Anspruchsvolle Bergtouren "Kinder mögen keine Monotonie"

Was kann man Kindern in den Bergen zumuten - und wovon sollte man sie lieber abhalten? Eine Expertin gibt Tipps.

Ralf Gantzhorn

Ein Interview von


Flink klettert Finn die kurze Leiter des Paternkofel-Klettersteigs in Südtirol hinauf, klippt geübt die Sicherungen und grinst in die Kamera seines Papas. Der Papa ist Ralf Gantzhorn, einer der bekanntesten Bergfotografen Deutschlands, und stolz, dass sein mit heute neun Jahren jüngster Sohn auch so gerne im Gebirge ist wie er selbst.

"Dieser Klettersteig ist nur für Geübte mit Klettersteigerfahrung, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Ausdauer zu empfehlen", heißt es in der Tourenbeschreibung des Paternkofel-Steigs. Verantwortungslos, würden jetzt vielleicht manche sagen, ein so junges Kind mit in die steilen Dolomiten zu nehmen. Doch Gantzhorn kennt seine Söhne: "Meine Kinder finden Wanderwege total langweilig", sagt der 54-Jährige. "Die wollen den Nervenkitzel und die Erfahrung in der Vertikalen."

Er versuche sich da nach seinen Kindern zu richten, sagt er. "Die entscheiden, was sie machen wollen." Und zumindest seine Jungs wollten ab und zu an die Grenzen gebracht werden, sich mit dem Papa messen und ein wenig Abenteuer erleben. "Finn war mit sechs Jahren das erste Mal auf dem Paternkofel - und da wurden plötzlich Klettersteige zum Wunschprogramm."

Nun ist Ralf Gantzhorn mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung im Hochgebirge ein Profi, den weder ein aufziehendes Unwetter noch eine herausgebrochene Sicherung so leicht irritieren kann. Doch wie sollen sich Eltern verhalten, die weniger geübt sind? Und wo geht der elterliche Ehrgeiz vielleicht ein wenig zu weit?

Caroline Nötzold arbeitet beim Deutschen Alpenverein (DAV) als Ausbilderin im Bereich Familienbergsteigen - und gibt Tipps, wie man Kinder im Gebirge bei Laune hält.

Zur Person
  • Caroline Nötzold
    Caroline Nötzold, 34, wohnt in München und arbeitet beim Deutschen Alpenverein (DAV) als Bildungsreferentin im Bereich Familienbergsteigen. Sie organisiert und koordiniert das Ausbildungsprogramm.

SPIEGEL ONLINE: Klettersteige können ja schon für Erwachsene anspruchsvolle Unternehmungen sein. Was halten Sie davon, wenn Eltern ihre Kinder mitnehmen?

Caroline Nötzold: Prinzipiell ist es immer gut, Kinder an neue Dinge heranzuführen. Ihre Neugier treibt sie dazu, alles ausprobieren zu wollen. Allerdings sollte man darauf achten, dass die geplante Tour für die Kinder auch machbar ist. Denn wenn sie überfordert sind, verlieren sie schnell die Lust.

SPIEGEL ONLINE: Wann sind Kinder überfordert?

Nötzold: Jedes Kind ist natürlich anders, da sind jeweils die Eltern die Experten. Aber wenn man mit seinen Kindern zu Hause schon ab und zu in die Kletterhalle geht, kann man sie auch mal mit nach draußen nehmen und leichte Kletterpassagen im Fels ausprobieren. Dann wissen sie, was auf sie zukommt, sind geübt. Wenn sie aber zum ersten Mal klettern, sollte man sehr leicht anfangen. In der Regel gilt: Immer in kleinen Schritten steigern und schwierige Stellen an den Anfang legen, wenn die Kinder noch bei Kräften sind.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn das Kind trotzdem Angst bekommt - oder sogar der Erwachsene?

Nötzold: Eltern sollten sich schon sicher sein, dass sie selbst die Bergtour ohne Weiteres schaffen und auch noch Kapazitäten haben, um auf ihr Kind aufzupassen. Sie sollten erfahren genug sein, um ihren Kindern erklären zu können, wo mögliche Gefahren liegen, ohne sie unnötig zu beunruhigen. Wenn die Kinder Angst bekommen, sollte man Körperkontakt suchen, sie vielleicht an die Hand nehmen, gut zureden - ihnen ein Sicherheitsgefühl vermitteln. Angst ist oft auch ein Anzeichen für Erschöpfung. Da kann dann eine Pause helfen, etwas Essen, ausruhen.

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Klettersteige mit Kindern: "Wanderwege finden sie langweilig"

SPIEGEL ONLINE: Kinder verlieren ja auch manchmal - scheinbar grundlos - mittendrin die Lust. Macht es Sinn, sie zum Weitermachen zu motivieren?

Nötzold: Bergwanderungen oder Klettertouren sollten kindgerecht gestaltet werden. Also: Die Tour zusammen mit den Kindern planen, kleine Aufgaben einbauen und vor allem viele Pausen machen. Denn wir Erwachsene vergessen oft, dass sich Kinder durchs Spielen erholen. Danach können sie meist mit neuer Energie weitergehen.

SPIEGEL ONLINE: Also sind lange Wanderungen oder Bergbesteigungen eher nichts für Kinder?

Nötzold: Es ist wichtig, vorher mit den Kindern über die Tour zu sprechen und ihre Wünsche und Bedürfnisse mit einzubeziehen. Natürlich ist das Alter und die individuelle Konstitution entscheidend. Vor allem aber mögen Kinder keine Monotonie, sie lieben es, Sachen zu entdecken und Abenteuer zu erleben. Auf langweiligen Forstwegen sollte man sich zum Beispiel die Zeit nehmen, eine Schnecke am Wegesrand zu beobachten. Für Kinder ist nicht unbedingt der Gipfel das Ziel. Sie erinnern sich im Nachhinein eher an Erlebnisse wie einen schönen See oder einen außergewöhnlichen Stein.

Mit Kindern im Gebirge - darauf sollten Sie achten!

Tipps vom DAV
Mit Kindern absturzgefährliches Gelände grundsätzlich meiden.
Auch steinschlaggefährdetes Gelände ist tabu - besonders zum Spielen.
Rutschgefahr besteht auf Schnee und Eis oder bei Nässe zum Beispiel auf bewachsenen Steinen. Unterwegs muss deshalb entsprechend gesichert werden.
Kinder nur dann vorauslaufen lassen, wenn man sicher ist, dass das Gelände ungefährlich ist. Besonders bei Nebel müssen alle beieinander bleiben.
Kinder brauchen einen guten Sonnenschutz, um vor Sonnenbrand oder Hitzschlag geschützt zu sein.
Notproviant wie Nüsse, Trockenobst und Müsliriegel sollten Sie immer dabei haben.

Quelle: DAV-Infobroschüre "Mit Kindern auf Hütten"

SPIEGEL ONLINE: Und welche Klettersteige empfehlen Sie für Kinder?

Nötzold: Es gibt natürlich unzählige Klettersteige, die man auch gut mit Kindern machen kann. So ab acht Jahren geht es los - oder wenn sie groß genug sind, um an die Drahtseilsicherungen heranzukommen. Der Konsteiner Klettersteig im Altmühltal ist zum Beispiel auch etwas für Jüngere oder die Häntzschelstiege in der Sächsischen Schweiz. Auch der Mittenwalder Höhenweg oder der Hindelanger Klettersteig (bis zur Hälfte) im Allgäu lassen sich gut mit älteren Schulkindern begehen. Für Ältere kann es dann schon etwas anspruchsvoller werden, mit dem Mindelheimer Klettersteig etwa oder dem Mandlgrat.

SPIEGEL ONLINE: Beim DAV bieten Sie Kurse für Familien an. Was lernen die Eltern bei Ihnen?

Nötzold: Auf den einwöchigen Kursen lernen die Eltern, was Kinder in welchem Alter brauchen. Außerdem schulen wir, wie man eine Tour plant und anleitet, welche Rolle das Wetter spielt, wie man sich in den Bergen orientiert und wie man bei Unfällen reagiert. Das Besondere: Die Kinder sind mit dabei.

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insgesamt 13 Beiträge
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freier57 04.06.2018
1. Ich erinnere
mich an so einige Klettersteig-Passagen in den Dolomiten, wo das Drahtseil an irgendeiner Stelle schon zusammengerollt zur Installation bereit lag, aber tja, halt nicht fertig das Ganze. Sagt einem keiner vorher. Ich würde da die Verantwortung nur für mich selbst übernehmen wollen, weiter zu gehen (umkehren nicht immer eine Alternative). Und schon gar nicht für meine Kinder.
stefan.albrecht@virgilio. 04.06.2018
2. Immer gleich und unvollständig
Die Tipps sind imer die gleichen: "nicht langweilen, langsam heranführen, blablabla". Aber eine wichtige Tatsache wird auch hier nicht genannt. Kinder müssen zwischendurch oft essen, aber nicht, weil sie es so schön finden zu essen, sondern weil ihr Körper noch nicht in der Lage ist, Vorräte in der Leber bereitzuhalten. Ihnen kann deshalb von einer Minute auf die andere ein Hungerast passieren, der eine echte Physische und auch Psychische Krise auslösen kann, weil Muskeln und Gehirn der Stoff, Zucker, ausgeht. Die Leber entwickelt sich erst in der Pubertät zu einem effektiven Speicher. Deshalb: Pausen machen, essen und trinken, bevor das Kind eine Krise kriegt.
gatoalforno 04.06.2018
3. Besonders kleine Kinder
sind ein echtes Problem an den meist leichten bis mittelschweren Klettersteigen, weil sie zwangsläufig zum Stau führen und damit die nachsteigenden in Gefahr bringen. Nicht selten habe ich Kinder auch schon blockiert am Fels erlebt, die nicht mehr vor und zurück kamen. Klettersteige sind zu einem Massen-Gaudi verkommen. Am sichersten sind Klettersteige mit mehreren 100m Zustieg. Dazu sind die meisten zu faul!
Shelly 04.06.2018
4. Ich weiß nur eins
dass ich mir als Kind geschworen habe, wenn ich mal selbst über mich bestimmen darf, gehe ich freiwillig nie mehr wieder einen Berg hoch - und ich hab den Schwur gehalten.
freeride4ever 04.06.2018
5.
Zitat von gatoalfornosind ein echtes Problem an den meist leichten bis mittelschweren Klettersteigen, weil sie zwangsläufig zum Stau führen und damit die nachsteigenden in Gefahr bringen. Nicht selten habe ich Kinder auch schon blockiert am Fels erlebt, die nicht mehr vor und zurück kamen. Klettersteige sind zu einem Massen-Gaudi verkommen. Am sichersten sind Klettersteige mit mehreren 100m Zustieg. Dazu sind die meisten zu faul!
*hust* Klettersteige sind schon immer eine Massen-Gaudi gewesen und ausschliesslich für Touristen ohne ernsthafte Bergerfahrung. jetzt beschweren sich halt diejenigen die nichts können über die die noch weniger können. So ist der Lauf der Zeit. Baut doch einfach diese hässlichen Dinger wieder ab, nehmt ein Seil und mobiles Sicherungsgerät und erlebt den Berg wie er wirklich ist. Wild und schön!
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