Bahnhof von Durlesbach Es steht ein Zug in der Flur

Der Bahnhof von Durlesbach ist durch das Lied von der schwäbischen Eisenbahn berühmt geworden. Doch wo liegt dieses Durlesbach? In Oberschwaben, wo es wildromantische Täler und gut gepflegte Radwege gibt - und eine alte Dampflok lange im Dornröschenschlaf schlummerte.

Von Martin Cyris


Auf de' schwäb'sche Eisebahne / gibt's gar viele Haltstatione: / Schtuagert, Ulm ond Biberach, Meckabeure, Durlesbach / Trulla, trulla, trulla-la / Trulla, trulla, trulla-la …

Stuttgart, Ulm und Biberach, Meckenbeuren, Durlesbach. Die Haltstationen aus dem Lied "Auf der schwäb’schen Eisebahne" kann fast jedes Kind aufsagen. Obwohl Durlesbach nur wenige Einwohner zählt, war es einst stolzer Bahnhof der Königlich-Württembergischen Staats-Eisenbahn auf der Strecke von Stuttgart nach Friedrichshafen am Bodensee. Im 19. Jahrhundert diente er als Bahnhof für das nahe gelegene Bad Waldsee.

Doch Durlesbach ist aufs Abstellgleis geraten, der Regionalzug Bodensee-Oberschwaben macht hier schon lange nicht mehr Halt: Vor mehr als 20 Jahren wurde der Bahnhof stillgelegt. Neben dem Gebäude erinnert ein Eisenbahndenkmal, bestehend aus einer alten Dampflok, einem Tender und zwei Waggons an das berühmte Schwabenlied.

Von Reute, das wie Durlesbach zur Stadt Bad Waldsee gehört, führt eine unscheinbare Sackgasse in das berühmte Dorf. Wildromantisch und verträumt liegt es in einem bewaldeten Tal, dem Schussentobel. Die Streusiedlung besteht aus einem knappen Dutzend Gebäuden. Nur wenige Familien leben hier. An der einzigen Straße des Orts verwildern Bauerngärten. Im Schatten eines Baumes haben sich Kühe versammelt und kauen auf Grünzeug herum.

Ein Briefkasten mit verwittertem Lack lässt erkennen, dass das aktuelle Corporate Design der Deutschen Post noch nicht bis in den letzten Winkel der Republik vorgedrungen ist. Doch die kleine Tafel mit den Leerungszeiten verrät: Durlesbach ist an die Zivilisation angebunden.

Zwei Jahrzehnte im Dornröschenschlaf

Auf de schwäb'sche Eisebahne / wollt amol a Bäuerle fahre, / goht an Schalter lupft da Hut: / "Oi Billettle, send so gut!" / Trulla, trulla, trulla-la …

Wer hier lebt, hat die Abgeschiedenheit gesucht und gefunden. Die einsame Lage war lange Zeit ein Problem für das historische "Bähnle". Denn die Dampflok und die Waggons wurden über Jahre ihrem Schicksal überlassen. Regen, Rost und Souvenirjäger setzten ihr stark zu. Etwas besser geht es den Metallfiguren, die vor dem hinteren Waggon stehen: ein Ziegenbock, ein Schaffner, ein Bauer und ein weiblicher Passagier. Sie stellen eine Szene aus dem Lied nach.

Vor 17 Jahren hatte ein Unternehmer aus Bad Waldsee das Denkmal gestiftet. Aufgrund einer langen Krankheit konnte der Spender seinen Zug nicht weiter hegen und ist mittlerweile verstorben. Wegen der abgeschiedenen Lage taugten Bahnhof und Bähnle auch nicht als Profilierungsprojekt für emsige Lokalpolitiker. So lag dieses für die schwäbische Seele so einmalige Ensemble aus Bahnhof und schwäbischer Eisenbahn fast zwei Jahrzehnte im Dornröschenschlaf.

Manchem Bewohner von Durlesbach war der Dämmerzustands des Kulturguts ganz recht. Ist das Eisenbahndenkmal erst einmal wieder aufgepäppelt, so die Befürchtung von manchem Durlesbacher, könnte der Ort von Hobbyheimatforschern und Züglesguckern heimgesucht werden. Vorbei wär’s mit der Ruhe.

"Ich will hier keinen Rummel", sagt ein Bewohner. Ihm scheint schon die Frage nach der Bedeutung des Bahnhofs zu viel zu sein. Immerhin, die Lok und der Tender befinden sich derzeit bei einem Restaurator. Danach sind die Waggons dran. Und dann könnte der Bahnhof wieder zu einem Treffpunkt werden, wie er es schon zu Zeiten des württembergischen Königs war.

Spott auf die Einfältigkeit

Oinen Bock hat er sich kaufet, / und dass er ihm net verlaufet, / bindet ihn der gute Ma, / an de hint’re Wage na / Trulla, trulla, trulla-la …

"Als Kind habe ich das Lied oft gesungen", sagt eine Wanderin aus dem schwäbischen Backnang. Sie steht ehrfürchtig vor dem Ziegenbock, dem am Schluss des Lieds ein trauriges Ende widerfährt: Der Bauer, dem der Ziegenbock gehört, bindet ihn hinten an das Vehikel an, wie er es bei seinem Ochsengespann gewohnt war. Nicht damit rechnend, dass die Königlich-Württembergische Staats-Eisenbahn einen schnelleren Zahn drauf hatte - und findet deshalb am Ende der Bahnfahrt nur noch den Kopf des Ziegenbocks vor.

Das Lied basiert freilich nicht auf einer wahren Begebenheit. Statt dessen sollen es Tübinger Studenten zusammengereimt haben. Als Spott auf die Einfältigkeit der damaligen Landbevölkerung gegenüber dem technischen Fortschritt.

"Für mich als Schwäbin ist es ein erhebendes Gefühl, Durlesbach mal in Wirklichkeit zu sehen", sagt die Besucherin aus Backnang. Ihr Mann zuckt mit den Schultern: "Ich verstehe nicht, warum man den Ort nicht besser vermarktet. Das ist doch ein ideales Ausflugsziel." Das Lied von der schwäbischen Eisenbahn sei schließlich deutschlandweit bekannt.

Das barock geprägte Oberschwaben liegt zwischen Donau und Bodensee. Bekannte Städte sind Ulm, Ravensburg und Memmingen. Touristen kommen vor allem wegen der zahlreichen Thermal- und Heilbäder. Die Schwäbische Bäderstraße verbindet zehn Heilbäder und Kurorte miteinander. Etwa Bad Wurzach und Bad Schussenried sowie im bayerischen Teil Schwabens Bad Grönenbach und das weithin bekannte Bad Wörishofen. Hier wirkte Pfarrer Kneipp.

Zahlreiche Rad- und Wanderwege durchziehen die ländlich geprägte Gegend. Der bekannte Donau-Bodensee-Radweg führt durch Bad Waldsee mit seiner sehenswerten Altstadt. Der Name rührt von einem großen Natursee, der praktisch mitten im Ort liegt. In der Regel sind die Wege gut gepflegt und ausgeschildert – der schwäbische Ordnungssinn hilft somit dem Orientierungssinn.

Bio-Café in der Schalterhalle

Wia der Zug no wieder staut, / d'r Bauer noch sei'm Böckle schaut, / find't er bloß no Kopf ond Soil / an dem hint’re Wagedoil. / Trulla, trulla, trulla-la …

Die Stadt Bad Waldsee zeigte lange wenig Interesse, Bahnhof und Eisenbahndenkmal touristisch zu vermarkten. Sogar die Pflege der Anlage geschieht auf Privatinitiative eines örtlichen Musikvereins, den Durlesbach Schalmeien. Die Musiker mähen den Rasen und leeren die Abfalltonnen - auf eigene Rechnung. Im Gegenzug darf die Kapelle jährlich am 1. Mai ein Fest neben dem Eisenbahndenkmal abhalten.

Michael Sproll, der Vorsitzende der Durlesbach Schalmeien, stößt beim Thema Zugdenkmal einen Seufzer aus. "Das ist ein leidiges Thema. Zum Ablichten kommen alle wichtigen Leute hierher, aber sonst sind sie das ganze Jahr nicht zu sehen", sagt Sproll. Vor 17 Jahren hat sein Verein den Zug erstmals renoviert - in wochenlanger Handarbeit wurde der Lack abgeschliffen, Lok und Waggons neu gestrichen. Es sei eine Schande, dass das Bähnle dann erneut vor sich hinrostete. Aber noch einmal konnte Sproll seine Musiker nicht zu dieser Knochenarbeit überreden.

Ein zugereister Düsseldorfer war maßgeblich daran beteiligt, dass der Dampflok nicht vollends die Puste ausging. Michael Norhausen ist Vorsitzender des Fördervereins Durlesbach-Bähnle. Der Verein brachte die Restaurierung des Eisenbahndenkmals in Gang.

Vor fünf Jahren kauften Norhausen und seine Lebensgefährtin den nicht denkmalgeschützten Bahnhof: "Es war Liebe auf den ersten Blick." Das Paar renovierte und entrümpelte das Gebäude auf eigene Kosten. In der früheren Schalterhalle befindet sich nun eine spirituell orientierte Schmuck- und Kunstgalerie sowie ein Bio-Café - gleichzeitig die einzige Gastronomie im Ort.

Des isch des Lied vo sellem Baure, / der de Geißbock hat verlaure, / Geißbock und sei traurig’s End': / Himmel Schtuagert Sapperment!

"In Oberschwaben fühlt man sich dem Himmel ein Stück näher", schwärmt Norhausen über seine neue Heimat. Dass die viel besungene schwäbische Eisenbahn nicht demnächst im Eisenbahnhimmel verschwunden ist, sondern in absehbarer Zeit wieder frisch herausgeputzt dasteht, dafür dürfen die Schwaben ausgerechnet einem Rheinländer dankbar sein.



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