Bier rund um die Uhr England säuft seit einem Jahr

Sperrstunde ade: Seit einem Jahr dürfen Pubs in England und Wales so lange öffnen, wie sie wollen. Moralwächter empören sich nun über johlende Mädchen in Miniröckchen und volltrunkene Jugendliche, die sich auf den Straßen wälzen. Doch das gab es auf der Insel auch vorher schon.

Von Benedikt Mandl


"Last orders, please!" tönt kräftig die Stimme des Wirts. Gerade noch hat er die schwere Messinglocke so laut gebimmelt, dass sogar die Gruppe lärmender Studenten im anderen Ende des "Bath House" ihr Gejohle kurz unterbrochen hat. Der Traditionspub im Herzen von Cambridge gibt sich gerne modern. Die Einrichtung erinnert eher an eine Bar als an die schummrigen Kneipen, die man von England gewöhnt ist. Ausgeschenkt werden Importbiere statt der landestypischen Ales. Da passt es auch ganz gut, dass die Öffnungszeiten bis Mitternacht gehen und die Glocke eine Stunde später als noch 2005 geläutet wird – und das seit genau einem Jahr.

Denn am 24. November letzten Jahres lösten sich England und Wales von einer 90-jährigen Tradition, nach der Schanklizenzen höchstens bis 23 Uhr liefen. Das restriktive Gesetz war 1915 erlassen worden, um die Kriegswirtschaft vor alkoholbedingten Arbeitsausfällen zu schützen. Doch das ist Geschichte: Vor allem Bars, Nachtclubs und jugendfreundliche "Trendpubs" schließen nun oft erst nach Mitternacht – oder gar nicht.

"Endlich kann man mal ein bisschen länger sitzen bleiben", brummelt einer der Studenten im "Bath House", der selbst schon längst einen sitzen hat. Jeder Pub muss bei der verantwortlichen Gemeinde eine Lizenz für bestimmte Öffnungszeiten beantragen. Die örtlichen Behörden haben denkbar viel Freiheit bei der Vergabe. Theoretisch können sie 24-Stunden Lizenzen vergeben. Das hat den Graben zwischen Traditionspubs und modernen Bars im vergangenen Jahr noch deutlich vergrößert: Während kleine Pubs schon aus Gründen des nationalen Ehrgefühls nach wie vor kurz vor 23 Uhr die Lichter andrehen, versuchen die großen Bar-Ketten so lange wie möglich geöffnet zu sein.

Versinkt England nun im Alkohol?

"Große Bars mit viel Personal und eigenen Vertriebsnetzen können es sich leisten, rund um die Uhr offen zu haben. Für einen so kleinen Betrieb wie den unseren lohnt sich der Aufwand nicht", ärgert sich der Wirt des "Bath House". Die Großen machten so mit der neuen Gesetzgebung noch mehr Geld, kleine Familienbetriebe hätten das Nachsehen.

Das "Cambridge Blue" ist so ein Familienbetrieb. Der schwarzweiße Kater im Schankraum, die Trophäen diverser Rudervereine an den Wänden und das stolze Festhalten an "Ales" sorgen dafür, dass die gemütliche Atmosphäre von Turbulenzen um Öffnungszeiten ungerührt bleibt. "Für uns hat sich eigentlich wenig verändert – unsere Stammkunden kommen wie eh und je, wir konkurrieren nicht mit den modernen Großraumbars", bestätigt auch hier die Kellnerin. "Aber natürlich macht das neue Gesetz das Leben für kleine Pubs nicht gerade leichter. Wir müssen den Gästen mehr bieten, um im Geschäft zu bleiben."

Livemusik, Pubquiz-Abende und die Pflege lokaler Traditionen mit viel persönlichem Einsatz sollen beim Kampf gegen die 24-Stunden-Bars helfen. Dabei hat sich die Furcht vor den ganz Großen in der Branche als unbegründet erwiesen: England, ohnehin schon die trinkfreudigste Nation Europas, werde nun endgültig im Alkohol versinken, hatten Schwarzmaler vor einem Jahr behauptet. Trunkenheit rund um die Uhr, Vandalismus und Randale – wie viel davon ist wahr geworden?

Die nächste Bierwelle bricht um Mitternacht herein

Wer an einem Wochenende um Mitternacht durch das Stadtzentrum von Cambridge geht, kann eine Hommage an den Maler Hieronymus Bosch und seine bizarren Bilder erkunden: Betrunkene Jugendliche, die sich auf der Straße wälzen, johlende Mädchen in Miniröckchen, zerbrochenes Glas und alle paar Meter Pfützen von anverdautem Irgendwas, im Idealfall noch dampfend. Rule Britannia!

Haben sich die düsteren Szenarien vom Sittenverfall auf der Insel also erfüllt? Eigentlich nicht. Die wüsten Szenen spielen sich so ähnlich schon seit Jahren ab, und rund um die Uhr wird auch heute nicht gesoffen. Tatsächlich haben englische und walisische Gemeinden zwar schon im Winter 2005 weit über 1000 Lizenzen für den 24-Stunden-Betrieb vergeben - zumeist allerdings an Tankstellen und Supermärkte. Nur wenige Nachtclubs und noch weniger Pubs finden sich unter den Lizenznehmern.

Die meisten Pubs mit Sinn für Tradition schließen nach wie vor um 23 Uhr. Anders als noch vor einem Jahr bedeutet das heute allerdings nicht mehr, dass man dann schon nach Hause gehen muss. Die nächste Welle der "Last orders" bricht um Mitternacht über die verbleibenden Pubs herein – und manche halten sogar noch länger offen. Das "Fountain Inn" verwandelt sich zum Beispiel in eine Bar mit Tanzfläche und hat für die Wochenenden eine Lizenz bis 2 Uhr morgens. Der Pub verweist stolz auf eine jahrhundertealte Geschichte, drängt sich aber trotzdem mit viel Erfolg in die Reihe von Bars und Nachtclubs, die zu später Stunde nach offen haben.

"Erwachsene werden nun endlich wie Erwachsene behandelt"

Wo am Vorabend noch ältere Herren bei einem Bierchen oder Familien beim neo-englischen Thai Curry sitzen, brummen wenige Stunden später die Bässe. Auch die Studenten aus dem "Bath House" trudeln plötzlich ein. "Früher waren um diese Zeit nur noch Clubs offen", krakeelt einer von ihnen und zündet sich eine Zigarette an. "Ich kann Clubs nicht ausstehen!"

Langfristig haben die liberalen Schanklizenzen mehr Freiheit für die Wirte gebracht. Obwohl sie kleine Betriebe benachteiligen, bieten sie doch mehr Gestaltungsmöglichkeiten für Pubs, die ihr Profil in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln möchten – letztlich zum Vorteil der Konsumenten. Mark Hastings von der "British Beer and Pub Association" brachte es gegenüber der BBC auf den Punkt: "Tatsächlich sehen wir, dass in diesem Land Erwachsene nun endlich auch wie Erwachsene behandelt werden und selbst wählen können, ob sie nach 23 Uhr noch ein Sozialleben haben wollen."

Und ohne Alkohol geht das in England natürlich nicht.



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