Bergtour aufs Matterhorn Naturwunder und Todestempel

Ein Prachtgipfel mit Ecken und Kanten: Das Matterhorn, der berühmteste Berg der Schweiz, wurde zum Friedhof für Hunderte Bergsteiger. Seine Besteigung ist eine echte Pilgertour - doch manchmal wartet kurz vor dem Gipfel eine Enttäuschung.

Hilmar Schmundt

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1605 Meter über dem Meer. Meine Pilgerfahrt beginnt am Bahnhof von Zermatt. Menschenmassen drängen sich über den Bahnsteig. Schichtwechsel in einer Erlebnisfabrik, deren Produkte weltweit nachgefragt werden: Bergromantik, Erhabenheit, eine globale Marke, konsumierbar, käuflich.

Das Logo dieses Produkts hat einen hohen Wiedererkennungswert: das Matterhorn, der Inbegriff eines Berges, so schlicht und ergreifend, wie ihn ein Kind malen würde, egal ob in München, Moskau, Mumbai. Über 160 Berge weltweit werden "das Matterhorn von soundso" genannt. Doch hinter dieser Konsumkulisse spielten sich einst andere Dramen ab: ein technischer Wettlauf um einen Gipfel, eine Expedition zum Verständnis des Klimawandels und seiner Folgen. Und eine Pilgerreise zu einer postreligiösen Ethik.

1620 Meter über dem Meer. "Das Matterhorn! Für Unzählige ein Naturwunder, für viele ein Mythos, und für einige eine Herausforderung, einmal auf dem Berg der Berge zu stehen". So wirbt das Alpincenter. Am Tresen kann man Abenteuer buchen. Die Gesamtkosten einer Matterhornbesteigung mit Bergführer, Bahnbillet und Halbpension auf der Hütte: 1370 Schweizer Franken. "Wird die Besteigung aufgrund mangelnder physischer Voraussetzungen des Gastes abgebrochen, entfällt das Recht auf eine Rückerstattung."

Ehrenplakette für den Erstbesteiger

Rund 3000 Bergsteiger drängen jedes Jahr auf den Gipfel des Matterhorns, insgesamt waren es bereits über 100.000. Ich schlendere weiter durch die Bahnhofstraße Richtung Berg. Plötzlich taucht er auf hinter einem Hausgiebel. Das Original. Der Berg thront über uns, scheinbar zum Greifen nah und doch unerreichbar, wild und entrückt. "Der Berg ruft", heißt der bekannteste Film über das Horn. Doch was genau ruft er?

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Matterhorn: Pilgertour zum schönsten Berg der Welt
1622 Meter über dem Meer. Ich will da rauf, scheint der Blick zu sagen, und nichts wird mich aufhalten: Edward Whymper, der Erstbesteiger des Matterhorns. Eine Plakette verewigt ihn auf dem Hotel Monte Rosa, in dem er damals, im Jahr 1865, wohnte. Die Erstbesteigung gilt als Höhepunkt und Ende des "Goldenen Zeitalters" des Alpinismus.

2500 Meter über dem Meer. "Auf der schönen Ebene, wo sich heute der Theodulgletscher ausdehnt, stand in vordenklicher Zeit eine prächtige Stadt", heißt es auf der Infotafel am Fitness-Kreuzweg. "Als ein Engel auf seiner Wanderung dort zum ersten Male vorbeikam, wollte ihn niemand aufnehmen. Sein Fluch hatte die Vergletscherung zur Folge."

Eine eigenwillige Erklärung für die Entstehung der Gletscher, die heute meist durch die Brille eines zweiten Matterhorn-Pioniers gesehen wird. Der Selbstvermarkter Whymper ist vielen bekannt. John Tyndall dagegen, seinen größten Konkurrenten, kennt zumindest als Alpinist kaum jemand. Der irische Physiker und Philosoph war nicht nur einer der besten Bergsteiger seiner Zeit, sondern auch einer der Väter der Klimaforschung. Drei Jahre vor Whymper schon schaffte er es fast bis oben, auf einen Fels knapp unter dem Gipfel, ein Felssporn, der heute Pic Tyndall heißt.

Angst vor einer neuen Eiszeit

Er beschrieb das Fließen der Gletscher und war an der Gründung der Wissenschaftszeitschrift "Nature" im Jahr 1869 beteiligt. Sogar das Blau des Himmels ist nach ihm benannt: Der sogenannte Tyndall-Effekt erklärt die Lichtbrechung in der Atmosphäre.

Vor allem aber beschrieb er als erster den heute sogenannten Treibhauseffekt: Unsichtbare Gase wie Wasserdampf und Kohlendioxid seien für Wärmestrahlung undurchlässig "wie ein Staudamm". Tyndalls Befürchtung damals galt allerdings nicht einer Erwärmung des Planeten, sondern einer neuen Eiszeit: "Dieser feuchte Dampf ist für das pflanzliche Leben in England notwendiger als es Kleidung für den Menschen ist. Wenn man auch nur eine Sommernacht lang den Wasserdampf aus der Luft entfernt, der dies Land bedeckt, so würde man sicherlich jede frostempfindliche Pflanze zerstören. Die Wärme unserer Felder und Gärten würde sich unerwidert ins All ergießen, und die Sonne würde aufgehen über einer Insel, die fest im eisernen Griff des Eises ist." Diese Angst vor einer neuen Eiszeit, vor einer Schneeball-Erde, ausgelöst durch Dürren und einen Mangel an schützendem Wasserdampf, dominierte über ein Jahrhundert lang den Klimadiskurs. Noch 1974 titelte das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time": "Eine neue Eiszeit?"

Vor allem aber sorgte sich Tyndall um einen Temperatursturz im geistigen Klima in Zeiten des Materialismus. Was, wenn die wärmende Decke der Theologie weggezogen wird - kühlt dann die Menschheit moralisch aus? Auch dieser Frage galt seine Expedition in die eisigen Höhen des Matterhorns. Tyndalls Antwort: "Im Sauerstoff der Berge liegt Moral", schreibt er, "Geist und Materie sind verbunden. Die Alpen verbessern uns total, und wir kehren von ihren Hängen stärker zurück, aber auch weiser."

Ein Berg als Tempel

2563 Meter über dem Meer. "Maria zum Schnee" heißt die geduckte Kapelle am Ufer des Schwarzsees. Hier endet die Seilbahn an der Nordflanke des Matterhorns. Doch der Gipfel ist unsichtbar, verdeckt durch einen Schuttkegel. "Das Matterhorn war unser Tempel", schrieb Tyndall: "Wir näherten uns ihm so wie einem Schrein." Beim Aufstieg rührte der fromme Materialist kein Essen an, "im Geiste von Fasten und Gebet". Um die Spitze des Tempels knattert gerade wieder ein Hubschrauber.

3260 Meter über dem Meer. Die Hörnlihütte ist Bühne und Zuschauerraum zugleich, hier scheiden sich Wanderer von Bergsteigern, Fußvolk von Seilschaft. Die Schaulustigen sitzen auf der Terrasse bei Rivella und Kuchen und spähen mit Ferngläsern hinauf zu Tyndalls Schrein. "Nicht jeder kommt aufs Matterhorn, trotz guter Ausrüstung", warnt ein Zeitungsartikel hinter Glas in der Gaststube.

Irgendwann kehrt Ruhe ein, die Tageswanderer sind weg, um die letzte Bahn ins Tal nicht zu verpassen. Ich treffe meinen Führer Max. Um zehn Uhr abends verkrieche ich mich unter die Wolldecke im engen Matratzenlager. Ein Schnarchkonzert setzt ein.

Vier Uhr, Aufstehen. Anziehen im Schein der Stirnlampe, Brot und Tee herunterwürgen. Die Nachtluft kalt wie im Winter. Der Berg ein schwarzer Schatten, drohend, kompakt, fast senkrecht. Max geht vor zum Einstieg. Wie eine Prozession aus Glühwürmchen schlängeln sich über hundert Lichter Richtung Berg.



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