Porträt einer Landschaft Das wahre Gesicht der Alpen

Zwölf Jahre lang zog der Fotograf Olaf Unverzart mit Bergsteigerausrüstung und Kamera in die Alpen. Er will zeigen, wie die Berge wirklich sind: ein Universum in Weiß, Grau und Grün.

Von

Olaf Unverzart

Schlafsack, Handschuhe, Halstuch, Stirnlampe. Ein Seil, ein Erste-Hilfe-Kit, ein Taschenmesser. Nicht die übliche Ausrüstung eines Fotografen. Außer man hat sich wie der Münchner Olaf Unverzart ein Motiv vorgenommen, das nur so erreichbar ist: die Alpen.

Zwölf Jahre lang schleppte Unverzart Bergsteigerutensilien zusammen mit Kameras, Stativen, Filmen die Hänge hoch - nun ist sein Bildband erschienen, der die Gletscher, Spalten, Kämme, Gipfel und Straßen zeigt, die er in der Zeit abgelichtet hat.

Unverzart war unterwegs in Italien, Slowenien, Frankreich, Österreich, der Schweiz: "Die Alpen als Ort sind so grenzenlos, da könnte ich noch 20 Jahre weitermachen." Die große Landkarte, die er irgendwann in seinem Studio an die Wand gehängt hat, ist dennoch mit sehr vielen gelben Stecknadeln übersät: Sie stecken im Furggletscher und im Ofenpass, an Touristenapartments in Val-d'Isère, bei Obergurgl, wo ein Erdrutsch abging, und im San-Bernardino-Tunnel.

Doch wer bei den Alpen an Urlaubsbilder mit Heidi-Aura und Edelweiß wie aus einem Tourismuskatalog denkt, den wird Unverzarts Blick auf die Topografie überraschen: Da sind vor allem Spalten und Felsschichten zu sehen. "Ich will das Gesicht der Alpen zeigen", sagt er. "Ich wollte, dass das Licht neutral ist. Damit mir der Hang selbst sagt, wie er aussieht."

In der Tat haben die Bilder etwas Ungeschminktes. Alles changiert in Weiß, Grau, Grün, mehr nicht. Dafür aber in zigfachen Nuancen: Wolken, Moos und Baumstümpfe, Grate und Krater, Gletscher, Gebirgsbäche, Geröll. Die Alpen, sie sind hier mehr als ein Fleck auf der Landkarte, sie sind ein Universum.

Berge wirken im Winter "weich und dumpf"

Der Fotograf wuchs zwar im Münchner Umland auf, doch die Bergwelt gehörte lange nicht zu seinem Alltag. Seine Eltern hatten einen Bauernhof, da war an häufige Wandertouren nicht zu denken. Erst als Unverzart in seiner Jugend in einen Radverein eintrat, erschloss er sich die Alpen nach und nach. Es war jedoch erst nach seinem Fotografiestudium in Leipzig, als er Berge auch als Motiv wahrnahm. Ausgerechnet ein Lawinenunglück am Simplonpass brachte ihn darauf. Er fuhr dorthin, um die veränderte Landschaft zu dokumentieren, als er merkte, dass etwas fehlt.

All die Fotobände, die er durchstöberte, zeigten nicht die Bergwelt, die er kannte: "Für mich stehen die Alpen auch immer für Alleinsein und Ruhe - aber die passenden Bilder dafür fand ich nicht", sagt Unverzart. "Die gängige Alpen-Fotografie ab den Fünzigerjahren zeigte mehr eine touristische Idylle mit blauem Himmel, Heißluftballon und Skipisten. Kritische Positionen gab es kaum."

Daraufhin machte er sich an sein Projekt. Mehrmals im Jahr zog er mit einem Kompagnon los, mal nur ein paar Tage, mal zwei Wochen. Stets nur im Sommer, wenn die Schneefallgrenze über 3000 Meter lag. Schnee könne er für seine Bilder nicht gebrauchen, weil die Berge im Winter "so weich und dumpf" wirkten, sagt er. Ihm ging es um jeden Stein, jede Furche. "Ich versuche, Sonne und Schatten zu vermeiden. Ich will die Nuancen am Stein sehen, die Farben, die Schichten. Da ist der gute alte bedeckte Himmel am besten."

Dass Unverzart nicht alleine unterwegs war, lag nicht nur an den zwei schweren Rucksäcken. Wer die steilen Abgründe auf seinen Fotos sieht, ahnt, dass es auch Selbstschutz war. Der Fotograf rät auch, weder am Fernglas zu sparen noch an einer hellen Stirnlampe. Denn die Suche nach dem idealen Standort dauert eben, so lange sie dauert - zur Not bis in die Dämmerung. Und dann gilt es den Weg zurück zur Hütte zu finden, um nicht im Biwaksack am Berg übernachten zu müssen.

"Von Wildnis ist da nichts übrig"

"Eine gute Perspektive, um Aufnahmen von Bergen zu machen, ist eher auf der mittleren Höhe gegenüber des Motivs", sagt er. "Auf keinen Fall unten stehen und nach oben fotografieren." Kompromisse geht er da ungern ein: "Ich bin konsequent und nicht bequem, was den Aufnahmestandort betrifft, wenn ich mich da schon stundenlang hochgeschleppt habe."

Die Ausschnitte, die so entstanden sind, sind dann auch mal abstrakt wie ein Bild von Jackson Pollock oder impressionistisch wie ein Gemälde von William Turner vom dem Anfang des 19. Jahrhunderts. Vor allem aber sind seine Aufnahmen eine menschenfreie Zone. Personen sind nirgends zu sehen, ihre Spuren allerdings überall.

Immer wieder zerteilen exakte Schnitte die natürlich amorphen Landschaftsstrukturen auf Unverzarts Bildern: Da sind kleine Trampelpfade, Tunnel, Holzbrücken, die Schnittkanten von Baumstümpfen oder bunte Wimpelgirlanden. Die Präsenz des Menschen ist unübersehbar, da reicht auch der Blick auf die Gletscherreste oder die zerklüfteten Skipisten: "Das ist eine von Menschen gemachte Natur", sagt Unverzart über die Alpen. "Von Wildnis ist da nichts übrig."

Er sieht sich als Dokumentar. "Die Alpen sind für mich ein guter Freund geworden. Ein Ort, an dem ich weiß, dass es mir dort gut geht", sagt Unverzart. Dass er sich schon die nächste Bergserie ausgedacht hat, wundert nicht. "Das Gefühl, diese Bilder machen zu müssen, ist auch meine Rechtfertigung, immer wieder loszugehen."


Olaf Unverzart: "ALP." Prestel; 192 Seiten; 45 Euro.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.