BASF Ludwigshafen Knallgas-Tourismus beim Chemieriesen

Am Pfälzer Rheinufer wird bei BASF seit bald anderthalb Jahrhunderten Industriegeschichte geschrieben. Wer die gigantischen Produktionsanlagen im Science-Fiction-Look besucht, darf im Besucherzentrum Chemie schnuppern und mit Knallgas spielen.


Mehr als haushoch ragt das Bauwerk in den blauen Frühlingshimmel hinauf und zeigt dabei nichts, was einem Laien vertraut wirken könnte. Mattglänzende Metallröhren sprießen aus ihm hervor und verschwinden wieder in seinem Inneren. Man erkennt weder Anfang noch Ende, noch Funktion.

Gästeführer Peter Reinhart erkennt sofort den etwas ratlosen Ausdruck im Gesicht des Besuchers. "Das ist unsere Citral-Anlage", erzählt er mit erkennbarem Stolz in der Stimme. "Dort werden Aromastoffe hergestellt." Für Gummibärchen zum Beispiel. Aha, man weiß Bescheid. So was macht also die Kinder froh. Vitamine A und E kann das Ungetüm ebenfalls produzieren. Alles rein synthetisch. "Und alles aus Erdöl", betont Reinhart. Faszinierend.

Weltgrößte Chemie-Produktionsstätte

Natürlich steht die Anlage nicht für sich alleine. Wohin das Auge späht, stößt es auf skurrile Strukturen, dazwischen Schlote und seltsam alt wirkende Backsteinbauten. Wir befinden uns mitten im BASF-Stammwerk Ludwigshafen, ein Areal von circa sechs Kilometern Länge und einer Fläche von zehn Quadratkilometern. Es ist der größte chemische Produktionskomplex der Welt.

Industrieromantikern und Technikbegeisterten werden Rundfahrten über das Terrain angeboten – bei laufendem Betrieb, denn das Werk schläft nie. Anders als manche restaurierte Fabrik oder Zeche im Ruhrgebiet ist dies eben kein Museum.

Seit seiner Geburt vor knapp anderthalb Jahrhunderten ist der Moloch stetig gewachsen. Wie in einem lebendigen Organismus ist alles mit allem verknüpft. Verbund heißt das Zauberwort. Rund 2000 Kilometer oberirdische Rohrleitungen pumpen Substanzen in alle Himmelsrichtungen. Manche Produktionsprozesse erfordern Ketten aus mehreren Anlagen, und was in einer Maschinerie als "Abfall" anfällt, kann woanders oft wieder als Rohstoff genützt werden. Sonstiger Transport wird auf 115 Straßen- und 211 Schienenkilometern abgewickelt, die Anlieferung zu einem guten Teil auch per Schiff über den benachbarten Rhein.

Notrufnummer am Schwefelsäuretank

Superlative überall: Etwa 33.000 Menschen gehen hier tagtäglich ihrer Tätigkeit nach. Arbeiter, Angestellte und Forscher strömen durch die Werkstore und schwärmen über das riesige Gelände aus. Viele von ihnen nutzen die mehr als 13.000 firmeneigenen Fahrräder. Der Beobachter fühlt sich an chinesische Industrie-Propagandagemälde der siebziger Jahre erinnert. Doch dies ist Realität, und es fehlen die roten Fahnen. Trotzdem ist für Außenstehende eine Fahrt durch den Komplex ein Ausflug in eine exotische Welt. Manches wirkt gar bedrohlich. "92% Schwefelsäure" steht auf einem meterhohen Tank zu lesen. Darunter eine Telefonnummer, falls mal etwas schief gehen sollte.

Mag der Industrie-Riese noch so oft Zielpunkt von – durchaus berechtigter – Kritik gewesen sein, der Faszination dieses technischen Massenaufgebots kann sich kaum jemand entziehen. Chemie ist eben nicht nur, wenn es stinkt und knallt. Anlagen wie diese haben eine ganz eigene Ästhetik. Wer nachts auf den kaltglühenden Produktionskomplex schaut, fühlt sich leicht in einen Science-Fiction-Film im Stile Ridley Scotts versetzt. Den besten Ausblick hat man von der gegenüberliegenden Friesenheimer Insel.

Die "Badische Anilin- & Soda-Fabrik" kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Sie beginnt 1865 mit der Gründung der gleichnamigen Aktiengesellschaft durch den Mannheimer Geschäftsmann Friedrich Engelhorn. Geschäftsziele sind Bau und Betrieb eines Chemiewerks, welches die umfassende Produktion von damals hochbegehrten synthetischen Textil-Farbstoffen an einem einzigen Standort ermöglichen soll. Das Projekt wird ein durchschlagender Erfolg, das Werk wächst rasant.

Industrialisierung brachte Arbeitsplätze

Doch das tut es nicht alleine. Die angrenzende Stadt Ludwigshafen, hervorgegangen aus einer Militärschanze und erst 1852 offiziell als Gemeinde gegründet, wuchert in einem noch atemberaubenderen Tempo. Nebst der BASF haben sich im Zuge der Industrialisierung auch diverse andere Unternehmen am Pfälzer Rheinufer niedergelassen. Es besteht zunehmender Bedarf an Arbeitskräften, was die verarmte Landbevölkerung in Scharen anlockt. Stadt und Industrie beschleunigen gegenseitig ihr Wachstum. Sie sind seit jeher untrennbar miteinander verbunden, auf Gedeih und Verderb.

Gestunken und geknallt hat es natürlich auch, und nicht nur einmal. Die schlimmste "hausgemachte" Katastrophe ereignet sich am 21. September 1921 um 7.32 Uhr morgens. Im Nordteil des Areals explodiert ein Silo mit 4000 Tonnen Salpeter. Die Wucht der Detonation legt den benachbarten Stadtteil Oppau in Schutt und Asche. 561 Menschen sterben, knapp 2000 werden verletzt. Der Zweite Weltkrieg wirkt sich noch viel verheerender aus. Das Chemiewerk hat große strategische Bedeutung, alliierte Kampfflugzeuge stürzen sich darauf wie Wespen auf einen Obstkuchen. Mindestens 40.000 Bomben werden bis 1945 über Produktionsanlagen und Stadt abgeworfen. Zurück bleiben Trümmerfelder.

Nach Kriegsende wird wieder aufgebaut und weiter gewachsen. Ein besonderer Meilenstein ist 1957 die Fertigstellung des 102 Meter hohen Friedrich-Engelhorn-Hochhauses, das Erste seiner Art in Deutschland. Die BASF demonstrierte damit ihre neu errungene Wirtschaftskraft und –macht. Das Gebäude steht mittlerweile unter Denkmalschutz.

Besucherzentrum für die Imagepflege

Heutzutage ist der Chemiegigant größter Arbeitgeber und Steuerzahler des Landes Rheinland-Pfalz. Und Inhaber Ludwigshafens, wie manch spöttische Zunge behauptet. Das Unternehmen indes arbeitet beharrlich an seinem Image. Es spendiert Millionen für gemeinnützige Projekte und Veranstaltungen, seine Umweltbilanz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten beeindruckend verbessert. Als "Symbol für Transparenz" versteht sich das neue Besucherzentrum, welches Ende März diesen Jahres seine Türen öffnete.

Hier wird Interessierten eine kurzweilige Leistungsschau der modernen Chemie und vor allem der BASF geboten. Man kann Duftproben schnuppern und gefräßigen Getreidekäfern beim Knabbern zuhören. Letztere sollen bezeugen, wie wichtig Pflanzenschutzmittel sind. Auch für Kinder gibt es einiges zu erleben. Sie können sich zum Beispiel den Aufbau ihrer geliebten Turnschuhe ansehen oder eigenhändig eine überaus laute Knallgas-Rakete zünden.

Einige hundert Meter südlich bietet sich ein komplett anderes Bild. An der Anilinstraße ducken sich Backsteinhäuschen unter ausladenden Platanen, in den Gärtchen sprießen leuchtend bunte Tulpen neben Gartenzwergen und Kinderspielzeug. Dies ist die Hemshofkolonie, "einer der ältesten Arbeitersiedlungen Deutschlands", wie der städtische Denkmalpfleger Matthias Ehringer betont. Sozialer Wohnungsbau hat bei der BASF Tradition. Schon 1872 wurde mit dem Bau der Siedlung begonnen. Jedes Haus bietet vier Familienwohnungen zu je 80 Quadratmetern – für die damalige Zeit großzügigste Verhältnisse. "Man versuchte so, die qualifizierten Stammarbeiter zu halten", erklärt Ehringer. Heute sind die Wohnanlagen im Besitz der firmeneigene Baugesellschaft LuWoGe.

Ludwigshafens Zentrum gleicht mit seinen Betonklötzen und Schnellstraßen auf Stelzen zwar eher einem architektonischen Alptraum, doch in diesem Viertel hat sich der ursprüngliche Charakter der Arbeiterstadt erhalten. Gleiches gilt für den nahe gelegenen Wislicenus-Block mit seinen Innenhöfen, Bogendurchgängen und charmanten Fassaden. Wie durch ein Wunder haben die Quartiere den Bombenhagel des Krieges überlebt.

In den Fünfzigern wurde ein Teil der Hemshofkolonie allerdings dem Bau eines Parkplatzes geopfert, und seit einiger Zeit ist von einer neuen Bedrohung die Rede. An der Bausubstanz nagt der Zahn der Zeit, heißt es. Angeblich will die LuWoGe nur teilweise sanieren und einige Häuser aus Kostengründen der Abrissbirne preisgeben. Von offizieller Seite wird dies vehement dementiert, für die Stadt wäre es ein herber Verlust.



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