Italiens schönste Ruinen Es bröckelt? Bellissimo!

Verlassene Hotels, zerfallende Palazzi, überwucherte Burgen: Sven Fennemas Fotos von längst vergangener italienischer Pracht lösen ein Kopfkino aus. Wer hat einst den Ausblick auf den Lago Maggiore genossen?

Sven Fennema/ Frederking & Thaler Verlag

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Engel schweben an der Decke, zwischen Säulen ziehen Wolken auf. Die Fresken des Palazzo Dario haben es Sven Fennema angetan. Doch bald wird davon wohl kaum noch etwas übrig sein. In den Wandgemälden klaffen große Löcher, der Putz bröckelt, auf dem Boden liegt Schutt.

"Man kann anhand des Übriggebliebenen auf die Vergangenheit schließen", sagt der 34-jährige Fotograf aus Krefeld, und genau das ist es, was er an verwaisten Orten wie diesem verlassenen Palast aus dem 19. Jahrhundert liebt. "Sie sind wunderschön", meint er.

Brach liegende Fabriken, verwitterte Schulen und Heilanstalten, in Konkurs gegangene Hotels - architektonische Perlen mit reichlich Patina hat er fotografiert. In dem 320-seitigen großformatigen Bildband "Nostalgia" (erschienen bei Frederking und Thaler) zeigt er seine Bilder.

Über sechs Jahre lang ist Fennema immer wieder zwischen Mailand und Rom unterwegs gewesen. Seine Reisen bereitet der Fotograf akribisch vor. "Ich bin in Archive abgetaucht, habe alte Zeitungsartikel hervorgekramt, aktuelle Immobilienanzeigen gelesen und Kontakt zu Kommunen und Privatpersonen aufgenommen", sagt er.

Während seiner Recherchen ergab sich dann eine Route durch den Norden und das Zentrum Italiens, die er jedoch nicht immer strikt verfolgt hat. "Natürlich habe ich auch spontan angehalten, wenn irgendwo zwischen Feldern eine mutterseelenallein gelassene Kapelle emporragte." Im Piemont hatte er mehrere ungeplante Bekanntschaften. "Um in das Castello in Casale Monserrato bei Turin eintreten zu können, musste ich in einem Dorf erst eine norwegische Familie treffen, die eine Architektin kannte, die einen Schlüssel zu diesem herrlichen Anwesen hatte."

Macht der Natur

Oft begab sich Fennema in völlig zugewucherte Gebäude. Ranken bedeckten Fassaden, Bäume durchbrachen Fensterscheiben. Moos war bis zur Decke gekrochen und aus den Dielen gewachsen. "Die Natur zeigt uns, wie machtlos wir Menschen sind, wenn wir unseren Häusern den Rücken kehren", sagt Fennema.

Was die Bewohner der Gebäude dort einst erlebt haben, fesselt Fennema am meisten. Er empfindet es immer wieder als Abenteuer, durch eine verlassene Villa zu streifen und sich vorzustellen, was die Menschen hier bewegt haben könnte, wie ihr Alltag ausgehen haben mag. Er tauche in die Geschichte ab, sagt der Fotograf, manchmal mithilfe von Ortskundigen, die ihm etwas über die Plätze erzählen können. Manchmal aber auch nur dank seiner Fantasie.

Fennemas Fotografien sind eine Einladung zu einer Zeitreise: "Ich möchte beim Betrachter das Kopfkino aktivieren", sagt er. Und das gelingt ihm ohne viele Texte. Starthilfe geben dabei die kurzen Beiträge von Petra Reski, die deutsche Schriftstellerin lebt schon lange in Venedig.

"Während ich mich durch Schlingpflanzen kämpfte, sah ich plötzlich unter zackig geschnittenen Platanen russische Prinzen, ägyptische Beys und ein paar Hofdamen von Königin Margherita zum Wassernippen schreiten", schreibt sie in dem Kapitel über einstige Grandhotels und ein Geisterdorf. "Die Majestät war mit 80 Hofdamen angereist, und von den 300 Zimmern war kein einziges mehr zu kriegen." Zeilen wie aus einem Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts.

Vandalismus in verlassenen Villen

"Es ist in Mode gekommen, verlassene Orte zu besichtigen", sagt Sven Fennema, "oft zu Lasten der Architektur." Einige der im Buch gezeigten Villen und Schlösser hat er in den vergangenen Jahren drei- oder viermal besucht, ihr Zustand verschlechterte sich zum Teil rapide. Orte, die jahrzehntelang unberührt wie in einem Dornröschenschlaf lagen, seien regelrecht ausgeplündert worden, nachdem etwa eine Zeitung genauere Angaben gemacht hatte.

"Der Ruinentourismus, wenn man das so nennen will, zieht auch schwarze Schafe an", sagt Fennema. "Es kommt vereinzelt zu Vandalismus." Die Leute bedienten sich an zurückgelassenen Möbeln, rissen alte Türrahmen, Vertäfelungen, Wandgemälde und Teile von Dächern ab. Aus diesem Grund werden die meisten Namen der Palazzi sowie genaue Ortsbeschreibungen in Fennemas Bildband nicht erwähnt.

"Auch wenn ich den Verfall gerne fotografiere, tut es mir weh, wenn ich Fresken von der Decke fallen sehe", sagt Fennema. "Diese Orte müssen geschützt werden."

So wie die Rocchetta Mattei in der Emilia-Romagna. Eine halbe Stunde von Bologna entfernt wird das Schloss aus dem 19. Jahrhundert derzeit saniert. "Wenn die Investoren Respekt vor der Architektur haben, dann bleibt auch die Erhabenheit dieser Orte erhalten", sagt Fennema. Doch für viele verlassene Orte gelte leider: "Sie sind nicht zu retten."

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Affenhirn 15.12.2015
1. Geographiekenntnisse?
Gleich in der Unterüberschrift taucht der "Tessiner See" auf. Was ist das denn für eine Schöpfung? Im übrigen liegen Lago Maggiore und Luganer See auch nicht zwischen Mailand und Rom, nicht mal der italienische Teil der Seen.
mitch72 15.12.2015
2. Geografie
Tessin = Italien? Nicht doch. Aber die Bilder stimmen traurig und nachdenklich - wenn man doch nur das nötige Kleingeld hätte *träum*
arch.aisch 15.12.2015
3. Das wünscht man keiner Familie
auch nicht einer alten Familie aus Livorno, dass sie heutzutage völlig eingestürzt ist... (Abb15/15). Der gesellschaftliche Trend und die Bildungspolitik gehen immer entschlossener den Weg betörender Bilder bei verkümmerndem Text. Ein ermutigender Schritt der Entwicklung hin zu einer Gesellschaft der Jäger und Sammler.
fatherted98 15.12.2015
4. Blöd...
...wenn man solche Sahnestücke verfallen läßt.
widower+2 15.12.2015
5. Wie?
Zitat: "Im 18. Jahrhundert gehörte das Anwesen einer reichen Handelsfamilie aus Livorno, die heute völlig eingestürzt ist." Wie darf man sich denn das Einstürzen einer Handelsfamilie vorstellen?
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