Buiräbähnli in der Schweiz "Die Bahn ist unser Treppenhaus"

Ob Klopapier, Kinder oder Kühe - Buiräbähnli transportieren einfach alles hoch zu den Schweizer Bergbauernhöfen. Auch Wanderer können die spektakulären Fahrten genießen.

Engelberg-Titlis Tourismus

Wer Ueli Schmitter treffen will, muss in eine kleine, blaue Gondel steigen, die am Ortsrand von Wolfenschießen in einem offenen Haus am Stahlseil hängt. Muss auf dem Schaltbrett in der Kabine den grünen Knopf drücken, auf dem "Auf" steht. Muss die Tür schließen, so fest, dass sie einrastet, sich auf das schmale Bänkchen setzen und ein paar Sekunden warten.

Der Besucher darf nicht erschrecken, wenn sich die Gondel langsam in Bewegung setzt. Wenn sie über den dunkelgrünen Bäumen Fahrt aufnimmt und dann an Felsen entlang fast senkrecht in die Höhe fährt. Und dabei immer leicht hin- und herschaukelt.

Ueli Schmitter, 52, wohnt mit seiner Familie auf dem Berghof Brändlen, einem Bergbauernhof in 1200 Meter Höhe. Von dort oben hat man einen atemberaubenden Blick über das Engelberger Tal bis rüber zum Vierwaldstätter See. Die Schmitters haben keine lärmenden Nachbarn und keine Parkplatzprobleme. Es gibt nicht mal eine Straße, die hier hoch führt.

Jeder, der Ueli oder seine Frau Isabell, den Großvater, die fünf Kinder, die 80 Kühe, die fünf Gänse, vier Katzen oder zwei Pfauen besuchen will, muss die Gondel nehmen. Bei Wind und Wetter. "Die Bahn ist unser Treppenhaus", sagt Schmitter. Und wenn es nach ihm geht, wird es das auch in der Zukunft so bleiben. "Unser Buiräbähnli ist verlässlicher als jede Straße. Das fährt auch im Winter, bei Schnee und Eis."

Wander-Safari mit fünf Gondelfahrten

Buiräbähnli, also Bauernbähnchen, sind altmodische Beförderungsmittel mit vier Sitzplätzen, einem Knopf zum An- und Ausschalten oder einem Telefon, mit dem man seine Fahrt an der Bergstation anmelden muss, damit sich die Gondel überhaupt in Bewegung setzt. Mit den Buiräbähnli transportieren Schweizer Bergbauern schon seit mehr als hundert Jahren Menschen, Tiere und Material vom Tal auf den Berg und wieder zurück. Insgesamt existieren in der Schweiz noch etwa 120 solcher Bahnen.

Das Buiräbähnli rauf zum Berghof Brändlen können auch Wanderer und Gleitschirmflieger nutzen. Sechs Franken kostet die einfache Fahrt, für Schweizer Verhältnisse ein Schnäppchen. Manche bleiben gleich die Nacht dort oben. Am nächsten Morgen tischt Isabella Schmitter ein Frühstück mit hausgemachtem Brot, frischer Milch, selbst gekochter Marmelade und Bergkäse auf. Und während man dazu einen heißen Kaffee trinkt, kann man sich schon auf die nächste Fahrt mit einem Buiräbähnli freuen.

Denn seit diesem Sommer existiert die "Buiräbähnli-Safari", eine 44 Kilometer lange Wandertour, die in drei Etappen durch die Engelberger Alpen führt. Start und Ziel ist Engelberg am Fuße des Titlis. Dazwischen liegen mehr als 5500 Höhenmeter, zwei Übernachtungen in Bergbauernhöfen und fünf ziemlich spektakuläre Fahrten mit den Bauernbähnchen.

Manchen der Buiräbähnli sieht man die jahrelange Arbeit am Berg auch an: Sonne und Schnee haben ihre Spuren am Lack hinterlassen, das Holz der Sitze ist von den vielen Fahrten glatt geschubbert. Aber Ueli Schmitter lässt auf seine zwei Gondelkabinen nichts kommen. "Ich kümmere mich darum genauso gut wie um meine Kühe. Es ist ja auch unsere Lebensader." Zwei Tage im Monat arbeitet er an der Bahn, ölt Zugseile und Tragseil, bessert kleine Schäden im Lack aus. Die Kabinen hat er so gestrichen, dass man sie von Weitem erkennt: "Grün wie das Gras, blau wie der Enzian. Das sind meine Lieblingsfarben. Ich mag es gerne bunt, so ist ja auch das Leben."

Mit der Gondel zum Schlachter

Das Leben hat Ueli Schmitter fest mit den Bergen zusammengeschweißt: Er ist auf Brändlen geboren, aufgewachsen, hat seine Frau getroffen, geheiratet, fünf Kinder in die Welt gesetzt und wenn alles gut geht, wird er auch irgendwann hier sterben. Bis dahin kümmert er sich um den Hof und die Chrüezhütte, einen kleinen Beisl auf der Bannalp, wo man die vielleicht beste Blaubeerwähe der Zentralschweiz bekommt. Seine Frau backt sie nach einem alten Hausrezept mit frischen Beeren vom Berg.

Ein paar Meter oberhalb der Hütte grasen 80 pechschwarze Kühe. Die Schmitters züchten Dexter-Rinder. Die Rasse ist klein und wendig, die Tiere bewegen sich auf den steilen Bergwiesen wie junge Geißböcke. Denn sie wiegen im Durchschnitt nur 500 Kilo statt der 700 oder 800, die eine Flachlandkuh üblicherweise auf die Waage bringt. Aber was noch viel wichtiger ist: Sie passen in die Gondeln. "Schweizer Braunvieh wäre zu groß und zu schwer fürs Buiräbähnli", sagt Schmitter. Denn irgendwann müssen die Kühe ja ins Tal. Zum Züchter. Oder zum Schlachter. Und auch dann führt der Weg nur über die Bahn.

Wenn der Tag kommt, begleitet Schmitter sie auf ihrer letzten Reise. Er hängt dann einen Transportkorb unten an die Bahn, führt das Tier hinein und steigt selbst dazu. "Wenn die Tiere allein fahren, kriegen sie Angst", sagt Schmitter. "Und das will ich vermeiden." Erstens schmeckt das Fleisch dann nicht mehr so gut. Und zweitens liegt ihm das Wohl der Tiere sehr am Herzen. Ihm tut es jedes Mal weh, wenn er eins wegbringen muss. "Aber so ist das halt. Wir müssen ja auch von irgendetwas leben."

Nur Wind kann gefährlich werden

Auch seine Kinder hat Schmitter schon ganz früh ins Buiräbähnli gesetzt. "Wir sind jeden Morgen damit zur Schule gefahren", erzählt seine Tochter Linda, 22. "Egal wie sehr es geschneit oder geregnet hat." Nur bei starkem Wind durften die Schmitter-Kinder auf dem Hof in der warmen Stube bleiben. "Dann hat der Vater in der Schule angerufen und gesagt: Heute kommen sie nicht. Heute fährt das Bähnli nicht", sagt Linda. Für sie war es ein Festtag. "Selbst die Lehrer hatten dafür Verständnis."

Jeder im Tal kennt die Brändles und ihre Gondel. Schon Ueli Schmitter ist als Kind damit zur Schule gefahren. Allerdings musste er damals an der Bergstation Wasser in einen Tank füllen, damit die untere Gondel durch das Gegengewicht nach oben gezogen wird. "Aber wenn wir mal Fahrt aufgenommen hatten, wurde es sehr rasant." Mit 17 Metern pro Sekunde ist Ueli Schmitter dann ins Tal gerast. "Und nie ist was passiert."

Wind ist das Einzige, was die Bahn aus dem Konzept bringen kann. Einmal musste Ueli Schmitter mit der ganzen Familie in der Gondel übernachten - zwei Erwachsene und vier Kinder, das fünfte noch im Bauch seiner Frau. Es war ein eiskalter Winterabend, der Wind hatte schon den ganzen Tag um den Hof gepfiffen. Als die Gondel etwa auf halber Strecke war, packte ein Windstoß die Kabine. Und dann stand die Gondel still. "Der automatische Nothalt hatte die Weiterfahrt verhindert. Das Bähnli war keinen Meter mehr zu bewegen", sagt Schmitter und lacht. Also musste die Familie die Nacht in der Gondel verbringen. "Wir haben erzählt und gesungen. Angst hatten wir keine. Ich wusste ja, dass nichts passieren kann."

Vor ein paar Jahren gab es eine Volksabstimmung in der Schweiz, ob sie die alten Bahnen landesweit abgeschafft und durch Straßen ersetzt werden sollen. "Die Mehrheit hat mit Nein gestimmt", sagt Schmitter. Seine ganze Familie hat sich über das Ergebnis gefreut. "Straßen bringen nur Stress", sagt er. Dann entschuldigt er sich. Er muss sich jetzt um den Hof kümmern. Er will noch mal kurz nach den Kühen schauen. Und vielleicht auch noch mal nach der Bahn.



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
vlado13 05.10.2016
1. Schön!
In Südtirol sieht man auch viele solcher Bahnen, aber dort versorgen sie in der Regel nicht die Höfe, sondern die Almen. Viele davon sind aber nur für Lastentransport, nicht für Personen.
brotherandrew 05.10.2016
2. Genial, ...
... aber halt auch nur in dieser einzigartigen Topographie so Einzigartig möglich. Denn eine Strasse könnte bei diesen Anstiegswinkeln entweder gar nicht oder nur mit enormem finanziellen Aufwand erbaut werden. Sobald die Anstiege flacher werden, kommen auch die ersten Wirtschaftswege.
tempus fugit 05.10.2016
3. Vor etlichen...
...Jahren war ich mit einem Freund im Schächental in der Nähe von Altdorf/CH. Auf einmal standen wir da an einer 'Seilbahn' die wirklich den Namen verdiente... Ein Gerüst (wie wenn man zwei zugewandte Parkbänke miteinander verbindet) - freie Sicht nach unten - rundum vielleicht so 30-40 cm 'Einzäunung'... Ganz steil von unten ab nach oben, keine Pfeiler! Na ja, ich hab's gewagt, bin eingestiegen und hoch gings - und oben knallhart und kurz über die Felskante und ich war da... (Erinnerlich wurde das Ding miteinem VW-Boxermotor betrieben..) Viel war nicht los ausser einer tollen Aussicht - mein Freund war unten, ich oben. Mir ging da ein bisschen die Muffe und fragte, wie lange man läuft um wieder unten zu sein?: "so 2 Stunden..." Also hab ich mich wieder in die Parkbankgondel gesetzt - besser gelegt... - Augen zu und raus wieder über die scharfe Kante und abwärts. Viel fehlte nicht mehr um eine frische Hose anziehen zu müssen! Dagegen ist die vorgestellte Gondel ja geradezu was technisch vollkommenes...
dont_think 05.10.2016
4.
Zitat von vlado13In Südtirol sieht man auch viele solcher Bahnen, aber dort versorgen sie in der Regel nicht die Höfe, sondern die Almen. Viele davon sind aber nur für Lastentransport, nicht für Personen.
Das kenne ich anders: gerade im Vinschgau (Martelltal, Schnalstal) versorgen die Bahnen vor Allem die Höfe. Und zum Lastentransport: sicherlich wird hauptsächlich Milch transportiert, aber im Volksmund ist der Begriff "Nonnalift" (= Oma-Lift) erhalten geblieben. Die Großmutter, die nicht mehr so gut zu Fuß war, benutzte Sonntags den Lift, um zur Kirche zu kommen.
Maihöfli 05.10.2016
5. in der CH gibt es
kein "ß", bitten Wolfenschiessen. Merci vielmol.
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