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Interview mit Tim Parks über Italien: "Im Zug zeigt sich, wer dazu gehört"

Von Anne Haeming

Der britische Autor Tim Parks lebt seit mehr als 30 Jahren in Italien und ist dort Dauer-Bahnfahrer. Über seine Erlebnisse mit der Eisenbahn hat er ein Buch geschrieben - im Interview empfiehlt er: an Bord nur Espresso trinken.

Bahnbuch von Tim Parks: Im Zug über den italienischen Stiefel Fotos
imago

Zur Person
  • Basso Cannarsa
    Der Schriftsteller Tim Parks, 59, ist zwar Engländer, lebt aber seit 1981 in der Heimat seiner italienischen Frau. Er arbeitet zudem als Übersetzer und lehrt an der Universität Mailand. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Roman "Sex ist verboten".
  • Webseite Tim Parks
SPIEGEL ONLINE: Herr Parks, wann sind Sie zuletzt Zug gefahren?

Tim Parks: Erst gestern, ich musste von Mailand nach Verona. Es schüttete wie aus Eimern, der Norden Mailands war komplett überflutet - und das Überraschende war: Der Zug kam pünktlich!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Buch übers Bahnfahren in Italien geschrieben, wo Sie seit 1981 leben: "Italien in vollen Zügen". Welche Regeln gelten in der ferrovia?

Parks: Es gibt viele - und viele werden dann nicht angewandt. Ich brauchte 10, 15 Jahre, bis ich das Bahnfahren beherrschte. Einmal hatte ich mir ein Erste-Klasse-Ticket für den Regionalzug gekauft. Alle Plätze waren besetzt, ich musste stehen. Auf einmal verließen alle Passagiere das Abteil, und ich setzte mich. Aber niemand stieg aus, dafür kam der Schaffner. Die Leute hatten eben keine Erste-Klasse-Fahrscheine - und als die Kontrolle beendet war, kamen sie zurück. In Italien sind nur Fremde so dumm, sich in diesen Zügen ein teures Ticket zu kaufen. So ist es eben im Machiavellismus.

SPIEGEL ONLINE: Die Eisenbahnreise als Soziologieseminar?

Parks: Absolut. Im Zugabteil ist man dazu gezwungen, miteinander zu reden, spätestens wenn beim Laptop der Akku leer ist. Erst recht auf der Strecke von Kalabrien nach Sizilien: Dort werden alle Waggons auf die Fähre geladen, statt dass alle aussteigen, mit der Fähre übersetzen und auf der Insel mit dem nächsten Zug weiterreisen. Allein das Verladen dauert eine Stunde - genug Zeit für einen Plausch.

SPIEGEL ONLINE: Wer nutzt eigentlich die Bahn?

Parks: Vor allem Touristen und Pendler. Man fährt, weil man muss. Jeder hier nimmt lange Strecken zur Arbeit in Kauf, um zu Hause wohnen bleiben zu können.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen der Einzige zu sein, der gerne Zug fährt. Können Sie sich das erklären?

Parks: Seit die Italiener ihre Liebe zum Auto entdeckt haben, spielt die Bahn keine Rolle mehr. Erst recht nach dem berühmten Rennen zwischen einem Schnellzug und einem Alfa Romeo, das 1961 auf der Strecke Mailand-Rom stattfand. Das Auto gewann. Zum Widerwillen trägt aber vor allem bei, dass die Eisenbahn in Italien 1860 aus politischen und nicht aus wirtschaftlichen Gründen gebaut wurde, um das Land zu vereinen.

SPIEGEL ONLINE: Merkt man diese Staatskultur noch?

Parks: Ja, die staatliche Eisenbahn ist wie ein massiver Monolith. Den Betreibern ist es egal, ob man sich wohl fühlt. Die Zugführer haben sogar wie Polizisten das Recht, Leute zu verhaften. Dort, wo der Staat nicht präsent ist, etwa auf Sizilien, ist das Streckennetz fast inexistent. In Palermo, immerhin viertgrößte Stadt des Landes, hat der Bahnhof nur ein Gleis.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Beziehung zur italienischen Eisenbahn begann holprig, wie Sie im Buch erzählen: Als Sie 1974 als Interrailer erstmals in Italien unterwegs waren, wurden Sie am Bahnhof bestohlen.

Parks: Ja, ich war 19, wollte Spaß und an den Strand. Dass es etwas anders lief, lag an zwei Deutschen, die mir von ihrem Chianti abgegeben haben. Weiß der Himmel, was da drin war. Ich wachte im Gang eines Zuges nach Rom in meinem Erbrochenen auf.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Engländer, Zugfahren in Ihrer Heimat ist auch kein Spaß. Wo ist es schlimmer?

Parks: Ich möchte die beiden Bahnkulturen ungern vergleichen. Aber gut: In Italien sind die Züge geräumiger.

SPIEGEL ONLINE: Und der Kaffee an Bord?

Parks: Der Espresso ist exzellent. Aber aus irgendwelchen Gründen nehmen sie für den Cappuccino H-Milch. Ungenießbar!

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch andere Fallen für Fremde?

Parks: Beim Zugfahren zeigt sich, wer dazu gehört und wer nicht. Das fängt beim komplizierten Ticketsystem an. Man sollte sich genau informieren, welche Regeln und Preise für Schnellzüge, Intercitys und Regionalzüge gelten. Sogar meine Mutter ist schwarzgefahren, weil sie nicht wusste, wie es geht. Sie musste Strafe zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Und was kostet das so?

Parks: Auf jeder Fahrt erfolgt eine Durchsage, in welcher Preisspanne sich eine mögliche Geldbuße bewegen würde. Das kann mehrere hundert Euro kosten. Das Zugpersonal gibt die Summe auf bizarr präzise Art bis auf den Cent genau an, dann erklärt es exakt das entsprechende Gesetz, bis hin zu Details wie den genauen Ziffern der Paragrafen und ob es ein Erlass des Präsidenten war. Wahnsinnig bürokratisch. Auf diese Art Autorität geltend zu machen, ist sehr italienisch. Sie würden nie einfach nur sagen: "Rauchen verboten!"

SPIEGEL ONLINE: Sonst noch irgendwelche Ratschläge für Urlauber?

Parks: Ach nein, keine Regeln - es sind Ferien! Aber sollte jemand versuchen, Ihnen ein Bußgeld zu verpassen: einfach immer weiterdebattieren. Irgendwann hat der Schaffner keine Lust mehr und geht. Dass das in Italien sehr üblich ist, sah man während der Fußball-Weltmeisterschaft: Die italienischen Spieler haben immer ewig mit den Schiedsrichtern diskutiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind per Bahn schon durchs ganze Land gereist. Welche Etappe lohnt sich denn besonders wegen der Aussicht?

Parks: Es gibt entzückende kleine Strecken, die so gut wie nichts kosten. Entlang der Küste Kalabriens etwa, in Puglia oder in Lecce. Da fahren Züge, bei denen man noch die Fenster öffnen kann! Ich liebe es, wenn die orangefarbenen Vorhänge im Wind flattern.

SPIEGEL ONLINE: Eins Ihrer Sachbücher handelt vom Zur-Ruhe-Kommen, es heißt "Die Kunst stillzusitzen". Meinten Sie damit das Bahnfahren?

Parks: Nicht wirklich. Andauernd lange Strecken zu fahren stresst. Darum habe ich immer frische Ohrstöpsel dabei und viel zu lesen. So verziehe ich mich in meine eigene kleine, stille Welt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich ein Auto?

Parks: Ja, aber ich überlege, es zu verkaufen. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich immer den Zug. Den Wagen brauche ich meist sowieso nur, um mein Kajak zum Fluss zu transportieren.

Kurzkritik "Italien in vollen Zügen"
Standen Sie auch schon mal in Mailand am Bahnhof und hatten das Gefühl, auf einmal nicht mehr zu wissen, wie das geht: mit der Bahn zu reisen? Nach diesem Buch wissen Sie, wieso das so war. Tim Parks erzählt, wie er als Dauerpendler Jahre brauchte, seine zweite Heimat besser zu verstehen, und bringt damit seinen Lesern Italiens charmant-widersprüchliche Mentalität näher, als es jeder Adria-Urlaub je könnte. Danach ist man neu verknallt in dieses Land, versprochen. Parks' Schreibstil ist so mitreißend wie die umwerfendste Strecke einer Grand Tour. "Italien in vollen Zügen" ist die perfekte Zuglektüre. Nicht nur auf italienischen Strecken.
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. Das die Kritik von einem Enländer kommt ...
wolffm 31.07.2014
Das die Kritik von einem Enländer kommt, ist in der Tat etwas skuril :-) Der Hauptunterschied zwischen UK und Italien besteht in den Fahrgästen. In UK habe ich nur wenige gesehen, die um die Klasse betrügen :-) , die es ja in UK kaum noch gibt. Das Bezahlsystem ist in UK auch nicht einfacher, das jede der privatisierten Gesellschaften ihr eigenes System hat. Z.B. Wenn man am Heathrow Airport ein Ticket nach Southhampton kauf, fdas sich über den Bereich mehrerer Gesellschaften erstreckt geht das nur für den Hinweg(!). Zurück geht das nur wieder am Schalter des der Rückfahrt. Das ist in Italien definitiv einfacher. Man darf in Italien auch ohne Karte auf den Bahnsteig.
2. 2014 Folklore und Vorurteilen
losi160461 31.07.2014
Von "Der Espresso ist exzellent" (stimmt leider nicht) bis zum "Das fängt beim komplizierten Ticketsystem an" (wo? was sagt er?); un das noch in 2014: mindestens hat bei uns in Italien , ab sofort, "Rauchen verboten" funktioniert: vielleicht sind wir nicht so unsiviliziert; und vielleicht jede Land hat pro un kontra. Unglaublich so etwas zu schreiben (und auch auf diese Seiten zu publizieren).
3. Ein bunter Strauß Klieschees
Victor Salomakhin 31.07.2014
Ich denke, der gute Mann versucht, mit Klischees leser für sein Buch zu gewinnen. Na ja, soll er, wenns in UK klappt...Aber was er da zusammenstammelt, ist mehr als Vorurteil, das ist schlichtweg Unfug. Aber er bedient ja selber Klischees: Jeder Italiener, der ihn in seinem Erbrochen liegend im Zug gesehen hat, wird sofort gewusst haben, was für ein Landsmann er ist.
4. Wenn denn der Zug kommt....
Hochbeet 31.07.2014
wie letzten Urlaub in Kalabrien: Die Linie nach Tropea streikte. Am Bahnsteig tauchte ein illegaler Taxifahrer auf, der die Touristen für den 2,5fachen Preis transportierte. Jedes Klischee hat einen wahren Kern.
5. Meine Frau und ich ...
fridericus1 31.07.2014
... bewegen uns in Italien sehr gerne per Bahn voran. Wir sind schon Langstrecken und auch Kurzstrecke gefahren. Im Vergleich zu Deutschland (hier sind wir tägliche Bahnbenutzer): zuverlässig, preiswert, etwas altbackener. Für uns immer wieder ein Argument, Trenitalia zu benutzen.
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