Bouldern in Fontainebleau Da fällst du vom Fels

Springen oder nicht? An meterhohen Felsen ist das die erste Mutprobe eines Boulderer-Anfängers. Im Wald von Fontainebleau liegt das Paradies für jene, die den Klettersport ohne Haken und Seil lieben.

DPA

Von Verena Hölzl


"Spring! Spring!" Jéromes Stimme wird immer lauter. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Es ist mein erster Fels an diesem Tag. "Du musst jetzt springen", sagt mein Klettertrainer. Und zwar mit einem Rückwärtsschritt ins Nichts, zwei Meter nach unten. Mein Bauch verkrampft sich. Mir gefällt das alles gar nicht.

Ich hänge an einem Felsblock, der so glatt aussieht, dass ich bis eben keine Ahnung hatte, wie man daran denn bitteschön hochklettern soll. Dass unter mir am Waldboden eine Matratze liegt, die eine weiche Landung verspricht, hilft nicht wirklich. Was war das mit dem Bouldern nur für eine Schnapsidee, denke ich.

Mein Klettertrainer Jérome Chaput, ein Mittdreißiger, grinst, er findet das alles höchst amüsant. Er sieht aus wie Miro Klose, nur ist er kleiner. Wenn er von Wettbewerben und der Kletterleistung von Profis erzählt, benutzt er Abkürzungen wie compet' (competition) oder perf' (performance).

Er kletterte schon im Wald von Fontainebleau, da war er noch ein kleiner Junge. Für ihn als echten "Bleausard", wie sich die Kletterer in "Bleau" (abgekürzt von Fontainebleau) nennen, reicht der erste Fels nicht einmal zum Aufwärmen. Als ich endlich unten bin, sagt er: "Die ersten heulen schon hier." Ich bin beruhigt.

Mit der Sicherungsmatte in den Wald

Wochenende für Wochenende bringt Jérome Menschen zum Bouldern in den Wald von Fontainebleau, eine halbe Zugstunde von Paris entfernt. Einst Trockentraining für professionelle Bergsteiger, boomt der Sport spätestens seit der Jahrtausendwende: Felsenklettern ohne Haken und Seil, gesichert nur durch eine Matte und einen Partner.

Das Klettern fühlt sich bei jedem Felsen anders an, als es beim Zusehen aussieht. Man presst seinen Körper gegen den Fels, man tastet, überlegt und streckt. Man hat Angst vorm Abrutschen, zögert und zweifelt, ob man denn genug Kraft für das Stemmen hat. Bis man sich zum Versuch durchringt, zittern die Muskeln meist schon vor Anspannung.

Im Wald von Fontainebleau hinterließ das Meer, das zu Urzeiten das Pariser Becken flutete, mehrere zehntausend Sandsteinblöcke, mal grau, mal ockerfarben, mal klein, mal gigantisch hoch. "Ich klettere hier seitdem ich zwölf bin und stoße immer noch auf Felsen, die ich nicht kenne", erzählt Jérome. Fontainebleau gilt als das größte Outdoor-Boulder-Gebiet der Welt, hier wurde das Bouldern um 1900 quasi erfunden.

Auf einer Fläche von 25.000 Hektar erstrecken sich zwischen Eichen, Kiefern und Buchen, die an jenem kühlen Sonntagvormittag die ersten frühsommerlichen Sonnenstrahlen durchlassen, Fahrrad- und Laufwege. Kletterer, die zumeist nicht aus der Umgebung, sondern aus aller Welt hierherkommen, suchen in Holzfällerhemden und ausgeblichenen Trainingshosen mit einer koffergroßen Sicherungsmatte am Rücken Felsen, die sie herausfordern: Felsen mit Namen wie Holey Moley, La Marie Rose oder La Science Friction.

Nachdem Jérome mit 32 Jahren bereits zum sechsten Mal aus Unzufriedenheit die Firma gewechselt hatte, gab er seinen gut bezahlten Job im Finanzbereich auf und machte sich selbstständig. Seit einem Jahr bietet er mit seiner Agentur Globe Climber Boulder-Kurse, organisiert Kletterurlaube im Ausland oder veranstaltet Seminare für Mitarbeiter von Firmen. "Bouldern trainiert das Selbstvertrauen", erklärt er.

Den Felsen lesen

Der 30-jährige Fred hat den Aufstieg gerade hinter sich gebracht. Jetzt ist seine Freundin Andy dran. Das Londoner Paar ist für ein Wochenende nach Fontainebleau gekommen, um nicht mehr wie zu Hause in der Halle an einer künstlichen Wand zu klettern, sondern ihr neues Hobby endlich an echten Felsblöcken auszuprobieren.

Ein paar Meter von ihnen entfernt stehen ein paar Boulderer wie Ingenieure vor einem Felsblock: Sie überlegen, wie man ihn am besten erklimmen könnte. Andy tastet weiter mit ihren Händen nach Halt am kühlen Stein. Vergebens, denn es geht mehr darum, seinen Beinen zu vertrauen und sich gegen den Fels zu stemmen, als sich mit den Händen festzuhalten, um nicht abzurutschen.

Vom Klettertrainer bekommt die 29-Jährige Anweisungen, auf welche winzige, fast nicht erkennbare Erhebung im Felsen sie sich mit ihren speziell besohlten Kletterschuhen stemmen soll. Einen Felsen "lesen", wie es im Boulder-Fachjargon heißt, ist eine Kunst für sich.

Jérome beherrscht sie. Er sieht nicht aus wie ein Kraftprotz. Dafür ist er geschmeidig und kreativ. Die Unberechenbarkeit, mit der man den einen Felsen, der andere zur Verzweiflung bringt, locker schafft, und dafür an anderen unerwartet scheitert, macht für ihn die Magie des Boulderns aus.

Von Knochenbrüchen und Schürfwunden erzählt er uns erst bei einem Bier danach. Wir sind da bereits über uns hinausgewachsen sind und wollen eines auf jeden Fall: das nächste Erfolgserlebnis.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
tölpell 11.05.2016
1. cool
schönmal was übers klettern/bouldern zu lesen. ich möchte auch umedingt mal nach fb. ei muss im leben eines kraxlers :)
hornochse 11.05.2016
2. Ohne Sicherung klettern
nennt man das nich freies klettern neu deutsch free climbing? Bouldern ist der Sport in Hallen oder freistehenden Wänden die mit Plastikfriffeln bestückt sind an denen man gesichert oder ungesichert klettert.
l/d 11.05.2016
3. Nicht nur die Hände leiden
Viele dieser Kletterer zwängen ihre Füße in extrem enge Schuhe, mit der Folge, dass der Fuß nach zwei-drei Jahren bereits stark deformiert ist und das Grundgelnek der Großzehe bis zu 3 cm vorgewölbt ist bzw. die Großzehe den entsprechenden Schifstand zeigt. Hallux valgus. Das lässt sich später, wenn die Jugend vorbei ist und man kaum noch laufen kann, nur durch eine Operation beheben, die aber auch nicht immer vollen Erfolg bringt. Man hat den Eindruck, mancher Modesport kann nur vor dem Hintergrund existieren, dass man heute nicht mehr als Krüppel nach Unfall oder nach der Zeit enden muss, sondern sich wieder zurecht flicken lassen kann.
0dium 11.05.2016
4. @2: Nö...
Ohne Sicherung: Free Solo Ohne Sicherung in Absprunghöhe: Bouldern Hallenklettern ist idR Sportklettern, sobald ein Seil dabei ist, bouldert man aber nicht mehr ;)
cherea 11.05.2016
5. nein wahrlich nicht
Zitat von l/dViele dieser Kletterer zwängen ihre Füße in extrem enge Schuhe, mit der Folge, dass der Fuß nach zwei-drei Jahren bereits stark deformiert ist und das Grundgelnek der Großzehe bis zu 3 cm vorgewölbt ist bzw. die Großzehe den entsprechenden Schifstand zeigt. Hallux valgus. Das lässt sich später, wenn die Jugend vorbei ist und man kaum noch laufen kann, nur durch eine Operation beheben, die aber auch nicht immer vollen Erfolg bringt. Man hat den Eindruck, mancher Modesport kann nur vor dem Hintergrund existieren, dass man heute nicht mehr als Krüppel nach Unfall oder nach der Zeit enden muss, sondern sich wieder zurecht flicken lassen kann.
Zuallererst Bouldern ist kein Modesport, sondern eine Ausprägung des Kletterns, die es schon sehr lange gibt. Hallu valgus mit Bouldern in Verbindung zu bringen ist sehr weit hergeholt. Wenn man sehr enge Schuhe hat, so wie sie beschreiben, dann läuft man mit denen nicht freiwillig länger rum als der Boulder dauert. Zwischen dem Bouldern entlastet man seinen Fuß und mach die Schuhe auf, je enger der Schuh desto schneller wird nach dem Boulder der Schuh gelockert. Da schreibt jemand der offensichtlich keine Ahnung davon hat, wenn Sie Arzt sein sollten, dann klettern Sie nicht und sollten sich mit Ärzten unterhalten die als Kletterärzte "gehandelt" werden.
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