Insel Brac: Wein, Stein und Gesang

Steine sind ihr Leben: Auf der kroatischen Insel Brac dreht sich alles um den Marmor-ähnlichen Kalkstein - der sogar bis ins Weiße Haus nach Washington gelangte. Daneben gibt es allerdings noch andere Attraktionen: wandernde Strände etwa oder die Männergesangsvereine.

Insel Brac: Sichelstrand und Steinskulpturen Fotos
Franz M. Rohm

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Wie Elfengesang klingt der A-Capella-Gesang aus Männerkehlen, der sich auf der Terrasse des Restaurants Kopacina mit dem Zirpen der Zikaden mischt. "Ist es nicht wundervoll?", fragt Wirt Ivo Jugovic voller Begeisterung. "Das ist unsere Klapa Morbin. Sie sind sogar schon in Verona aufgetreten."

Männergesangsvereine haben eine lange Tradition an der Küste Dalmatiens. Jeden Donnerstag probt das Dutzend Sänger unterhalb der Kirche von Donji Humac. So erhalten die Gäste des Restaurants mit Blick auf die hügelige, mit Macchia bewachsene Landschaft ein kostenloses Konzert. Bisweilen, nach einer Stärkung im Restaurant, singen sie noch einige Lieder zu später Stunde.

Nur wenige Touristen verirren sich nach Donji Humac im Inselinneren, die meisten bleiben im Hafenstädtchen Supetar im Norden. Dort legen die Fähren an, die während der Saison im Stundenrhythmus zwischen Split und Brac verkehren. Viele Feriengäste wohnen auch im Süden der etwa 400 Quadratkilometer großen Insel, rund um den Ort Bol. Der steht mit seinem wie ein spitzes Dreieck ins Meer ragenden Strand Goldenes Horn in allen Reiseführern.

Bei starkem Wind ändert die Spitze des Strandes ihre Richtung. Dann rauschen Kite- und Segelsurfer mit ihren schnellen Brettern über die azurblaue Adria. Zur Saison reiht sich an der Promenade von Bol eine Holzbude an die andere. Kitsch, Schmuck, Muscheln und Mode wird verkauft. In den proppevollen Lokalen isst man Pizza und Pasta.

Steine für das Weiße Haus

Donji Humac ist dazu das Kontrastprogramm. Mancher kommt hierher wegen der ursprünglichen Architektur der Häuser mit Steinschindeldächern. Die Einheimischen kommen wegen Ivos Restaurant. In der Küche hat seine Frau Jadranka Jugovic das Kommando, am überdachten Holzkohlegrill steht Sohn Ivo. Die Gäste schätzen Lammspezialitäten wie Koteletts oder Spieße.

Dazu gibt es Salat mit Gemüse aus dem eigenen Garten. Das milde Olivenöl gewinnt er aus den Oliven seiner 60 Bäume. Und die Nähe zur italienischen Küche beweist Jadranka mit einem Gericht ihrer Großmutter: Lammlebergulasch mit Gnocchi. Dazu trinkt man preiswerten Tischwein oder edle Kreszenzen des Winzers Senjkovic aus dem Nachbardorf.

Auf dessen Feldern wachsen wie überall auf Brac vor allem Steine. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Bauern unzählige davon aufgelesen, die sie zu Gomela genannten Steinhaufen auf den Feldern aufschichteten. "Die Steine sind unser Leben", erklärt Ivo. Die Mehrzahl der 200 Einwohner von Donji Humac lebt vom traditionellen Steinmetzhandwerk. Allein vier Steinbrüche sind in Sichtweite. Keine 200 Meter von Ivos Ferienwohnungen arbeiten Firmen, die mit riesigen Sägen aus dem Marmor-ähnlichen Kalkstein schneeweiße Platten sägen.

"Die Technik hat den Lärmpegel kolossal gesenkt", erklärt Drazen Jaksic, der Steine in alle Welt verkauft. Stolz erzählt er, sogar das Weiße Haus in Washington sei mit Kalkstein aus Brac gebaut. Mit dem Material arbeitet die ganze Familie.

Ehefrau Ida fertigt nicht nur touristische Mitbringsel wie Blumen aus Kalkstein, sondern auch Kleider für Künstlerinnen aus Steinplättchen und Draht. Sohn Lovre gehört zu den aufstrebenden Künstlern der Insel. Seine mit glatten und rauen Flächen sowie ovalen und elliptischen Formen spielenden Arbeiten erinnern entfernt an Hans Arp. Überall auf der Insel ist die Steinmetzkunst präsent.

Kaffeetrinken im Hafen von Supetar

So auch in der kleinen Stadt Pucišca, 25 Kilometer südlich von Supetar. 400 Jahre lang betrieben venezianische Händler von hier Geschäfte mit dem "weißen Stein von Brac". An diese Zeit erinnern restaurierte Renaissancebauten mit typischen venezianischen Löwenportalen, die zu beiden Seiten der engen Bucht Wache halten.

Nach dem Schwimmen in einer der vielen Buchten der 200 Kilometer langen Fels- und Steinküste sitzt man unter Tamarisken am Platz und sieht den Männern beim Kartenspiel zu. Dazu genießt man ausgezeichneten Kaffee und eine herrliche Aussicht auf das Festland, das sich in 20 Kilometer Entfernung von der Küstenlinie zu steilen Gebirgshängen auftürmt.

Nachmittags wimmelt der Hafen von Supetar von Touristen. Viele ruhen sich sich bei Eis und Kaffee von Schiffsausflügen aus, die sich nach Split mit dem Jahrtausende alten Palast des römischen Cesaren Diokletian oder zur mittelalterlichen Piratenstadt Omir geführt haben. Abends sind Hunderte Tische in den Lokalen am Wasser besetzt, und es herrscht eine angeregte Plauderstimmung.

Ganz anders im fünf Kilometer entfernten Donji Humac. Dort lauscht man auf der Terrasse des Kopacina höchstens Ivo, den Zikaden und donnerstags eben den Männern des Klapa-Gesangsvereins.

Franz Michael Rohm/SRT/abl

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