Belgisches Nationalgericht Fritten for Welterbe

In Belgien werden Pommes zweimal frittiert. Da sind Flamen und Wallonen ausnahmsweise mal einer Meinung. Auch darin, dass ihr Nationalgericht Unesco-Weltkulturerbe werden sollte - wie türkischer Kaffee und die französische Haute Cuisine.

DPA

Brüssel - Entschlossen pikst Alain Meersseman mit seinem blauen Plastikgäbelchen in die Pommestüte. Dann begutachtet er seine fettige Beute, als wäre sie ein Kunstwerk. "Gelb und ein kleines bisschen golden", sagt er wie für einen Werbespot. Meersseman sitzt auf einer Bank auf dem Place Jourdan in Brüssel, um ihn herum suchen Tauben nach Kartoffelresten.

Neben Bier und Schokolade sind Pommes das kulinarische Aushängeschild Belgiens. Die sonst eher uneitlen Belgier lieben ihre frittierten Kartoffelstäbchen. Jede Unstimmigkeit zwischen den Niederländisch sprechenden Flamen und den Französisch sprechenden Wallonen findet an der Pommesbude ihr Ende. "96 Prozent der Belgier gehen laut einer Umfrage mindestens einmal im Jahr zur Frittenbude, 46 Prozent mindestens einmal pro Woche", sagt Bernard Lefèvre, der Chef des belgischen Pommesherstellerverbands Navefri-Unafri.

Im Gegensatz zum den meisten anderen Völkern genießen die Belgier ihre Fritten meist nicht als Beilage, sondern als Hauptgericht. Pur, mit einem Klecks Soße. Verwendet wird die Kartoffelsorte Bintje und spezielles Öl - meist Rinderfett. Kein belgischer Marktplatz ohne Pommesbude. Nach Unafri-Angaben gibt es davon rund 5000 im Land, je nach Landesteil heißen sie "Friture", "Frituur" oder "Fritkot".

Pommes als Hauptgericht

Besonders bekannt ist die Maison Antoine in Brüssel. Die leicht heruntergekommen wirkende Hütte im Europaviertel gilt als eine der besten Pommesbuden Belgiens, ja gar der Welt. Seit 1948 frittiert der Betrieb zerhackte Kartoffeln. In dritter Generation, sieben Tage die Woche.

Dominique Bonnier rührt mit seiner Kelle durch den Kessel mit kochendem Rinderfett, der Dampf steigt ihm ins Gesicht. "Belgische Pommes werden zweimal frittiert", erklärt er. Einmal zehn Minuten bei etwa 130 Grad, um sie innen weich zu bekommen. Dann kurz bei rund 150 Grad, damit sie außen schön knusprig werden. Bonnier hat das im Gefühl. Seit 14 Jahren macht er das schon in der Maison.

300 Kilogramm Pommes bringen sie hier täglich unters Volk, am Wochenende noch mehr. Statt Rot-Weiß gibt es eine Auswahl an 29 Soßen, von tomatiger Andalouse bis zur hausgemachten Sauce Tartare. "Das ist eine echte Mahlzeit, keine Beilage", stellt Frittenkoch Bonnier klar. Vor allem am Abend bilden sich lange Schlangen von Touristen, EU-Beamten, von Flamen und Wallonen an den Theken.

Auch beim ewigen Streit mit den Franzosen über die Urheberschaft der Fritten sind sich die Belgier ungewohnt einig. "Ich bin Belgier - natürlich sind Pommes belgisch", sagt Bonnier, fast ein wenig entrüstet über die Frage. "Wären Fritten französisch, gäbe es wohl seit Langem ein Frittenforschungsmuseum in Paris", scherzt auch Verbandschef Lefèvre.

Beim Pommesessen ist Politik tabu

Der Pommesverbandschef träumt vom Unesco-Weltkulturerbe, einem Status, den auch die französische Haute Cuisine, der türkische Kaffee und die mediterrane Ernährung schon erreicht haben. Und er wirbt dafür um Unterstützung. "Viele Städte wollten Pommesbuden noch vor ein paar Jahren abschaffen, weil sie nicht als hübsch betrachtet wurden. Wir sollten aber darauf stolz sein."

Im Januar hat der Kulturminister der Flamen die belgische Frittenbudenkultur als geschützt erklärt. Jetzt wolle Lefèvre den Vorschlag auch in der Wallonie und in der Brüsseler Region einbringen. "Wenn alle Pommes zum nationalen Erbe erklären, können wir den nächsten Schritt machen. Das Land, in dem es wirklich notwendig ist, Pommes als Kultur zu betrachten, ist aber Belgien."

Denn Belgier seien nicht sehr stolz darauf, belgisch zu sein, sagt Lefèvre. Alles, was typisch belgisch ist, wird von den Belgiern selbst nicht sehr geschätzt. "Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass die Fritten das Land einen. Aber es ist wahr: Keiner behauptet, dass Pommes flämisch oder wallonisch oder aus Brüssel sind. Sie sind belgisch - wie Schokolade und Bier. Pommes sind eine Art Heimatgeschmack."

Ein Stück Heimat ist für viele Belgier auch die Maison Antoine. "Ich hab sie alle probiert", sagt Kunde Alain Meersseman vor der berühmten Pommesbude. Der 47-Jährige ist sich sicher: "Das sind die besten Fritten." Er ist Wallone. Neben ihm auf der Bank sitzt seine Frau Xenia. Sie ist Flämin. Beide graben mit den Fingern in ihren Papiertüten. Meersseman lächelt: "Wenn die Belgier zusammen Pommes essen, reden sie nicht über Politik."

Streetfood-Quiz

Nico Pointner/dpa/abl

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ofelas 06.08.2014
1. French Fries
..aber wieso beanspruchen Franzosen dieses Gericht fuer sich...genau wie die von mir geliebte Mayonnaise
ugt 06.08.2014
2. Nendlich mal was ...
Zitat von sysopDPAIn Belgien werden Pommes zweimal frittiert. Da sind Flamen und Wallonen ausnahmweise mal einer Meinung. Auch darin, dass ihr Nationalgericht Unesco-Weltkulturerbe werden sollte - wie türkischer Kaffee und die französische Haute Cuisine. http://www.spiegel.de/reise/europa/belgier-wollen-unesco-welterbe-status-fuer-pommes-frites-a-984680.html
... sinnvolles, des Kohlenpötters Lieblingsspeise wird aus der "böses Essen" Ecke geholt. Ich liebe Pommes!! Wenn es uns jetzt noch gelingt das französische Essen in die ihm zustehende Ecke zu stellen ist die Welt um vieles besser. Wer futtert schon gerne Ungeziefer aus dem Garten oder Käse der riecht wie die Socken eines Fremdenlegionärs in der Wüste.
maipiu 06.08.2014
3. Immer zweimal
Pommes werden immer und überall zweimal frittiert. Sonst werden sie nicht so gut. Allerdings sind sie in Belgien wirklich so lecker wie sonst nirgends. Es war ein Glück, dass ich nur eine Woche dort war, sonst hätten man mich nach Hause rollen können.
uzsjgb 06.08.2014
4.
Zitat von ofelas..aber wieso beanspruchen Franzosen dieses Gericht fuer sich...genau wie die von mir geliebte Mayonnaise
"French Fries" ist nicht französisch, sondern englisch.
uzsjgb 06.08.2014
5.
Zitat von maipiuPommes werden immer und überall zweimal frittiert. Sonst werden sie nicht so gut. Allerdings sind sie in Belgien wirklich so lecker wie sonst nirgends. Es war ein Glück, dass ich nur eine Woche dort war, sonst hätten man mich nach Hause rollen können.
Ich habe das noch nie in einer deutschen Frittenbude beobachten können. Auch bei McDonald's wird nur 1x frittiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.