Böhmische Knochenkirche Haus der Totenschädel

Unweit von Prag bietet eine obskure Sehenswürdigkeit ein Schauermärchen zum Anfassen: Die Friedhofskirche des Städtchens Sedlec ist liebevoll dekoriert - mit echten Gebeinen von etwa 40.000 Menschen.

Von Steven Geyer


Engel-Kerzenständer aus Schädeln: Material hatte Schnitzer Frantièek Rint genug
Ilka Ludewig

Engel-Kerzenständer aus Schädeln: Material hatte Schnitzer Frantièek Rint genug

Es kann schon einiges schief gehen: Man kann auf heiligem Boden beerdigt werden und trotzdem eines Tages als Innendekoration enden. So zynisch das klingt, es passierte gleich nebenan: Nur 70 Kilometer östlich von Prag, eine knappe Stunde per Regionalbahn von der tschechischen Hauptstadt entfernt, wartet eine Skurrilität, wie sie in dieser Größe einmalig ist: eine gotische Kapelle, die eindrucksvoll mit den sterblichen Überresten von etwa 40.000 Menschen ausstaffiert wurde.

Die Kirche steht in Sedlec (Sedletz), einem verträumten Vorort des Touristenmagneten Kutná Hora (Kuttenberg), und allmählich mausert sich der Geheimtipp zur Attraktion. Immerhin verspricht sich Tschechien vom gerade erfolgten EU-Beitritt nicht zuletzt einen Tourismus-Boom - mit Böhmen als Hoffnungsträger Nummer eins. So berichten inzwischen deutsche Reiseführer und selbst internationale Zeitungen von der "Kapelle der Geister" ("Melbourne Herald Sun"), die "eine neue Dimension des Makabren" erreiche ("London Sunday Telegraph"). Sogar die beliebte amerikanische TV-Show "Believe it or not" kam nach Sedlec. Die katholische Kirche, die das so genannte Beinhaus nur noch als Sehenswürdigkeit betreibt, spricht von rund 140.000 Besuchern im vergangenen Jahr.

Messweinkelch: Die Schale besteht aus Steißbeinen, aufgestellten Schenkeln und Beckenschaufeln, der Ständer aus Wirbeln und Armen Sonnenmonstranz: In echten Kirchen zur Aufbewahrung der Hostien gedacht, hier aus sind die Sonnenstrahlen aus Oberschenkel- und Kreuzbeinknochen gemacht und der Sockel aus Unterkiefern und Armknochen Knochenpyramide: Die Mehrheit der Knochen liegt hinter Drahtzäunen

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Je stiller es im spärlich beleuchteten Gewölbe ist, desto stärker wirkt sein morbider Charme. Zuerst fallen dem Betrachter die überdimensionalen Knochengirlanden auf, die kreuz und quer unter der hohen Decke baumeln: Fahle Oberschenkelknochen sind aneinander gereiht wie riesige Halsketten, und in der Mitte des Raumes zieren aufgefädelte Schädel die Deckenbögen. Im kühlen Kirchenschiff darunter musizieren vier hölzerne Engelsfiguren, jeweils auf der Spitze von mannshohen Kerzenständern, die ebenfalls von hohläugigen Totenköpfen gesäumt sind.

Die Besucher fragen sich, ob hier allen Ernstes sämtliche Utensilien des katholischen Gottesdienstes versammelt sind - liebevoll nachgebastelt aus Menschenknochen? Tatsächlich: Der Altar ist mit Schädeln geschmückt, mehrere Kruzifixe sind aus Schenkelknochen gestaltet, und die traditionell zur Aufbewahrung der Hostien genutzten Monstranzen sind aus einem Schädel gebildet, der von Sonnenstrahlen aus Oberschenkel- und Kreuzbeinknochen umkränzt ist und auf einem Sockel aus Unterkiefern und Armknochen sitzt. In einer Nische steht ein symbolischer Messweinkelch: Gefertigt aus Steißbeinen, Gelenken und aufgestellten Schenkeln dienen ihm Beckenschaufeln, Wirbel und Arme als Sockel.

Mittelalterliche Körperwelten

Das Meisterstück der makaberen Innenarchitekten prangt jedoch in der Raummitte über den Köpfen der Besucher: Ein gut drei Meter hoher, komplett knöcherner Kronleuchter mit acht prächtigen Armen, an deren Ende wiederum Totenköpfe die Kerzenhalter sind. Angeblich ist hier jeder der 206 Knochen des menschlichen Körpers verbaut.

 Sedlecer Kapelle: "Eine neue Dimension des Makabren"
Ilka Ludewig

Sedlecer Kapelle: "Eine neue Dimension des Makabren"

Dass die Sedlecer Kapelle zum bizarren Schmuckstück wurde, verdankt sie dem Fürstengeschlecht Schwarzenberg. Die Familie hatte das Anwesen 1866 gekauft, weil es die Kirche nicht mehr nutzen mochte. Die neuen Hausherren fanden in der Kapelle sechs riesige Pyramiden aus Menschenknochen. Prompt beauftragten sie den Holzschnitzer Frantièek Rint damit, das Interieur neu zu gestalten - so kunstvoll wie möglich.

Ein echter Knochenjob: Rint desinfizierte sämtliche Gerippe und präparierte sie mit chlorhaltigem Kalk, wodurch sie bis heute, mehr als 130 Jahre später, gut erhalten sind und eher an Gips erinnern. Gegenüber dem Altar ließen die Schwarzenbergs ihr Familienwappen anbringen - bis ins Detail aus Knochen und Knöchelchen. Sogar einen Raben, der als Erinnerung an eine gewonnene Schlacht auf einen Schädel einpickt, bastelte Rint aus Hüftknochen, Rippen und einem Handskelett.

Eine Abkürzung zum Himmelstor

Material hatte er reichlich: Es hatte sich über die Jahrhunderte angesammelt, weil der angrenzende Friedhof immer wieder überquoll. Die Allerheiligen-Kirche von Sedlec steht nämlich im ehemaligen Zentrum von Böhmens ältestem Zisterzienser-Kloster, dessen Mönche hier seit Mitte des 12. Jahrhunderts vom Silberbau lebten. Im Jahr 1278 brachte der Abt Jindrich von einer Jerusalem-Reise etwas Erde vom angeblichen Kreuzigungsort Jesu mit, verstreute sie auf dem Friedhof und machte ihn so zur "heiligen Erde". Diese vermutete Abkürzung zum Himmelstor löste einen wahren Bestattungstourismus aus - Menschen der gesamten Umgebung und selbst aus Bayern, Polen und Belgien brachten ihre Verblichenen. Schnell wuchs der Gottesacker auf 3,5 Hektar an.

Mehrmals mussten die Mönche Platz für neue Gräber schaffen, indem sie alte Knochen ausgruben - zum ersten Mal 1318, als die Pest in der Region mehr als 30.000 Menschen dahinraffte. Die exhumierten Gebeine wurden fortan in einem so genannten Ossarium gestapelt, einem der wenigen europäischen Beinhäuser. Ende des 14. Jahrhunderts wurde im gotischen Stil die heute erhaltene Kapelle erbaut; auch sie musste bald als Knochenlager herhalten.

Feinde hängen einträchtig an der Wand

Damals war die Bergbaustadt Kutná Hora längst zu einem bedeutenden europäischen Wirtschaftszentrum aufgestiegen und förderte rund ein Drittel des gesamten europäischen Silbers. Silberrausch und Münzrecht erhoben Kuttenberg zum Kern der Wirtschaftsmacht des Königreichs Böhmen - und bald zur kulturellen und politischen Konkurrenz Prags. Kein Wunder, dass es während der Hussitenkriege (1419 bis 1436) zwischen den katholischen Kreuzheeren und den Anhängern des Prager Reformators Jan Hus zu etlichen Schlachten vor der gut befestigten Stadt kam. Viele der dabei Gefallenen hängen heute in trauter Eintracht an den Wänden des Sedlecer Beinhauses. Vitrinen zeigen mehrere mit Dreschflegeln und Fausthämmern eingeschlagene Köpfe.

Kronleuchter: In dem Meisterstück der Knochenkirche sind alle 206 Knochen des menschlichen Körpers verbaut
Ilka Ludewig

Kronleuchter: In dem Meisterstück der Knochenkirche sind alle 206 Knochen des menschlichen Körpers verbaut

Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Bergbau unrentabel und Kutná Hora wieder provinziell und unbedeutend. Als 1991 die letzte Grube schloss, war der Stern der Region längst untergegangen. Das Kloster gibt es seit 1784 nicht mehr. Das historische Kuttenberg taugt immerhin noch als Touristenattraktion, in seinem Vorort Sedlec erinnert nur die prunkvolle Marienkirche an den einstigen Reichtum. Sie gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und liegt nur fünf Fußminuten vom Beinhaus entfernt, ist aber in diesem Jahr wegen Restauration geschlossen.

Kulisse für Hollywood, Gothic-Fans und Marilyn Manson

Die Knochenkirche hat das bereits kurz nach der Wende hinter sich gebracht und ist nun gerüstet für den Besucheransturm: Die Ticketfrau spricht Deutsch und Englisch, die Fotoerlaubnis ist teurer als der Eintritt und wird rege gekauft, und sogar Merchandising ist ausgelegt, wenn auch noch schüchtern. Die vier Gebein-Pyramiden in den Ecken der Kapelle sind durch Maschendrahtzäune und Alarmanlagen vor den Touristen geschützt, weil sie bis heute allein durch Rints Stapelweise in sich ruhen und sie jedes Befingern zum Einsturz bringen könnte. Vorsicht ist angebracht, immerhin locken die mittelalterlichen Körperwelten nicht nur Geschichtsbeflissene an, sondern auch etliche Gothic-Fans und junge Prag-Touristen auf der Suche nach dem Obskuren.

Während ältere Semester von kalten Schauern sprechen, posiert die Jugend eher grimassenschneidend für Fotos zwischen den Schädeln, wie es sogar US-"Schockrocker" Marilyn Manson schon bei einem Besuch tat. Selbst Hollywood nutzte das Beinhaus bereits als Kulisse: Für die Mystery-Verfilmung "Dungeons & Dragons" (2000) mit Jeremy Irons. Wie stolz schon Rint nach vier Jahren Arbeit auf sein Kunstwerk war, zeigt sein Namenszug, den er neben dem Eingang aufhängte - natürlich aus Menschenknochen. Wo der Meister selbst begraben liegt, weiß allerdings niemand. Auf heiligen Boden bestand er aber vermutlich nicht.



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