Die erste Skitour Erst das Auffellen, dann das Vergnügen

Stéphanie Souron

Unter uns Skifahrern gibt es ja zwei Arten, Urlaub zu machen. Für die einen ist Skifahren Erholung, für die anderen ist Skifahren Sport am Berg. Die einen genießen den Schnee, die Sonne, den Ausblick.

Sie lassen sich mittags auf der Hütte das Weißbier schmecken und wenn die Wolken die Sicht versperren, lassen sie die Bretter auch gerne mal einen Tag im Skikeller stehen.

Die anderen mögen es, wenn ab und zu die Lunge rasselt. Sie freuen sich, wenn es schneit oder Wolken die Sicht versperren. Weil es dann nicht so voll ist auf den Pisten und Pulverschnee immer noch die beste Unterlage ist.

Die erste Gruppe macht gerne gegen 15.30 Uhr Feierabend und dann die Beine in der Sauna lang. Die zweite Gruppe macht früher oder später eine Skitour.

Wir stehen am Aufstieg zur Madrisa-Rundtour im Vorarlberger Skigebiet Gargellen. Ich habe meine Skier abgeschnallt, den Rucksack in den Schnee geworfen und versuche, Felle auf die Unterseite meiner Skier zu kleben. Denn wer bergauf wandern will, braucht ja irgendwie Halt im Schnee. Früher dienten echte Tierfelle als Aufstiegshilfen, heute liefert die Kunstfaserindustrie den Skitourengehern eine Art Teppich, der auf der einen Seite klebt und auf der anderen Seite bremst.

Wolfgang Loacker, mein Guide, hat ruck, zuck "aufgefellt" und ist schon abmarschbereit. Aber für Skitour-Neulinge wie mich ist "auffellen" etwa so, als müsse man eine weiche, klebrige Folie auf nassen Holzlatten anbringen. Das Zeug ist widerspenstig, meine Finger sind klamm und meine Laune schlecht. "Pass auf, dass die Felle nicht mit dem Schnee in Kontakt kommen", ruft Wolfgang mir zu. "Sonst halten sie nicht mehr so gut." Zu spät.

Skitourenparks für Neulinge

Eine Viertelstunde später sieht die Welt zum Glück schon wieder ganz anders aus. Wolfgang hat die Dinge in die Hand genommen und mir beim Auffellen geholfen. Mein Bergführer redet nicht viel, aber er kann zupacken. Jetzt sind wir auf dem Weg zum St. Antönier Joch. Wir laufen im gleichmäßigen Rhythmus durch die Spur, ich atme klare Bergluft ein.

Von innen wärmt die Anstrengung, von oben die Sonne, die sich inzwischen über die Gipfel der Gargellner Köpfe geschoben hat. Nur mein eigener Atem ist zu hören und das Kratzen der Skier im Schnee. Ich kann verstehen, dass Skitourengeher sich in der Welt der Pisten, Lifte und Schnapserl-Schirmchen unwohl fühlen.

In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Skifahrer vom Halligalli der Pisten abgewandt und sich Tourenskier untergeschnallt. In manchen Orten sind sogar regelrechte "Skitourenparks" entstanden. Am Obersalzberg bei Berchtesgaden zum Beispiel kann man Kurse belegen oder auf einfachen Rundtouren erste Skitourenluft schnuppern.

In Garmisch-Partenkirchen (an der Eckbauerbahn) und am Kranzberg in Mittenwald gibt es Lehrpfade mit Hinweisschildern für Einsteiger. Die Skitourenlehrpfade am Unternberg, am Tegelberg und zur Tiroler Lampsenspitze sind zwar auch beschildert, aber mit 750 bis 1000 Höhenmetern schon eher eine Herausforderung für Fortgeschrittene. Und überhaupt hat das Konzept Grenzen. Denn einem Skitour-Neuling ohne technische Erfahrung helfen Hinweistafeln nicht weiter. Und wer noch nie mit einem Lawinenpiepser hantiert hat, sollte lieber nicht auf große Tour gehen.

Deshalb bin ich froh, dass ich Wolfgang an meiner Seite habe. Als wir nach 50 Minuten Aufstieg am St. Antönier Joch stehen, wird er sogar gesprächig. Er erzählt, wie hier früher Wein und andere wertvolle Güter über die Grenze zwischen der Schweiz und Österreich geschmuggelt wurden.

Ich höre allerdings nur mit halbem Ohr hin, denn ich muss mich an der Landschaft satt sehen. Links und rechts liegen die Wolkenfelder wie weiche Kissen über den Tälern. Darüber strecken die Berge majestätisch ihre Spitzen der Sonne entgegen. Und das Beste liegt noch vor uns: Tausend Höhenmeter Abfahrt. Ich packe die Felle in den Rucksack und stelle die Skibindung auf Abfahrtsmodus.

Langsam wird mir die Faszination von Skitouren klar.

Zur Person
  • Louis Hermic
    Das Skifahren hat Stéphanie Souron schon mit vier Jahren gelernt. Heute verbringt die Journalistin ihre Freizeit am liebsten in den Alpen. Ihr Job als freie Autorin hat sie nach Hamburg verschlagen - inzwischen weiß sie, welche Fluglinien die Skier gratis transportieren und mit welchem Bus man am schnellsten ins Skigebiet kommt. Trotzdem ahnt sie: Eine Stadt ohne Berge und Schnee ist auf Dauer keine Lösung.

    Im Pisten-Blog erzählt Souron vom langen Warten auf den Schnee, von Neuheiten in den Skigebieten, philosophiert über das beste Hüttengericht und über alles, was im Winter draußen Spaß macht.

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