Bernsteinfischer in Litauen Im Rausch der Steine

Sekundenbruchteile entscheiden über Erfolg oder Misserfolg: Seit Jahrhunderten suchen die Menschen eines kleinen litauischen Dorfes im Meer nach Bernstein. Immer wieder müssen sie dafür die Wellen überlisten - als Lohn hoffen sie auf einmalige Schatzfunde.

Von Oliver Lück


Das Meer ist schon seit Tagen zornig. Mächtige Wellen prügeln wild auf den Strand ein. Die Gräser der Dünen haben sich zitternd flachgelegt. Das Rauschen der Ostsee klingt, als zöge jemand einen riesigen Vorhang auf. Seit dem frühen Morgen stehen fünf Männer in Anglerstiefeln und wasserfester Ölkleidung in der Brandung. Das Meer wühlt und zischt um sie herum, zerrt an ihnen. Wenn sie nicht aufpassen, reißt es sie um und nimmt sie mit.

Die Männer halten langstielige Käscher in den Händen und beobachten die Wellen, die ihnen ins Gesicht schlagen und die Kapuzen vom Kopf reißen. Sie suchen nach einem Blinken auf den Schaumkronen. Es ist ein goldgelbes Blitzen, das nur für den Bruchteil einer Sekunde sichtbar wird, wenn die Gischt zerläuft. Verpassen sie diesen Moment, ist es zu spät und das Wasser verschluckt die kleinen Schätze wieder.

An der Küste Litauens fischen die Menschen seit Jahrhunderten nach Bernstein, einst das wichtigste Handelsgut des Baltikums. Goldgelbe, rotbraune, durchsichtige Steine, die so leicht sind, dass sie im Salzwasser schwimmen, und die süßlich harzig nach Weihrauch duften, wenn man sie anzündet. Steine, die so schön sind, dass man sich noch heute erzählt, dass sie als Tränen aus den Augen der Götter auf die Erde getropft sein müssen. Tatsächlich sind es Bröckchen, die vor mehr als 35 Millionen Jahren von mächtigen Kiefern, Palmen und Eichen leckten, trockneten und heute als fossiles Harz angeschwemmt werden.

Die Wellen überlisten

Weht der Sturm aus Südwest, stehen die Chancen für die Bernsteinfischer aus dem Küstendorf Karkle besonders günstig. "Dann gehen wir ins Meer", sagt Arnas Gaigalat. Denn dann wird der Grund des Meeres aufgewühlt, die schwere See reißt Tang und Gras vom Boden los. In den Pflanzen schwebt der Bernstein und wird an die Küste getragen, meist zehn bis fünfzehn Meter vor den Strand. "Dort versuchen wir, die Wellen zu überlisten."

Mal stemmt sich Gaigalat mit seinem Käscher gegen die Wassermassen, mal fischt er mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk. Immer wieder trägt er seinen gefüllten Käscher an den Strand, wo er ausgeleert und der Inhalt durchsucht wird. Steine, Algen, Sprockholz, Muscheln und kleinere Fische verfangen sich darin, selten auch mal etwas Bernstein.

Die größeren Brocken fingern die Männer noch im Wasser aus den engmaschigen Netzen und stecken sie sich wie Honigbonbons in den Mund oder lassen sie in die tiefen Umhängetaschen gleiten, die an ihren Hüften baumeln. Dort sind sie sicher vor der nächsten Welle. "Den Stein, den ich finde, hat vor mir noch nie ein Mensch gesehen", sagt Gaigalat. Wenn der Mann mit den kurzrasierten Haaren und der stämmigen Figur vom Meer und vom Bernstein spricht, kann man die Ehrfurcht in seiner Stimme hören. Er ist in Karkle geboren und aufgewachsen. Er ist ein Küstenjunge. Er kennt das Meer, jeder hier kennt es, es ist ihr Leben.

Kaum hatte er laufen gelernt, da nahmen ihn sein Großvater und sein Vater mit an den Strand, zeigten ihm die Technik, den Käscher zu führen, klärten ihn über die Gefahren der Ostsee auf. Dass ein guter Bernstein seinen Preis hat, erkannte er als Neunjähriger. Er hatte ein besonders schönes Exemplar gefunden und verkaufte es für umgerechnet 50 Euro an einen Bekannten der Familie. Seither lässt ihn der Stein, von dem es heißt, dass er magische Kräfte besitzt, nicht mehr los. "Ich bin dem Bernstein verfallen", sagt Gaigalat.

Behutsam rollt er die gefundenen Kostbarkeiten zwischen den Fingern. Er inspiziert sie, hält sie gegen das Licht der Sonne, riecht an ihnen. Allein von seinen Funden kann der 39-Jährige aber nicht leben. Im Hauptberuf ist er Busfahrer. Das monatliche Einkommen von 400 Euro langt gerade so zum Überleben. Stehen die Zeichen auf Sturm, zieht es ihn am Morgen vor und am Abend nach der Arbeit an den Strand. Doch nie sucht er alleine, was bei der starken Unterströmung viel zu gefährlich wäre. "1 Gramm = 5 Litas", malt er mit seinem Finger in den Sand - das entspricht rund 1,50 Euro.

Von Palanga in die ganze Welt

Gaigalat verkauft die Steine meist an seinen Freund Darius, einen der rund 50 Künstler und Bernsteinmeister im wenige Kilometer entfernten Kurort Palanga, wo sie zu Schmuckstücken geschliffen, poliert und in die ganze Welt verkauft werden. "Besondere Farben und große Brocken werden frei verhandelt", erklärt er. An guten Tagen sammeln die Männer 500 bis 600 Gramm. Geteilt wird durch fünf.

Doch der Ostseebernstein ist rar geworden. Es gibt nicht mehr viele Bernsteinfischer in Litauen. Sein Großvater erzählte noch Geschichten, dass er an manchen Tagen den Stein kiloweise aus dem Meer holte. "Wir fischen nicht mehr so viel, dafür können wir aber mehr verlangen", erklärt Antanas Gaigalat, Arnas jüngerer Bruder. Denn der von den Gezeiten bereits glattgeschliffene, feste Seebernstein hat schönere Farben und ist begehrter als der brüchige und braune Erdbernstein, der in ukrainischen Bergwerken gefördert und auch nach Palanga exportiert wird.

Insbesondere während der Herbst- und Winterstürme machen aber auch die Bernsteinfischer wieder mehr Beute, da das Wasser dann kälter ist, eine größere Dichte hat und den Bernstein leichter transportieren kann. Außer honiggelbem Stücken käschern sie auch weiße, blaue, grüne, schwarze und rote Steine aus dem Meer. Zwei Lagen Seemannspullover und eine Sturmjacke schützen Arnas Gaigalat dann zusätzlich vor der Kälte. Seine Lippen und Hände seien dennoch schnell blau gefroren, der eisige Wind treibe ihm die Tränen ins Gesicht, erzählt er, "länger als vier Stunden halte ich das gar nicht aus". Im Sommer sei die Schatzsuche zwar angenehmer, die Funde aber wesentlich kleiner.

An diesem Tag kommen rund 150 Gramm zusammen. Nach fünf Stunden Schinderei. 150 Gramm, die nach viel mehr aussehen. 150 Gramm, die noch am Strand gewogen und aufgeteilt werden. Auch am folgenden Tag soll es mit Windstärke sieben aus Südwest blasen. "Bis morgen", ruft einer der Männer. Arnas Gaigalat winkt und geht zufrieden nach Hause. Die Haut ist aufgeweicht und runzelig vom Salzwasser, doch er hat 30 Gramm Bernstein in der Tasche und das Rauschen des Meeres im Ohr, das ihn noch in die Nacht hinein begleiten wird.



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