Mit dem Motorrad durch Bolivien Symphonie aus Weiß und Blau

Michael Martin

Keine Wolke, kein Stein, nur eine schneeweiße Salzfläche: Der Salar de Uyuni in Bolivien ist weltberühmt. Mit seinem Motorrad überquert der Fotograf Michael Martin den größten Salzsee der Welt.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Von 0 auf 4400 in zwei Stunden: So lässt sich die kurvenreiche Fahrt von Arica an der chilenischen Pazifikküste bis zum Grenzübergang nach Bolivien bezeichnen. Ich möchte den Südwesten Boliviens mit dem Motorrad bereisen - den größten und schönsten Teil des Altiplanos, der sich als Hochebene zwischen den beiden Hauptkordilleren der Anden vom Titicacasee nach Süden erstreckt.

Eine neue Teerstraße bringt mich nach der Grenzabfertigung in dünner Luft über Oruro in einem Fahrtag nach Potosí, das in über 4000 Meter Höhe am Fuße des Berges Cerro Rico liegt. Schon die Inka hatten Silber aus dem Berg geholt, doch mit der Gründung von Potosí durch die spanischen Kolonialherren im Jahre 1545 begann ein wahrer Silberboom, der Potosí zu einer der damals prächtigsten Städte der Welt machte.

Und heute? Am Cerro Rico wird weiter Silber, Zinn und Kupfer gefördert, aber an den einstigen Reichtum der Stadt erinnern nur noch die opulenten Kirchen und Prachtbauten aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Minenarbeiter ohne Schutzanzüge und Atemmaske

Auf einer Tour in das Bergwerk folge ich dem ehemaligen Minenarbeiter Julio mehrere Kilometer in das Stollensystem. Die dünne Luft, die hohen Temperaturen und der allgegenwärtige Staub machen mir bald zu schaffen. Nach einer Stunde meist gebückten Gehens stoßen wir auf erste Trupps von Minenarbeitern, die das Gestein sprengen, mit den Händen in die Loren schaufeln und diese über Schienenstränge nach draußen schieben. Es sind junge Männer, die ohne Schutzkleidung und Atemschutz arbeiten.

Julio erzählt, dass jedes Jahr um die 30 Minenarbeiter im Cerro Rico tödlich verunglücken. Jene, die keinem Unglück zum Opfer fallen, würden kaum älter als 50 Jahre: Die meisten von ihnen sterben an den Folgen einer sogenannten Staublunge.

Von Potosí führt eine kurvenreiche Strecke in die kleine Stadt Uyuni, die Ausgangspunkt für meine Überquerung des Salar de Uyuni sein soll, des größten Salzsees der Erde. Bei minus neun Grad Celsius verlasse ich am nächsten Morgen mein kleines Hotel und erreiche im Dorf Colchani das Ufer des Sees.

Nach ein, zwei Kilometern Fahrt auf der schneeweißen, ebenen Fläche fühle ich mich bereits wie auf einem anderen Planeten. Keine Wolke, kein Stein, nichts stört die Symphonie aus Weiß und Blau.

Michael Martin

Entstanden ist dieses Naturwunder vor 10.000 Jahren als ein Paläosee austrocknete. Seitdem lagern hier rund zehn Milliarden Tonnen Salz, von denen gerade einmal 25.000 Tonnen pro Jahr von sonnenverbrannten Salzarbeitern abgebaut werden. Der im Zeitalter der Elektromobilität wichtigste Schatz des Salar de Uyuni ist aber das Lithium, das von den umliegenden Bergen stammt und im Salz gebunden ist.

Der industrielle Abbau der geschätzten 5,4 Millionen Tonnen Lithium ist noch nicht angelaufen, da trotz aufwendiger Trennung von Lithium und Magnesium nur eine Reinheit von 96 Prozent erreicht werden kann. Im chilenischen Salar de Atacama gelingt dies besser, da der Magnesiumanteil in der Salzsole geringer ist und der notwendige Verdunstungsprozess nicht durch eine sommerliche Regenzeit unterbrochen wird.

Abends schlage ich mein Zelt mitten auf dem Salzsee auf und bereite mich auf eine eiskalte Nacht vor. Ich krieche frühzeitig in meinen Schlafsack, um nach Monduntergang um vier Uhr fit für Nachtaufnahmen zu sein. Nach vielen Dauerbelichtungen der südlichen Milchstraße wärmt mich die aufgehende Sonne.

Michael Martin

Weiter südlich treffe ich am Rand des Salar de Uyuni auf die Piste nach San Juan, dem einzigen Ort, in dem ich auf dem Weg nach Chile Akkus laden und auftanken kann. Am Nachmittag bin ich wieder unterwegs, Richtung Vulkan Chiguana. Südlich des markanten Fünftausenders beginnt mit der Laguna Cañapa eine ganze Kette von Lagunen.

Bereits an der zweiten, der Laguna Hedionda, sehe ich die berühmten Andenflamingos, die trotz Kälte auch den Winter auf dem Altiplano verbringen. In Ufernähe gibt es eine Unterkunft, sodass ich nicht im Zelt frieren muss. Der darauffolgende Fahrtag ist zunächst ein Kampf gegen die Schneemassen in der Siloli-Wüste, die nach einem Schneesturm liegen geblieben sind. Rund 50 Kilometer lang wühle ich mich durch tiefe Fahrrinnen im Schnee, mehrfach fährt sich das Motorrad fest.

Laguna Colorada
Michael Martin

Laguna Colorada

Mittags stehe ich dann endlich an der 4278 Meter hoch gelegenen Laguna Colorada, deren Wasser von Algen und dem hohen Mineralstoffgehalt rubinrot gefärbt ist, und lasse meine Drohne fliegen. Am Tag darauf fahre ich noch vor Anbruch der Dämmerung zum 4850 Meter hoch gelegenen Geothermalgebiet von Sol de Mañana. In der Morgenkälte sind die Dampfschwaden der zahlreichen Geysire und Fumarolen besonders spektakulär. Ein gelungener Abschied vom Altiplano.

Über die Grenze nach Chile und 2000 Höhenmeter hinunter ins warme San Pedro de Atacama muss ich noch fahren. Und dann noch rund 1600 Kilometer bis zum Hafen von Valparaíso, in dem ich das Motorrad nach Hamburg verschiffe.

Video: Fahrt in den Abgrund - Boliviens Todesstraße

dbate
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1 Leserkommentar
lobivia 14.07.2018

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