Big-Wave-Surfer von Nazaré Im Hoch der Welle

Am Strand des portugiesischen Fischerorts Nazaré jagen die Surfer nach dem Weltrekord: Wer schafft die höchste Welle? Einer von ihnen ist der deutsche Extremsportler Sebastian Steudtner.

Frank Gensthaler / SPIEGEL TV

Von Frank Gensthaler


Die größten Wellen der Welt finden Surfer nicht in Hawaii, Südafrika oder Australien - nein: im portugiesischen Nazaré. Wegen ihnen ist auch der Nürnberger Sebastian Steudtner vor drei Jahren in den kleinen Küstenort gezogen, rund 100 Kilometer von Lissabon entfernt.

Der 32-Jährige ist der einzige Deutsche in der Weltelite der Big-Wave-Surfer und hat bereits zweimal den Preis für die größte gesurfte Welle des Jahres gewonnen, den "XXL Big Wave Award". "Wenn ich das Meer, das Wasser, die Wellen sehen, egal wo, dann bedeutet das für mich Freiheit, Geborgenheit, Spaß, Adrenalin - alles, was ich mir für das Leben wünsche. Das ist mein heiliger Ort", sagt er.

Wie Sebastian Steudtner eine Riesenwelle steht, und wie Nazaré den Wellenboom erlebt, sehen Sie hier:

Frank Gensthaler / SPIEGEL TV

Sebastian Steudtners Wohnort ist einzigartig in Europa. Hier rollen zwischen Spätherbst und Frühling Monsterwellen an die Küste - bis zu mehr als 20 Meter hoch. 2009 hatte der damalige Bürgermeister der Gemeinde die Idee, diese "Big Waves" zu vermarkten. Sein Team schickte per E-Mail Videos und Fotos der Riesenwellen an einige Surfer - darunter an Garrett McNamara. Der Hawaiianer antwortete, kam, sah und surfte 2011 eine 23,7 Meter hohe Welle - Weltrekord!

Bis jetzt hat noch niemand offiziell McNamaras Bestleistung geknackt. Auch Steudtner nicht, obwohl er inzwischen Anspruch auf den Rekord angemeldet hat. Gesurft: hier in Portugal. Offizielle Bestätigungen der US-Jury, die für die Big Wave Awards zuständig ist, sind allerdings rar: Das Messen ist schwierig, Schwankungen bei den Berechnungen von bis zu drei Meter sind normal.

Riesenwelle über dem Unterwassercanyon

Angelockt von Monsterwellen und Rekordjagden kommen immer mehr Touristen in den kleinen Fischerort. Schon seit den Achtzigerjahren ist der Tourismus die wichtigste Wirtschaftssäule der Gemeinde, doch früher kamen die Besucher nur in den drei Sommermonaten. Jetzt hat sich die Saison über den Winter hinaus bis ins Frühjahr verlängert. Allein in den letzten vier Jahren hat sich die Besucherzahl des Leuchtturms auf der Klippe verdoppelt. "Und Nazaré wird wieder hübsch gemacht," sagt Fischer Eurico André.

Die Fischer leben mit den Riesenwellen schon seit jeher. "Witwenmacher" nennen sie das Naturphänomen, das sie zu umschiffen versuchten. Verursacht wird es durch einen Unterwassercanyon mit bis zu 5000 Meter Tiefe und 200 Kilometer Länge, der 200 Meter entfernt vor den Klippen der Stadt endet. Über der dort noch immer 150 Meter tiefen Schlucht haben die Wellen dieselbe Geschwindigkeit wie im Ozean, im flachen Wasser gleich daneben bewegen sie sich langsamer.

Auch für die Surfer sind die bis zu 80 km/h schnellen Wellen extrem gefährlich: 2013 etwa bezahlte die Brasilianerin Maya Gabeira den Ritt ihres Lebens fast mit dem Tod. Während der Fahrt brach sie sich den Knöchel, weil das Brett zu hart aufs Wasser aufschlug. Sie stürzte und musste gerettet und am Strand wiederbelebt werden. Zwei Jahre Reha und zwei Rückenoperationen später surft sie wieder. Im November letzten Jahres brach sich der US-Amerikaner Andrew Cotton den Rücken.

Arzt steht am Strand bereit

Um fit für die Welle zu sein, absolviert Sebastian Steudtner ein hartes Trainingsprogramm. Außerdem hat er ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem entwickelt: Wenn er sich von einem Jetskifahrer in die Riesenwellen ziehen lässt, unterstützt ihn ein ganzes Team: Ein Beobachter mit Fernglas auf der Klippe gibt Tipps für die beste Welle, mehrere Rettungsfahrer auf Jetskis stehen bereit und ein deutscher Militärarzt am Strand, der extra eingeflogen wird. "Wer etwas Gefährliches tut und sich nicht um die Sicherheit kümmert, ist dumm", sagt Steudtner.

Doch nicht alle sind so gut vorbereitet und trainiert wie der Profisportler. Angelockt von den spektakulären Bildern kommen immer häufiger weniger erfahrene Surfer, die sich überschätzen. Steudtner und Nazarés heutiger Bürgermeister Walter Chicharro arbeiten daher gemeinsam an einem Sicherheitskonzept: Mehr Rettungskräfte sollen eingestellt werden und die Abläufe verbessert werden. Bisher ist es beim Surfen vor Nazaré nicht zu Todesfällen wie an anderen Spots weltweit gekommen. Und das soll auch so bleiben.

"Die perfekte Welle. Big-Wave-Surfen in Portugal" wird am Donnerstag, den 5. April, um 19.40 Uhr auf ARTE ausgestrahlt.



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