Brisighella in Emilia-Romagna Spröde Schwester der Toskana

Während die Toskana mit touristischer Perfektion glänzt, wirkt die benachbarte Emilia-Romagna rund um Brisighella noch unverfälscht und ein bisschen verschlafen. Ein Schweizer Zahnarzt hat den wildromantischen Flecken für sich entdeckt - und schulte auf Premium-Winzer um.

TMN

Marco Montanari war schon oft mit seinem Leichtflugzeug über Italien geflogen. Über von Zypressen gesäumte Hügel, Weingärten, mittelalterliche Städtchen und im Abendlicht glühende Sonnenblumenfelder. Ein Flug aber veranlasste den in der Toskana sesshaft gewordenen Aussteiger dazu, zum zweiten Mal die Koffer zu packen: 2002 drehte er eine Runde über dem östlichsten Zipfel der Toskana und flog direkt über eine verfallende Villa auf einem Kalksteinfelsen bei Brisighella. "Ich habe mich sofort verliebt", sagt der Schweizer.

Brisighella und sein wildromantisches Umland am östlichen Ausläufer des Apennin haben viel von der Toskana - nur eins noch nicht: die Kehrseite des Ruhms. Es gibt keine Touristenmassen und keine mittelmäßigen Restaurants mit schwindelerregenden Preisen.

In den vergangenen Jahrzehnten haben zig Millionen Nordeuropäer und Amerikaner ihre Italien-Sehnsucht in der Toskana gestillt und damit Stück für Stück ein verzerrtes Idealbild geschaffen. Der Westen des Apennin beeindruckt mit touristischer Perfektion. Die Emilia-Romagna-Seite rund um Brisighella dagegen ist unverfälscht, manchmal ein wenig spröde und ein bisschen verschlafen.

Eselsweg zu Kirchen und Kreidefelsen

In den großen Städten wie Modena oder Parma und am Meer tobt das Leben. In Brisighella aber spazieren selbst in der Hochsaison nur wenige Touristen durch das "Centro storico" mit seinem weltweit einzigartigen Bogengang, der die bunt getünchten Palazzi im ersten Stock miteinander verbindet. Einst als Verteidigungsgang angelegt, nutzten die Einwohner die "Antica Via degli Asini" später als Zugang zu ihren Ställen.

Über diesen "Eselsweg" gelangt man noch heute durch das steil ansteigende Gassengewirr hinauf zu drei imposanten Kreidefelsen, die das 8000-Seelen-Städtchen einrahmen. Auf dem ersten thront die Wallfahrtskirche Monticino aus dem 18. Jahrhundert, auf dem zweiten die 600 Jahre alte Festung Manfrediana e Veneziana und auf dem dritten ein etwas missratener Uhrenturm aus dem 19. Jahrhundert.

Auf der Dreifelsen-Wanderung mit Blick auf das grüne Lamonetal begegnet man nur selten ausländischen Touristen. Auch auf der romantischen Gartenterrasse des Restaurants "Infinito" hoch über der Altstadt zwischen Festung und Uhrenturm sitzen abends bei Kerzenlicht vor allem Italiener, die Brisighella wegen seines berühmten Olivenöls kennen.

Bestes Öl und Top-Weine

Die erste Olivenöl-Mühle bauten die Römer schon im zweiten Jahrhundert nach Christus: dorthin, wo heute die romanische Kirche Pieve del Tho' steht, die von riesigen Oleanderbüschen geschmückt ist. Nicht weit davon entfernt liegt die Genossenschaft an der alten Handelsstraße von Florenz Richtung Faenza, das wegen seiner Keramik weltbekannt wurde. Die besten Oliven werden von den Bauern der Genossenschaft handverlesen. Mit Hilfe einer besonders aromaschonenden Methode wird das pfeffrig-scharfe Gourmet-Öl "Brisighello" gewonnen.

Dass es neben den herausragenden Olivenölen in der Region mittlerweile auch grandiose Weine gibt, ist unermüdlichen Pionieren wie Marco Montanari zu verdanken. Er und eine Handvoll anderer Winzer setzen seit einigen Jahren auf Klasse statt Masse und produzieren auf besonderen Terroirs in etwas höheren Lagen Sangiovese-Weine. Sie können es mittlerweile locker mit ihren berühmten Brüdern in der Toskana aufnehmen, kosten aber - wie auch das Essen in den Trattorien "La Casetta" und "La Cavallina" in Brisghella - nicht einmal die Hälfte.

"Don" heißt Montanaris in Barrique-Fässern gereifter Wein. Marco produziert ihn zusammen mit Horst, dem Lebensgefährten seiner Schwester. Chemie kommt den beiden nicht auf die Reben. Das Unkraut bekämpfen sie lieber mit bloßen Händen. Der Zweitwein des Boutique-Weinguts mit gerade mal 12.500 Flaschen pro Jahr trägt den vielsagenden Namen "Rebello" - ein Wein, so mitreißend wie der 60-jährige Winzer selbst.

Ein bisschen wie nach Hause kommen

Der Zahnarzt aus Baden bei Zürich war immer schon umtriebig. Er half bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen in Krisengebieten, bereitete sich auf eine Weltumseglung vor und träumte vom Auswandern ins Chianti-Gebiet. Anders als viele Träumer ging Marco aber wirklich, kaufte einen verfallenen Weiler bei Radda und baute ihn in jahrelanger Arbeit wieder auf. Nebenher begann er Wein zu machen, holte sich einen Top-Önologen und brachte es mit seinem "Chianti Classico Livernano" 1999 zur höchsten Auszeichnung "Tre Bichieri" (Drei Gläser) in der italienischen Weinbibel "Gambero Rosso".

Mit der Zeit wurde ihm die Toskana der High Society immer fremder. Als er zufällig über die Villa Liverzano flog, verkaufte er seine Anteile an dem Landgut in der Toskana, ging nach Brisighella und begann, das herrschaftliche Haus aus der Spät-Renaissance mit seinen Fresken und der eigenen Kapelle zu restaurieren. "Es war auch ein bisschen wie nach Hause kommen", erzählt Marco, dessen Großvater aus der Emilia-Romagna stammte. Heute lebt er mit seiner Lebensgefährtin Renata, seiner Schwester Eliane und Horst in der Villa Liverzano fast so wie seine Vorfahren.

"Abends sitzen wir oft an einer großen Tafel mit unseren Gästen zusammen", erzählt Marco. Seine Schwester Eliana kocht dann Spezialitäten der Region, während Marco und Horst von ihrer Leidenschaft für den Wein erzählen. Auch wenn die Zimmer edel sind, getafelt wird so ungezwungen wie im Agriturismo. Am liebsten sitzen alle draußen auf der Terrasse, vor der frühmorgens Hasen und Rehe umherflitzen und abends die Grillen zirpen. Das ist "molto italiano" - und mindestens so schön wie in der Toskana.

Bernhard Krieger, dpa



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