Berghotel in den Hohen Tauern Kletterpartie über der Bar

Bar auf 2315 Metern Höhe, Kletterwand im Foyer und ein Tenor in der Küche: Die Rudolfshütte ist anders als andere Berghütten. Die ehemalige Alpenvereinsherberge im Skigebiet Weißsee hat sich zum Drei-Sterne-Hotel gemausert - und ist damit nicht nur für Alpinisten attraktiv.

Von Kerstin Walker


"Zur Rezeption geht's durch den Tunnel", weist der Liftangestellte den Weg. Mit Skiern und Koffer bepackten Besuchern hilft er an der Bergstation aus der Gondel. Dann schickte er sie weiter - durch den in den Fels gehauenen Gang, ins Herz des Hotels. Da ahnt man bereits: Die Rudolfshütte ist irgendwie anders. Wie Toblerone-Brocken schichten sich dick verschneite Dreitausender um die Höhenherberge, dazu verströmt es mit seiner Schutzschicht aus schimmernden, von der Sonne gebleichten Zirbelschindeln, den Charme einer in die Jahre gekommenen Trutzburg.

Nach und nach ist die 125 Jahre alte Alpenvereinshütte in den vergangenen vier Jahren zum Drei-Sterne-Hotel umgebaut worden: 2004, als sich die weithin bekannte Hütte des Österreichischen Alpenvereins als Alpinzentrum nicht mehr trug, übernahm eine private Hotelkette aus Zell am See. Ihre Ausnahmelage aber behielt die Rudolfshütte, 2315 Meter hoch in den Hohen Tauern und hart an der Kante des vereisten Weißsees balancierend. Während der Wintermonate ist das Hotel nur über die Bergbahn erreichbar, 30 Minuten dauert die Fahrt hinauf vom verschlafenen Uttendorfer Tal, einmal Umsteigen inklusive.

Das alte Stammpublikum blieb seiner Hütte treu, und so treffen sich hier noch immer ausgemachte Extremisten. Feingliedrige Eiskletterer und drahtige Alpinisten nehmen den Aufstieg über die vielen Granitstufen von der Rezeption bis in den vierten Stock, ins Bettenlager.

So wie Peter Glaser und sein Sohn David aus Düsseldorf, die zum Skitourengehen hierher gekommen sind: "Die erste Nacht war zwar ganz schön kühl", resümiert der fröstelnde 18-Jährige beim Frühstück. Sein Vater, groß gewachsen, mit weißem Haar, grinst bloß und meint: "Dafür genießen wir aber hier oben die urig echte Hüttenstimmung!" Mit rund 20 weiteren Gästen schlafen die beiden unterm Dach. Auf einfachen Matratzen und nur durch niedrige Trennwände voneinander abgeschirmt. So wie früher, als die Rudolfshütte noch ein alpines Ausbildungszentrum war.

Idyllisches und kinderfreundliches Skigebiet

Mittlerweile kommen auch ganz normale Urlauber ins Berghotel. Die Nachfrage ist so groß, dass die Rudolfshütte schon zu Beginn der Wintersaison oft innerhalb weniger Tage ausgebucht ist. Zurzeit macht die Weißsee-Region vor allem deshalb von sich reden, weil sie als eine der Ersten in Österreich seit Anfang Dezember Sturzhelme kostenlos verleiht. Kinder, aber auch Erwachsene bekommen das schützende Accessoire an der Gondelbahn-Talstation beim Enzinger Boden.

Nicht nur in Sachen Sicherheit hat die Weißsee-Region die Nase vorn, sondern auch was die Familienfreundlichkeit angeht. Das kleine Skigebiet Weißsee Gletscherwelt im Nationalpark Hohe Tauern verfügt mit seinen sieben Liften gerade mal über 21 Pistenkilometer, auf denen sich nur wenige Skifahrer tummeln - ideal für Anfänger und Kinder und geradezu idyllisch im Vergleich zu großen Skizirkussen.

Auch die Rudolfshütte kommt bei Familien an. Ihre großen Zimmer sind begehrt, weil sie mit einfachen Doppel- und Stockbetten, blau-weiß karierten Steppdecken ausgestattet sind. In den Familienzimmern dominiert das Holz und es ist etwas dunkel, doch zählt das zur urigen Stimmung und erinnert an den Herbergsflair aus Alpenvereinszeiten.

Wer es gediegener mag, logiert in einem der vertäfelten Pinzgauer Doppelzimmer, die mit reduziertem Mobiliar, modernen Bädern und einem Fernseher in XL-Ausmaßen fast schon luxuriös ausgestattet sind. Aber neidisch sein lohnt nicht, denn was das fern sehen angeht, genießen alle Gäste Drei-Sterne-Niveau. Weil der Blick vom Bett über die Gipfel schweifen kann und über die weißen Pisten.

Kurz die Wand hoch

Klasse zu haben bedeutet für die Rudolfshütte, dass sie sich abhebt vom gängigen Stil-Schnickschnack eines guten Hotels. Mit einer 15 Meter hohen Profi-Kletterwand im offenen Foyer zum Beispiel, an der sportliche Hotelgäste in anliegenden Nylonhosen trainieren. Auf der Rudolfshütte ist "Ich gehe noch einmal die Wand hoch" durchaus wörtlich gemeint. Anschließend seilen sich die Kletterkünstler Haken für Haken an die Bar ab, zu einem Glas gespritzten Roten mitten in der Halle. Der holzgeschnitzte alte Tresen ragt aus einer Landschaft von Brokatsesseln und tiefgrünen Ledersofas hervor.

swiss-image.ch
Haben Sie schon von Frau Montblanc oder vom Sennentuntschi gehört? Die Alpen liegen zwar vor unserer Haustür, doch sie stecken voller Geheimnisse. Testen Sie Ihr Berg-Wissen im Reise-Quiz von SPIEGEL ONLINE!
Da lehnen auch Familienväter in Tourenausrüstung, noch immer bunt verpackte Snowboarder und Sonnenanbeterinnen. Und Fritz Stadler klemmt lässig daneben auf einem dieser vielen samtbezogenen Hocker, zufrieden nach einer anstrengenden, aber gelungenen Gipfelbesteigung mit Gästen.

Der 63-jährige Bergführer gehört zum Inventar des Hauses: "Seit über 30 Wintern führe ich meine Gäste durch die Berge", erzählt er, und ein Lächeln zerknittert seine Wangen. Bevor er sich auch heute aufmacht, ermuntert er seine Zuhörer: "Kommt einfach einmal mit hinauf, zum Sonnblick!" Der 3088 Meter hohe Gipfel ist ein Nachbar der Rudolfshütte und auch für Tourenanfänger in drei Stunden zu erreichen.

Tenor in der Küche

Wer sich solchen Mühen nicht hingeben will, zieht lieber entspannt ein paar Bahnen im geheizten Weißsee-Gletscherwasser des Hallenbads - mit Blick auf beleuchtete Edelweißreliefs an der Wand und auf den gleichnamigen See. Und am besten kurz vor dem Abendessen, denn da ist es leer und Bewegung macht Appetit. Den braucht man auch, um die Mengen von mit Kräutern gefüllten Palatschinken oder faschierten Leibchen zum Veltliner verzehren zu können, die Küchenchef Walter Pauritsch jeden Abend auffährt: Dass der Koch mit den zurückgelegten Haaren und einem Umfang wie ein gewaltiger Klangkörper noch vor kurzem als Tenor an der Wiener Staatsoper sang, kann man sich bei seinem Auftreten jedenfalls gut vorstellen.

In der Stellenanzeige stand damals nur: "Koch gesucht auf 2300 Metern" erinnert sich Pauritsch. "Dabei hatte ich gerade ein Angebot bekommen, an der Metropolitan Opera in New York zu singen." Er streicht die Haare zurück und erklärt, warum er auf der Rudolfshütte gelandet ist: "Dieses Herumreisen, die Engagements in aller Welt – mir wurde das irgendwann viel zu viel." Heute dirigiert er seine weiß beschürzten Kollegen. So lange, bis alles am Buffet perfekt abgestimmt ist.

Und am Ende passt dieses Detail wie all die anderen zu der Mixtur an Menschen und Mobiliar, die sich in windiger Höhe zu einem erstaunlichen Ganzen zusammenfügt. Und zu einem unvergesslichen noch dazu.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.