Baustelle Breslau Beton-Hutschachtel und Papier-Lampion

Ein futuristisches Konzerthaus, ein Stadion mit integriertem Kasino und Polens höchstes Gebäude: Breslau putzt sich heraus für zwei Großereignisse. 2012 ist die Stadt Schauplatz der Fußball-EM - vier Jahre später wird sie Europas Kulturhauptstadt sein. Ein Baustellenbesuch.

Simone F. Lucas

Tausende von Menschen demonstrierten vor Kurzem in Breslau gegen die EU-Sparpolitik, während die EU-Finanzminister in der Jahrhunderthalle der Stadt über immer neue Rettungspläne für Griechenland diskutierten. Dabei bot Breslau eine symbolträchtige Kulisse für die Gespräche der Kassenwarte über die Euro-Baustelle. Denn die polnische Stadt, die 2012 einer der Austragungsorte der Fußball-EM und 2016 Kulturhauptstadt sein wird, ist selbst eine riesige Baustelle.

In den nächsten fünf Jahren findet "der größte Umbau der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg" statt, sagt Jan Wais, der im Breslauer Rathaus für die Auslandsbeziehungen zuständig ist - und er scheint darüber ganz glücklich zu sein. 1,5 Milliarden Euro sollen bis 2016 in die Verbesserung der Infrastruktur und in diverse Architektur-Projekte gesteckt werden - unter anderem ins neue Stadion.

Die Arena Wratislavia mit Platz für 42.000 Menschen wirkt von weitem wie ein großer, zusammengedrückter Lampion aus Reispapier. Die helle Außenhaut ist aus einer speziellen Membran: stabil, durchsichtig und luftdurchlässig - eine ideale Projektionsfläche für leuchtende Farben oder das, was im Stadion passiert. Drinnen ist der Baufortschritt bereits deutlich erkennbar: Die Zuschauerbänke sind schon festgeschraubt, auf einer Seite formen weiß lackierte Sitze den Namen der Stadt: Wroclaw. Auch der grüne Rasen ist bereits fertig, er wird aber erst am 11. November eingeweiht, wenn Italien gegen Polen zum Freundschaftsspiel antritt.

Den ersten Härtetest hat die Arena schon bestanden: Am 17. September wurde sie mit einem Konzert von George Michael eröffnet. 30.000 Fans kamen, um den Megastar zu sehen. Damit sich der 183 Millionen teure Neubau später einmal selbst finanziert, wird das Stadion nicht nur für Konzerte und größere Veranstaltungen genutzt: Unter den Tribünen sind multifunktionale Räume in vier Gebäuden geplant: der größte Fitnessclub der Stadt, Disko, Kasino, Restaurant. Um den Breslauern den Weg ins neue Freizeitzentrum zu erleichtern, ist das Stadion direkt an die neue Autobahn angebunden.

Spitzenklang, Steine und der Turmbau zu Breslau

Von dem anderen Prestige-Objekt, das bis 2016 Breslaus Aushängeschild werden soll, sieht man derzeit vor allem eine große Baugrube nahe dem klassizistischen Opernhaus. Dort, wo einst auf dem Royal Forum vor der Residenz des preußischen Königs die Truppen ihre Paraden abhielten, soll das Nationale Musikforum entstehen. 100 Millionen Euro sind für das ambitionierte Projekt mit drei Kammermusiksälen, Proberäumen, Aufnahmestudio, Büro- und Konferenzräumen und einem Konzertsaal mit 1800 Plätzen eingeplant.

Mit der Akustik wurden die weltweit tätigen Spezialisten von Artec Consultants betraut. Sie sollen dafür sorgen, dass die Klangqualität in dem futuristisch anmutenden Bau "einmalig im östlichen Mitteleuropa sein wird", so der Generaldirektor der Philharmonie, Andrzej Kosendiak. Damit wird das neue Haus seiner Meinung nach ein Leuchtturmprojekt sein, das weit über die Grenzen Breslaus hinaus ausstrahlt. Eröffnet werden soll der wegweisende Bau im Frühjahr 2013, falls die Arbeiter nicht wieder auf die Überbleibsel einer mittelalterlichen Mauer stoßen. Einzelne Relikte aus Stein, die bereits ausgebuddelt wurden, sollen im neuen Gebäude an die Geschichte des Standorts erinnern.

Hoch hinaus strebt schon jetzt der Sky Tower, mit dem Leszek Czarnecki, einer der reichsten Männer Polens, seine Heimatstadt beglücken will. Mit 212 Metern und 50 Stockwerken soll der Turm das höchste Gebäude Polens werden - und wenn es nach dem Bauherrn geht, soll er das neue Symbol von Breslau werden. Eine Milliarde Zloty, rund 230 Millionen Euro, lässt sich Czarnecki den Turmbau kosten.

Zwar hat die Wirtschaftskrise seine Pläne für eine Stadt in der Stadt mit Wohnungen, Büros und einem großen Einkaufszentrum etwas ausgebremst, aber 2012 soll zumindest Letzteres fertig sein. Zurzeit wird zwischen den bis zu drei Meter dicken Pfeilern, auf denen der Sky Tower steht, noch fleißig gewerkelt.

Beton-Hutschachtel als Unesco-Welterbe

Ehrgeizige Architektur ist in der 700.000-Einwohner-Stadt allerdings nichts Neues. Schon in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden in Breslau wegweisende Bauten des Modernismus. Flaggschiff war die Jahrhunderthalle, 1913 vom damaligen Stadtbaurat Max Berg, einem Pionier des Betonbaus, für eine Ausstellung aus Anlass des hundertsten Jahrestags der Völkerschlacht bei Leipzig errichtet.

Die Jahrhunderthalle, manchmal als Beton-Hutschachtel geschmäht, wurde 2006 ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Derzeit wird das Stahlbetonbauwerk der Superlative in seinen ursprünglichen Zustand versetzt. Restaurierungsbedürftig war zuletzt vor allem die Kuppel, die mit einer Spannweite von 67 Metern einst die weltweit größte ihrer Art war. Imposant thront sie über der Halle, die aus unverputztem Beton besteht und ganz ohne Ornamente auskommt.

Dort, wo 1948 der Weltkongress der Intellektuellen zur Verteidigung des Friedens mit prominenten Unterstützern wie Pablo Picasso, Aldous Huxley oder Max Frisch stattfand, soll auch in Zukunft wieder große Kultur stattfinden. "Arts for Change" lautete das Motto des ersten Europäischen Kulturkongresses, der Mitte September in der Jahrhunderthalle zu Ende ging.

Simone F. Lucas, SRT



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