Baumkronenpfad Über allen Wipfeln ist Unruh

Zirpen, Zwitschern, Tirilieren - so geht es zu über den Baumwipfeln. Einen Einblick ins Blätteruniversum bekommt man im Nationalpark Hainich in Thüringen. Hier führt der längste und höchste Baumkronenpfad Deutschlands in 25 Metern Höhe durch ein Stück deutschen Urwalds.

Von Christian Fuchs, Bad Langensalza


Helge Grasshoff verliert gleich die Geduld. Er steht am Kassenhäuschen, doch leider ist er nicht allein, Mücken umschwirren ihn. Er rückt seine Schirmmütze zurecht, zieht seine kurze krachlederne Hose hoch und stemmt die Arme rechts und links in seinen Kugelbauch. Die Drohgebärden scheinen nichts zu bringen. "Mensch, die Viecher sind aber heut wieder", flucht er. Gleichzeitig versucht er ein Vieh an seinen Trekkingsandalen und auf seinem Arm zu erwischen. Es sieht ein bisschen aus, als ob Grasshoff schuhplatteln wolle.

Seine Rettung naht. 20 Kindergartenkinder aus Hessen stromern dem Höhenpfad entgegen. Grasshoff wird die Knirpsbande gleich führen. Er ist Ranger im Nationalpark Hainich, und allein sein grau-roter Rauschebart und seine behaarten männlichen Waden verleihen ihn Respekt. Zumindest bei Menschen. Spechte pochen, Schillerfalter flattern, Kleiber klettern rückwärts an Stämmen herunter, und Mücken summen: So nah kommt man der Natur nur, wenn man mittendrin steht.

Durch die Baumkronen des Waldes schlängelt sich ein 310 Meter langer Pfad, gehalten von riesigen Stahlträgern: Der Baumkronenpfad in 25 Meter Höhe ist die neue Attraktion in den Wäldern Thüringens. Die Kinder klettern flugs die 47 Stufen der Treppe hoch und stapfen sofort auf die Holzplanken des einzigen solchen Pfades in einem europäischen Nationalpark. Die ersten Ohs und Ahs fallen bei einer Rotbuche, die durch das Dach des Kassenhäuschens wächst. "Wir durften hier keinen Baum wegschneiden", sagt Grasshoff. Keine der bis zu 180-jährigen Kastanien, Rotbuchen, Eiben, Eschen, Saalweiden oder Spitzahorne.

Eine windschiefe Linde schiebt sich knapp am Holzpfad vorbei in Richtung Licht. Auf der anderen Seite entdecken die Kinder ein Astloch. "Das war mal die Wohnung eines Spechts, jetzt sind Fledermäuse hier die Untermieter" sagt der Ranger, "die fühlen sich wohl, weil es so viele Mücken gibt im Wald". Da kennt sich Grasshoff aus. Abends stehen er und seine Kollegen manchmal hier und führen Gruppen im Dunkeln über die Wipfel, um mit ihnen Fledermäuse zu beobachten.

Singdrosselbabys ganz nah

Für benachteiligte Gäste fährt ein Fahrstuhl in den dritten Stock des Waldes. Denn ist man einmal oben, ist der Pfad ein ganz normaler Weg. Obwohl sich die Bäume bis zu fünf Meter im Wind bewegen, bleibt der Höhenpfad ruhig und sicher. Nichts schwankt, auch wenn es manchmal so wirkt, wenn man nur auf die sich wiegenden Bäume schaut. Für die Sicherheit haben mehrere Spezialfirmen zwei Jahre lang 100 Meter tiefe Löcher in den Thüringischen Muschelkalk unter dem Waldboden gewirkt.

Singdrosselbabys recken ihre Schnäbel aus dem Nest. "Seht ihr das Wirrwarr in der Astgabel?", fragt Wildhüter Grasshoff, und gleich öffnen sich auch staunende Kindermünder auf der anderen Seite des Pfadgeländers. Ein paar Meter weiter spähen die Wandertagskinder durch die Ritzen des Weges: Hier entdecken sie das Ei einer Ringeltaube. Nur einen Specht bekommen sie nicht zu Gesicht, den hören sie nur hämmern. "Lasst uns doch mal das Vogelgezwitscher genießen", fordert Grasshoff die Besucher auf.

Seine Leidenschaft scheint grenzenlos. Waldliebhaber, wie den ehemaligen Forstwirt in Serengetikluft, gibt es nicht viele. Eventuell noch in Rheinland-Pfalz. Denn im Nationalpark Pfälzer Wald steht der zweite deutsche Weg über den Bäumen – der sogenannte Baumwipfelpfad. Er ist tiefer und kürzer als sein Thüringer Pendant und schlängelt sich im Zickzack durch einen Mischwald. "Das Angebot dort ist actionreicher mit Rutsche und Seilen für den Aufstieg", beschreibt Waldliebhaber Grasshoff den Unterschied, "bei uns steht eher die Umweltbildung im Vordergrund." Doch nicht nur Schulklassen und Naturinteressierte zieht der Thüringer Pfad an, sondern auch Forscher.

Forschungssensation Dasselfliege und Saftkäfer

Bisher gab es für Wissenschaftler keine Möglichkeit, den heimischen Wald von solch einer sicheren Plattform aus zu beobachten. Käferforscher untersuchten den Hochzeitsflug der Dasselfliege – eine kleine Sensation, denn bisher war dies nicht möglich, da die Fliegenart sich für das Liebesspiel immer den höchsten Punkt im Wald aussucht. Der höchste Punkt ist jetzt der Baumturm des Pfades. Ein anderes Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie aus Jena nutzte den Waldhochweg, um neue Erkenntnisse über die Photosynthese zu gewinnen. Die Wissenschaftler installierten ihre Messinstrumente am Geländer und konnten so den Sauerstoffausstoß von Blättern in diesen Höhen messen.

Auch für Tierökologen bietet der Pfad eine seltene Gelegenheit. Mussten sie die Waldinsekten bisher rabiat mit Giftgas von unten oder umständlich mit Waldkränen oder Luftschiffen von oben von den Bäumen räuchern oder pflücken, können sie hier ganz entspannt von Pfad auf sie schauen. Ranger Grasshoff kämpft immer noch mit den Mücken, ist aber voll des Lobes über andere Insekten: "Wir haben hier oben Reitters Strunk-Saftkäfer wiederentdeckt, der galt in Deutschland schon als ausgestorben."

Umweltbildung, Forschungsmöglichkeit und die Touristenattraktion Baumkronenpfad ließen sich der Nationalpark und die Stadt Bad Langensalza zwei Millionen Euro kosten. Die haben sich gelohnt, resümiert Bürgermeister Bernhard Schönau. "Wir hatten in weniger als einem Jahr schon über 200.000 Gäste", sagt er und schaltet einen Gang hoch auf der Landstraße vom Pfad zurück in die Stadt. Er nimmt den Besucher mit in die Stadt, weil die angekündigten Busse nicht fahren.

"Der Pfad bringt Touristen und damit den Aufschwung in die Stadt", sagt Schönau. Das kann auch Helge Grasshoff bestätigen. Im Gipfelbuch tragen sich von den bis zu 3500 Gästen pro Tag auch viele Japaner, Kanadier, Engländer, Dänen und Osteuropäer ein. "Eine Gruppe aus China war neulich da, die wollten bestimmt spionieren und so etwas Ähnliches dann bei sich aufbauen" sagt Grasshoff und lächelt verschmitzt in seinen Bart.

"Aber nichts abreißen!"

Zwei Frauen aus Dänemark sind währenddessen neben dem Ranger stehen geblieben. Sie genießen die Naturgeräusche und fotografieren ein Vogelnest. Lotte Skjaerbaeck war gerade mit ihrer Freundin auf dem Weg nach Salzburg, wollte sich diesen Zwischenstopp aber nicht entgehen lassen. "Es gibt keinen Stadtkrach hier, und es ist schön grün", sagt sie. "Wir haben extra nach so einem grünen Ort in Deutschland gesucht." Der Ranger ist in der Zwischenzeit weitergegangen. Behutsam zieht er einen Ast über dem Weg runter zu den Kindern. Sie dürfen die Blattstruktur erfühlen oder an der Lindenblüte riechen, "aber nichts abreißen", da ist Herr Grasshoff streng.

Allein der Duft, so intensiv wie ein ganzes Lindenblütenteegeschäft, ist schon ein Erlebnis. Oder der laue Wind, der zart über die Baumkronen bläst und ein luftiges Gefühl hinterlässt. Die Kindergartenkinder haben schon die nächste Attraktion entdeckt, einige von ihnen krabbeln an einer Holzskulptur herum. Mit mehreren Kunstwerken versucht der Nationalpark Kunst und Natur zu verbinden. Über dem Weg hängt mal eine gigantische Holzfledermaus, mal eine große Wildkatze mit spitzen Krallen oder ein Riesenschmetterling. Alles Tiere, die auch im Hainich leben.

Die kreativen Werke in Holz gefallen nicht nur den Kleinen. Auch die Auszubildende Kristina Lorenz lobt die "schöne Idee mit der Kunstausstellung". Jetzt steht die junge Frau in der Mitte des Baumturmes am Ende des Rundgangs. Ihre Füße verdecken den Kompass am Boden, sie jauchzt: "Guck mal Opa, wir sind 41 Meter über den Meeresspiegel." Opa guckt nicht, Opa genießt. Sein Blick schweift über die Höhenzüge des Thüringer Waldes, über Wälder hinter denen Kirchtürme hervorlugen, über sattgrüne Wiesen, Weizenäcker und Windräder in der Ferne. Über seinem Kopf kreist ein Falke.

Die Kindergruppe ist da schon wieder unten und schlürft vor der Blockhütte Fassbrause. Gleich geht es auf den Waldabenteuerspielplatz. Manchen Kindern war es bei Herrn Grasshoff schon langweilig geworden. Darum plant Bürgermeister Schönau neben einer richtigen Gaststube bald auch eine 50-Meter-Hängebrücke für Jugendliche - "für mehr Action", sagt er. Ein schwieriger Spagat zwischen Naturbildung und Unterhaltung. Bisher habe der Pfad die Tierwelt noch nicht gestört, sagt Ranger Helge Grasshoff. Außer vielleicht die Mücken, aber die wissen sich ja zu wehren.

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