurde schon im Altertum heilende Wirkung nachgesagt. Im Mittelalter benutzten Mönche sie in ihren gregorianischen Gesängen. Die native Musik aus den Anden oder dem Himalaya gründet ebenfalls auf dem Solfeggio. Manuel versteht sich als Musik-Schamane, der die Energien der Menschen synchronisiert.

An einem Freitagabend war ich dabei, als Manuel aufgelegt hat. Ich tanze und tanze, Stunde um Stunde, erfüllt von einer tiefen Freude. Und das ganz ohne Drogen. Angetrieben allein durch die Magie der Klänge. Und so sieht es aus, wenn er arbeitet:

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Symbiose von Ibizenkern und Hippies

Im Süden der Insel wummern die Bässe der Megaclubs in den Tempeln der elektronischen Musik, durch und durch vermarktet. Jeder Club verkauft T-Shirts, Kleider, Handtaschen, Sticker und Portemonnaies mit seinem Label, ob Pacha, Amnesia, Space oder Privileg.

Im Süden sind auch die Strände der Schönen und Reichen, die Hotspots der Promis und Millionäre, der Drogendealer und Immobilienmakler. Im Norden hingegen leben die Aussteiger und Hippies, Kunsthandwerker und Veggiepropheten, Yoginis und Gurus. Und mitten drin die Ibizenker, die seit Jahrzehnten gelassen dabei zusehen, wie sich die Insel verändert.

In den Sechzigerjahren, lange bevor Ibiza als Partyinsel galt, staunten die Bauern nicht schlecht, als da junge Menschen mit luftigen Kleidern auf die Insel flatterten wie bunte Schmetterlinge. Sie hatten Federschmuck und Blüten im Haar, im Arm eine Gitarre, in der Hand einen Joint, auf den Lippen ein Lied aus der Flower-Power-Bewegung.

Die Ibizenker nannten sie schlicht die "Langhaarigen" und fanden sie ein bisschen merkwürdig, diese Hippies mit Blumenkränzen im Haar, die einmal im Monat in den Postfächern der Dorfkneipen ihre deutschen, französischen, kanadischen oder amerikanischen Schecks von Zuhause abholten und ansonsten ihre Armbändchen knüpften. Sie kamen und blieben.

Wie Noelle, sie ist seit 40 Jahren auf der Insel. Als ich sie auf dem Land besuche, fahre ich von San Juan aus auf einer Schotterpiste etwa 20 Minuten Richtung Meer.

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Völlig abgelegen liegt ihr Häuschen da, inmitten eines Gartens. In den Siebzigerjahren kam sie als 25-Jährige mit einem kleinen Sohn und bildete hier mit zwei anderen Frauen eine Kommune. Ein Auto hatten sie nicht. Die Kinder gingen jeden Morgen zu Fuß in die Dorfschule nach San Juan. Es gab weder Strom noch fließend Wasser.

Und doch war es Liebe auf den ersten Blick.

Die Bauern konnten nicht ganz nachvollziehen, warum diese verrückten Ausländer ohne jeden Komfort in verfallenen Steinhäusern bei Kerzenlicht irgendwo im Nirgendwo leben wollten. Aber das traf sich gut. Denn die Bauern konnten sich ihrerseits nichts Schöneres vorstellen, als in einer Stadtwohnung zu leben. Mit fließend Wasser und Strom, mit Radio, Telefon und Fernseher.

Über die Mietvereinbarungen hinaus kamen sie aber nicht so richtig zusammen, lernten sich kaum kennen. In Ibiza-Stadt gab es einen, der das ändern wollte: In einer Gasse der Altstadt, nahe der Plaza Vara del Rey, hat Juan noch heute seine Bar.

Travelepisodes.com/ Gitti Müller

In Erinnerung an seinen Geburtsort nennt er sie die Bar San Juan. Im Sommer bilden sich lange Schlangen auf der Straße, schon bevor die Bar aufmacht. Im Winter geht es eher beschaulich zu. Unabhängig von der Jahreszeit gibt es oft nur ein einziges Tagesgericht.

Frisch und preiswert. Wenn es aus ist, ist es eben aus.

Juan ist Ende siebzig. Schwarze Fünfzigerjahre-Brille, mandelförmige Augen mit Lachfalten, graues, kurz geschorenes Haar. Der Chef, also er, bestimmt, wer wo sitzt. Dieses Konzept habe sein Vater Anfang der Sechzigerjahre eingeführt, sagt Juan, als die Blumenkinder die Insel fluteten.

Juans Vater wollte die bodenständigen Bauern der Insel und die Mantra singenden Hippies an einen Tisch bringen, damit sie sich kennen lernten. "Auf der Straße hätten sie einander damals nicht mal gegrüßt, aber hier, bei einem guten Essen und einer Flasche Wein wurden Freundschaften und Mietverhältnisse, manchmal auch Liebschaften geschlossen und Familien gegründet", erzählt Juan. Und die Flasche Wein kommt stets völlig ungefragt auf den Tisch. Jeder bedient sich daraus, wie er möchte.

Feiern tun auch die Hippies von damals noch heute gern. Und so kommt es, dass ich entgegen meiner Erwartungen gar nicht so einsam war in den vier Wochen.

Ja, ich bin ein Hippie

Nach vier Wochen Landleben fühle ich mich wie zu Hause auf Ibiza und rundumerneuert. Die internationale Community lässt sich einiges einfallen, um sich zu "connecten". Über die sozialen Medien und Mundpropaganda organisieren sich Wander- und Yogagruppen, Kinoabende und private Feiern.

Ich mag diese Menschen. Sie sind kreativ und weltoffen, tolerant und ein bisschen verrückt. Nicht jeder bezeichnet sich als Hippie, aber nach vier Wochen Einkehr und all den Gesprächen verstehe ich Hippie ohnehin nicht mehr als Rolle, sondern als Haltung zum Leben. Friedlich, kreativ, naturverbunden und spirituell. Insofern kann ich von mir sagen: Ja, ich bin ein Hippie. Und, ach, es wäre schön hier zu leben. So wie Sandra. Ihr gehört die Finca, in der ich zu Gast war:

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Aber das Leben ist teuer hier.

Zu teuer für mich. Für andere auch. Viele haben die Insel in den letzten Jahren verlassen, weil sie die hohen Lebenshaltungskosten nicht mehr stemmen können. Vorbei die Zeiten, wo eine kleine Steinfinca per Handschlag und Barzahlung zu haben war. Einige der alteingesessenen Hippies sind schon nach Thailand ausgewandert. Andere nach Brasilien, Kolumbien oder nach Südspanien.

Die explodierenden Immobilienpreise haben die Mieten derart in die Höhe getrieben, dass viele, auch Einheimische, nicht mehr wissen, wo sie in den Sommermonaten wohnen sollen. Kellner, Köche, Verkäufer und andere, die vom Tourismus leben, teilen sich Wohnungen zu horrenden Preisen.

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Wäre ich mal damals gegangen, als mitten in der hitzigen Friedensdebatte der Satz viel: "Dann geh doch nach Ibiza und werde ein Hippie", dann wohnte ich jetzt vielleicht auch in so einer schönen Steinfinca eines netten Ibizenkers, der seine Miete seit 20 Jahren nicht erhöht hat. Dann wäre mein Leben allerdings nicht das, was es ist, und ich nicht die, die ich bin.

Und am Ende bin ich dann wohl doch zu sehr Hippie, als dass ich mich in "hätte" und "wäre" verlöre. Alles ist gut, so wie es ist. Und wer weiß, wie schnell ich wiederkomme.

Spätestens im Winter. Als Saisonhippie.

Dieser Artikel ist in ungekürzter Version zuerst auf dem Reiseblog Travelepisodes.com erschienen.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
hartmut.guendra 07.05.2017
1. Ein kleines Paradies
Der Norden der Insel hat noch am meisten vom ursprünglichen Ibiza bewahrt. Love it! Leider ist es auch dort immer überlaufener. Ich mag und bewundere die Menschen, die mutig alles hinter sich lassen, um den eigenen Traum vom Leben, zu verwirklichen. Jon Michelles Namaste kenne ich Mittwochs in Las Dalias, Sant Carles. Der wirklich schöne Beitrag stellt allerdings eher die etablierten Hippies vor. Nicht jeder davon muss sich Gedanken um eine Krankenversicherung machen und es gibt auch darunter einige, die inzwischen ein Immobilienvermögen gemacht haben. Die Hippies, die dort ein echt hartes Leben führen, die Busse und Verschläge, in denen sie leben, habe ich in den wunderschönen Fotos nicht gesehen.
juergw. 07.05.2017
2. Witziger Artkel !
Liebenswerte Spinner auf dieser Insel,sonnengegerbt wie die alten Indianer verkaufen sie Illusionen an Touristen.So lustig und unbeschwert ist das Hippe Leben im Alter auch nicht.Auch hier gilt: Ohne Moos nix los.Was die Preise angeht hat hier der reale Kapitalismus einzug gehalten.Die Preise bkommt man auch nicht mehr mit dem Trommeln runter,immerhin tröstet die ein oder andere Flasche Rotwein.Ich habe mich jetzt im Alter auch auf meine Finca im Süden Brandenburgs zurück gezogen.Auch ich muß 30 Minuten bis zum nächsten Dorf laufen um die alte Kaufhalle zu erreichen.Strom und Wasser gibt es schon-ich möchte nicht ganz auf die Grundversorgung verzichten.Bis jetzt hat es ordendlich geregnet,so das ich noch nicht trommelnd über das Grundstück laufen muß...
sayana 07.05.2017
3.
Zitat von hartmut.guendraDer Norden der Insel hat noch am meisten vom ursprünglichen Ibiza bewahrt. Love it! Leider ist es auch dort immer überlaufener. Ich mag und bewundere die Menschen, die mutig alles hinter sich lassen, um den eigenen Traum vom Leben, zu verwirklichen. Jon Michelles Namaste kenne ich Mittwochs in Las Dalias, Sant Carles. Der wirklich schöne Beitrag stellt allerdings eher die etablierten Hippies vor. Nicht jeder davon muss sich Gedanken um eine Krankenversicherung machen und es gibt auch darunter einige, die inzwischen ein Immobilienvermögen gemacht haben. Die Hippies, die dort ein echt hartes Leben führen, die Busse und Verschläge, in denen sie leben, habe ich in den wunderschönen Fotos nicht gesehen.
das stimmt. es gibt die verarmten Hippies, die in Garagen, Plastikzelten und Verschlägen wohnen. Sie möchten sich aber nicht zeigen. Deshalb gibt es keine Fotos von ihnen an dieser Stelle. Das muss man auch respektieren finde ich. lg gm
guentherzaruba 07.05.2017
4. G`s Terrace in Kathmandu
aus den 60ern . Hat ein restaurant . Original Allgäuer Käsespätzle mit JAK Käse überbacken. Vor ca. 20 Jahren war ich dort . Der hat es richtig gemacht. TASHI DELEK
gracie 07.05.2017
5. Schon lange Ausgestiegen.....
Ausgestiegen bin ich schon lange, ohne in eine Hippie-Hochburg zu ziehen. Ausstieg ist vor allem eins: ein Seelenzustand
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