Bomberwrack vor Malta Der letzte Flug der Blenheim Z7858

Vergessen, aber nicht verschollen: Vor Malta liegt das Wrack eines britischen Bombers aus dem Zweiten Weltkrieg. Aus Tagebuchaufzeichnungen und bisher geheim gehaltenen Militärdokumenten rekonstruiert Marc Vorsatz die letzten Stunden der Bristol Blenheim - und taucht ab in mehr als 40 Meter Tiefe.

Sharon Metson

Tom Black schaut auf seine Karte: Vom Flughafen Malta-Luqa bis zur griechischen Insel Kefalonia sind es genau 592 Kilometer Luftlinie. Macht bei dem Wind gut anderthalb Stunden Flugzeit, kurz abladen, dann retour und ab in die Kantine. Ihm ist kalt, von Sizilien weht eine steife Brise herüber. Um 9 Uhr klettern er, Dennis J. Mortimer und Pilot Frank Jury in ihre nagelneue Propellermaschine. Schwer beladen schraubt sich die Bristol Blenheim in die Luft.

Doch es wird kein Mittagessen geben an diesem 13. Dezember 1941. Die Blenheim Nummer Z7858 hebt ab zu ihrem letzten Flug.

Owen Buhagiar schaut aufs offene Meer. Höher dürften die Wellen nicht sein, dann würde das Tauchen zu gefährlich werden. Von Sizilien weht eine frische Brise herüber. Der Skipper gibt Vollgas. Wir fliegen über die Wellen und brettern hart in die Täler.

Die Bristol Blenheim ist das erste Flugzeugwrack, zu dem ich hinabtauche, und eines der ganz wenigen gut erhaltenen weltweit. In den Kriegs- und Nachkriegswirren hatten die Malteser andere Sorgen als den abgestürzten Bomber. Sie vergaßen ihn schlichtweg. So schlief die Blenheim jahrzehntelang friedlich in einem Bett aus Sand in 41 Meter Tiefe weit draußen im Meer und war nicht einmal mit Echolot zu orten.

Wir haben zwar GPS, aber lediglich einen Versuch. Denn bei der Tiefe können wir genau acht kurze Minuten am Wrack bleiben, ansonsten steigt das Risiko für die Dekompressionskrankheit enorm. Wir, das ist die maltesische Tauchlehrerin Abigail Borg und ich, ausgebildeter Rettungstaucher mit Wrackerfahrung.

Nur noch 20 Minuten bis Kefalonia, das seit April 1941 von Mussolini besetzt ist. Die Anspannung steigt, können doch jetzt jederzeit die italienischen Macchi-Jagdflieger aufsteigen. Tom Black und seine Jungs fliegen in einer Staffel von sechs Blenheims. Jede hat 600 Kilogramm Bomben im Schacht. Ihr Kampfauftrag: Versenken der feindlichen Versorgungsschiffe "Capo Orso" und "Iseo" sowie der fünf Zerstörer im Hafen Argostoli.

An diesem Tag wird Italien auf Geheiß Berlins versuchen, insgesamt drei Konvois mit acht randvoll mit Benzinkanistern beladenen Frachtschiffen zum Deutschen Afrikakorps durchzubringen. Die explosive Fracht soll von 37 Kriegsschiffen und fünf U-Booten flankiert werden. Die Briten werden ihrerseits alles daran setzen, genau das zu verhindern. Sonst ist Afrika an Rommel verloren.

Die Boje ist gesetzt. Wir tarieren uns aus, kurzer Blickkontakt, alles in Ordnung. Längst hat uns die starke Meeresströmung abgetrieben, wir schwimmen mit der sperrigen Ausrüstung zur Boje zurück. Dort greifen wir das sichere Seil, das uns in die Tiefe führt. Ein letztes okay und los.

Feuerhagel über Kefalonia

Der Plan ist so einfach wie genial: Die sechs Bomber sollen einen Überraschungsangriff von Land her starten. Frank Jury holt jetzt alles aus seiner Flugmaschine, jagt mit über 400 Sachen knapp über der Straße hinunter zum Hafen.

Der Plan ist genial. Aber er funktioniert nicht. Die Italiener feuern aus allen Rohren, der Himmel brennt. Schwerer Flakbeschuss, wohin das Auge reicht. Die Blenheims klinken ihre Bomben aus. Doch vergebens: Viermal sieht Tom Black neben seiner gläsernen Flugzeugnase einen leuchtenden Feuerball, viermal fallen Blenheims wie Steine vom Himmel, viermal sterben Kameraden und Freunde. Dann schüttelt Blacks Mannschaft eine gewaltige Erschütterung durch. Treffer! Aber sie schmieren nicht ab. Noch nicht.

Der Druck nimmt zu, langsam wird es dunkler. Dennoch ist die Sicht gut und beträgt mehr als 20 Meter. Wir gleiten völlig bewegungslos am Seil in die Tiefe, das spart Kraft und Luft. Allmählich lässt die Strömung nach. Wir sehen kaum Fische, und die paar wenigen sind selten größer als meine Hand. Wie gespenstisch leer gefischt dieses Mittelmeer doch ist.

Wer Fische sehen will, sollte besser weiter weg fliegen. Wer Wracks sucht, muss nach Malta. Denn was in diesem Winzlingsarchipel herumliegt, ist einzigartig: mehrere Zerstörer, Fregatten, Torpedo-, Patrouillen- und die legendären deutschen Schnellboote, Frachter, Schlepper, Minenleger und Minenräumer, außerdem ein Tanker, eine Autofähre, ein Luxus-Passagierschiff aus "Titanic"-Zeiten, ein U-Boot und zwei Flugzeuge - eines davon ist die Blenheim unter uns. Immer wieder entdecken Taucher neue Wracks, meist Kriegsschiffe aus dem Zweiten Weltkrieg, oft noch scharf beladen. Ein Eldorado für Abenteurer und Wracktaucher.

Alle Taucher spähen nach der Crew

Die Uhr stottert, aber sie tickt weiter. Irgendwie schafft es der Bomber aufs offene Meer, raus aus diesem infernalischen Feuerhagel. Sergeant Jury zieht die Maschine hoch, doch sie gibt kaum noch Schub. Das linke Triebwerk hat es erwischt, der Propeller fehlt. Und noch sind es 580 Kilometer bis Malta.

Wir sind auf 20 Meter Tiefe. Schemenhaft zeichnet sich unter uns ein großes ebenmäßiges Rechteck ab. Das muss die Blenheim sein, das Meer kennt keinen Kubismus. Nur noch zehn Meter ist sie entfernt. Wir lösen uns vom Seil, ich erkenne Details. Fünf Meter. Die beiden bulligen Triebwerke hängen in den Tragflächen, dazwischen ist das offene Cockpit. Unwillkürlich suche ich nach dem Piloten. Später wird mir Abi erzählen, dass alle Taucher wie hypnotisiert nach der Crew spähen.

Gerade als die drei jungen Männer zu begreifen beginnen, dass sie noch am Leben sind, eröffnen drei Macchis das Feuer. Die beiden Blenheims können die Kurzstreckenjäger mit ihren Brownings in Schach halten, bis diese schließlich abdrehen müssen. Noch 200 Kilometer bis Malta.

Die Royal Air Force wird an diesem Vormittag insgesamt vier Angriffswellen gegen Argostoli fliegen, die allesamt ihr Ziel verfehlen werden. Am Nachmittag wird der italienische Versorgungskonvoi unbeschädigt in See stechen. Er wird Afrika nie erreichen.

Vor genau zwei Minuten war ich noch oben an der Boje in der Gegenwart. Ich tauche auf den Propeller zu und will seine Spitze berühren. Aber genau da sitzt ein kleiner bunter Fisch und macht keine Anstalten, das Feld zu räumen. Knallbunte Fische, die keinerlei Angst zeigen, sind oft giftig. Ich schwimme ein paar Scheinangriffe, bis der Winzling endlich gelangweilt davonsegelt. Die Berührung des Rotorblatts hat etwas fast Mystisches. Als ob ich durch die Zeit gleite, direkt in diesen Samstag hinein, elf Tage vor Weihnachten im Kriegsjahr 1941. Als die Zeit der Blenheim Z7858 abläuft und sich der mannsgroße Propeller ein letztes Mal dreht.

Reifen sitzt im Radkasten fest

Die Männer beten, wie sie noch nie gebetet haben. Sie sind auf alles gefasst und absprungbereit in ihren Fallschirmen. Dann endlich taucht Malta am Horizont auf. Sie haben es geschafft. Fast. Die Küstenlinie nimmt Kontur an, Rettung naht. Schon kann Tom Black das Flugfeld von Luqa erahnen. Gott ist auf ihrer Seite. Frank Jury setzt zum Landeanflug an.

Die drei Enden der Rotorblätter sind absolut symmetrisch verbogen. Also muss sich der Propeller beim Eintauchen ins Wasser noch gedreht haben. Was für enorme Kräfte da am Werk waren. Ich schwebe über die Backbord-Tragfläche. Hier und da fehlt die hauchdünne Aluminiumhaut, ich kann die Spanten darunter sehen. Über die Jahre haben Strömung und Erosion an dem Flugzeug genagt. Aber insgesamt ist die Blenheim in einem überraschend guten Zustand, nur die Heckflosse ist zertrümmert. Die Gummireifen sehen noch völlig intakt aus, und das nach 68 Jahren im Salzwasser. Aber einer sitzt schief im Radkasten. Warum im Radkasten?

Gefasst und wortlos zurren die Männer ihre Schwimmwesten fest. Das Fahrwerk klemmt, an Land wäre eine Bruchlandung Selbstmord. Auch im Wasser stehen i hre Chancen nicht viel besser, aber im Süden tanzt ein buntes Fischerboot auf den schwarzen Wellenbergen. Der Sergeant nimmt Kurs, geht runter und zieht in letzter Sekunde die fragile Nase hoch.

Dann geht alles rasend schnell: Das Heck schlägt auf und zerschellt. Trümmerteile fliegen durch die Luft. Dennis J. Mortimer wird samt Gefechtsturm über das Cockpit katapultiert. Der Propeller taucht ein, die Triebwerke auch. Wie eine Stahlkralle packt das Meer zu, das Leben von Frank Jury und Tom Black hängt an ledernen Sitzgurten.

Doch die Blenheim schwimmt - und die drei können sich ins Fischerboot retten. Dort nehmen Black, Jury und Mortimer Abschied von ihrem Bomber. Ein letzter Blick, die Blenheim sinkt.

Unsere Zeit ist um. Ein letzter Blick, wir tauchen auf.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Larsa 12.05.2010
1. Ja, die Flieger ...
Aus der Sicht eines englischen Piloten zu kommentieren. Ist das Originaltext oder Erfindung? Und dann dieses "nie angekommen", also trotzdem Mission erfuellt, Scheiss auf Verluste. Gefreut haette ich mich, dass die Manschaft nicht ums Leben kam, geaergert, wieviel Oel und Flugzeugbenzin damals austrat.
Der Terrier 12.05.2010
2. Absturz vor Malta
Sehr lebendig verfasster Artikel mit authentisch wirkenden Einschüben, Kompliment! Wie wir wissen, gibt es Millionen Einzelschicksale des II.WK, die weit unglücklicher endeten. Sicherlich war es auch einer fliegerische Meisterleistung des Piloten, seine schwer getroffene Maschine so zu wassern, dass sich die Crew retten konnte.
nurEinGast 12.05.2010
3. 1
Zitat von sysopVergessen, aber nicht verschollen: Vor Malta liegt das Wrack eines britischen Bombers aus dem Zweiten Weltkrieg. Aus Tagebuchaufzeichnungen und bisher geheim gehaltenen Militärdokumenten rekonstruiert Marc Vorsatz die letzten Stunden der Bristol Blenheim - und taucht ab in mehr als 40 Meter Tiefe. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,694034,00.html
Eigentlich nur ein Schicksal unter vielen. Trotzdem wichtig, weil jedes dieser Schicksale anschaulich zeigt was Krieg letztendlich bedeutet. Wir alle, insbesondere unsere Herren und Frau Politiker brauchen viel mehr solcher Geschichten. Dann würden sie möglicherweise etwas daraus lernen und nicht weiter so verantwortungslos mit diesem Thema umgehen.
stephan1967 12.05.2010
4. Was für ein Blödsinn!
Ich war selber rund zehnmal an dem Wrack und habe selten einen größeren Blödsinn auf Spiegel Online gelesen! Nur ein paar Beispiele: Der Autor schreibt was von "geheimen Militärarchiven": Wo sollen die bitte sein? Welche Quelle? Die Angaben sind außerdem so "geheim", dass nahezu jede maltesische Tauchbasis sie hat... "..haben kein GPS, nur einen Versuch" Mehr braucht man auch nicht, da die Position jeder maltesischen Basis bekannt ist! Hätte sich jemand mal die Mühe gemacht und bei einer x-beliebigen Basis auf die Homepage geschaut, hätte er gemerkt, dass der Blenheim-Bomber zu den ganz normalen Zielen jeder Basis gehört, und das seit Jahrzehnten! "...haben eine Boje gesetzt/starke Meeresströmung" So ein Blödsinn: Das Wrack ist eh mit einer Boje gekennzeichnet (da alltäglicher Tauchspot), "starke Meeresströmungen" gibt es dort fast nie! "..und ich, ausgebildeter Rettungstaucher mit Wrackerfahrung" Will er jetzt Applaus? "Schemenhaft zeichnet sich unter uns ein großes ebenmäßiges Rechteck ab. Das muss die Blenheim sein, das Meer kennt keinen Kubismus" Kann ihm gerne hunderte Steine unter Wasser zeigen, die die Form eines Rechteckes haben. Und dass ein Flugzeug "ein großes ebenmäßiges Rechteck" dastellt, glaubt auch nur der Autor... Hätte er nur den Tauchgang dort beschrieben, okay. Aber hier hat jemand versucht, einen vollkommen alltäglichen Tauchgang mit seit Jahrzehnten bekannten Fakten zu einer "Entdeckung" aufzublähen, die aus Mutmaßungen ohne Quellenangaben und aus Details besteht, die tausende Taucher vorher schon gesehen haben: Unwürdig für SPON! Stephan
Luna125 12.05.2010
5. Wenig Inhalt...
.. aber schön geschrieben. Besonders die Gegenüberstellung Vergangenheit und aktuelle Zeit. Ist unterhaltsam, aber als Nachricht ?
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