Bulli-Tour zum Atlantik Hier Küste, uns das Glück

Mit dem VW-Bus zur französischen Atlantikküste - was für ein Traum! Und dann junge Franzosen kennenlernen, die Austern, Cognac und Fleur de Sel herstellen. Drei Begegnungen.

Leon Ginzel

Von Leon Ginzel


Schiebetür auf, Schlafsack rein und mit 80 bis 100 km/h ab ins Abenteuer. Mal hier halten, mal dort. Am See stehen oder direkt am Strand. Beim ersten Sonnenstrahl die Tür aufmachen, Gaskocher anzünden, Kaffee aufbrühen - runterkommen.

Seit einem guten Jahr versuchen wir, das zu leben - zumindest im Urlaub. So wie auf diesem Roadtrip entlang der französischen Atlantikküste. Unser "Fluchtfahrzeug": ein Volkswagen T3, Baujahr 1987. Froschgrün mit Hochdach, Spitzname "Kermit". Innen gemütlich ausgebaut. Motor und Getriebe? Kleine Diven.

Über den Ruhrpott und Paris dauert es von Berlin aus gut drei Tage, bis zum ersten Mal die salzige Atlantikluft durch das Bulli-Fenster weht. Als dann auf den engen Küstenstraßen der Dieselmotor knattert, ist es da: dieses warme Bauchgefühl von Freiheit, das viele Mühen vergessen lässt - und das auch junge Franzosen wie Damien Bussac antreibt.

Damien Bussac: Fleur de Sel aus alter Saline

Damien Bussac
Damien Bussac

Damien Bussac

Bussac treffen wir in Sauzelle auf der Île d'Oléron, Frankreichs größter Insel im Atlantik und bekannt für Austern und feines Salz. Mit gleichmäßigen Bewegungen zieht er den Holzschieber über den Lehmboden seiner Saline. Der Wind zerrt an seinem dunkelblauen T-Shirt. Hinter ihm fliegt ein Graureiher über die Felder.

Mit 14 Jahren zog Bussac mit seiner Familie aus dem Burgund nach Oléron. Statt nach der Schule wegzugehen, blieb er und arbeitete als Koch. Vor vier Jahren war ihm das nicht mehr genug: "In dem Sommer habe ich das Salz entdeckt. Eine Offenbarung", sagt er.

Er lernt Jean-Francois Coulon kennen, den Besitzer einer brach liegenden Saline auf der Insel. Der Pilot aus Paris beschließt, dem jungen Mann seine Saline anzuvertrauen. "Drei harte Jahre hat es mich gekostet, den Boden zu rekultivieren, die Kanäle und Becken zum Laufen zu bringen. Das war echt viel Arbeit, aber ich habe es geschafft!", erzählt der 34-Jährige, während er den flüssigen, braunen Lehm zu einem kleinen Damm formt.

Nur acht Sauniers wie Bussac arbeiten noch auf Oléron, früher waren es deutlich mehr. Auf der Île de Ré sind es laut Damien rund 100. Aber seit ein paar Jahren gibt es eine Renaissance. Der Markt für hochwertiges "Fleur de Sel" läuft- und es gibt eine neu entdeckte Naturverbundenheit, auch bei jungen Menschen.

"Von April bis September bin ich jeden Tag hier, wenn das Wetter mitspielt. Alleine. Aber genau das mag ich", sagt Bussac. "Diese Freiheit, die fantastische Landschaft, das Arbeiten in der Natur." Auch wenn er kaum freie Zeit hat und der Verdienst besser sein könnte.

Line Sauvant: Cognac herstellen? Wunderbare Sache

Line Sauvant
Line Sauvant

Line Sauvant

Wir lassen das Naturparadies und die bunten Hütten im Künstlerdorf Château-d'Oléron hinter uns und fahren weg von der Küste ins Landesinnere. Die Landschaft verändert sich: Weinstöcke lösen Dünen und Marschwiesen ab, es wird hügeliger. An alten Scheunen hängen Schilder mit aufgemalten Weintrauben und der Aufschrift "Degustation" - wir sind in der Cognac-Region.

Die namensgebende Stadt wird dominiert von den großen Herstellern Hennessy und Remy Martin. Auf dem Land findet man aber noch die kleinen, charmanten Produzenten. Wie Line Sauvant in Segonzac. Sie empfängt uns an einem Torbogen aus dunklem Stein mit einer schweren Holztür.

Ein paar Schritte weiter, vorbei am korkig-süßen Geruch eines Kellers, steht man mitten im Herzstück der Cognac-Brennerei Guillon-Painturaud. Ein riesiger, bronzefarbener Tank, Rohre, überall kleine Gläser und Flaschen - was aussieht wie ein Labor, ist der Raum, in dem gebrannt wird.

"Hier in der Destillerie kommt der Wein an und wird erhitzt. Mehrere Male, in unterschiedlichen Gefäßen. Bis wir das beste Produkt extrahiert haben. Danach lagert und reift der Cognac in Holzfässern - Minimum zehn Jahre", erklärt Sauvant.

Nach der Schule war sie ins größere Limoges gezogen. Sie studierte Wirtschaft, hängte dann noch ein Jahr Weinanbau dran und entschied sich für den Familienbetrieb. Mit 22 kehrte sie zurück, wurde vom Vater weitere zehn Jahre in alle Geheimnisse eingeweiht und übernahm 2004 das kleine Cognac-Gut.

Wenn man Sauvant fragt, was sie an ihrem Job fasziniert, klopft sie auf die schweren Holzfässer im historischen Lager: "Guck dir das hier an", sagt sie, "Cognac herzustellen, mit Naturprodukten zu arbeiten, ist eine so wunderbare Sache. Die Rezepte weiterleben zu lassen. Der älteste Tropfen ist von 1965!"

Hatte sie Probleme als junge Frau in der männerdominierten Wein-Welt Fuß zu fassen? "Nie! Vielleicht auch, weil mein Vater zehn Jahre an meiner Seite war. Außerdem hatte ich nie wirklich Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Zu viel Arbeit!"

Und wie sieht's bei ihr aus mit Freiheit, Glück? Ihr Tag sei immer voll, sagt Sauvant draußen inmitten der Weinreben. Der Stress sei vergleichbar mit dem Leben in der Stadt. "Trotzdem bevorzuge ich ganz klar das Land!" Die vielen Menschen, die hektische Großstadt - für Line Sauvant nicht mehr vorstellbar.

Benjamin Livert: Ebbe, Flut und viele Austern

Benjamin Livert
Aurelie Gallet/ Benjamin Livert

Benjamin Livert

Nach dem Abstieg in schummrige Keller setzen wir uns wieder in den Bulli und tauchen nun in den Wald des Départements Landes ab. Pinien, wohin man blickt. Napoleon ließ das riesige Gebiet zwischen Bordeaux und dem Atlantik einst aufforsten, weil auf dem sandigen Boden sonst nichts wuchs. Und damit die Düne am Atlantik sich nicht noch weiter ins Landesinnere frisst. Denn hinter dem dichten Pinienband zeigt sich das zweite Gesicht von Landes: kilometerlange Strände, die als beste Surfspots weltweit gelten.

Camping-Highlight der Tour ist der herrliche Platz direkt am Fuße der Dune du Pilat - Europas größter Wanderdüne. Abends segeln hier die Paraglider in den Sonnenuntergang, morgens lohnt ein Marsch die Düne hoch mit Gaskocher, Kaffeepulver und Baguette für ein traumhaftes Outdoor-Frühstück in der aufgehenden Sonne. Glücks- und Freiheitslevel: 10 von 10!

Ebbe und Flut bestimmen das Leben der Menschen an der Küste. Eigentlich jeder hat einen kleinen Gezeitenkalender in der Tasche. Benjamin Livert sowieso. Der 28-Jährige arbeitet als Austernfischer in der Bucht von Arcachon.

Früher hat er Studentenpartys in Angoulême organisiert, dann im Sommer für ein Restaurant im Kurort Arcachon gejobbt. "Mein damaliger Chef hatte eine Austernfarm, und das hat mir irgendwie gefallen", sagt Livert. Sechs Jahre arbeitet er halb im Restaurant, halb draußen im Wasser mit den Austern. "Vor ein paar Monaten kam dann das Angebot, die Farm zu übernehmen. Da hab ich zugeschlagen."

Die Austernzucht ist vor allem eine Geduldsprobe. Vier Jahre und länger dauert es, bis die Delikatesse fertig ist zum Essen. Gefangen werden die Larven zum Beispiel mit Dachziegeln, an denen sie sich festsetzen. Sind die Muscheln dann groß genug, ziehen sie um auf die Austernbänke. Dort werden sie in Säcken an Metallstelzen über dem Meeresboden aufgehängt. Im letzten Jahr werden die Austern dann in den Holzhütten, den Cabanes à Huîtres, nach Qualität und Größe sortiert und schließlich verkauft.

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Bulli-Tour an der Atlantikküste: Cognac, Austern, Fleur de Sel

Livert ist einer der Jüngsten hier, der nicht aus einer Familientradition heraus den Job ergriffen hat. "Bei den alten Hasen bin ich trotzdem akzeptiert. Die finden das gut, dass wieder junge Leute draußen auf dem Wasser zu sehen sind." 12 bis 15 Tonnen Austern produziert er pro Jahr in seiner Cabane, verhältnismäßig wenig. Bei den großen Produzenten sind es 500 Tonnen oder mehr. Dazu kommt ein kleiner Laden mit Degustation, wo Livert die Austern direkt zum Verzehr anbietet. Sonst verkauft er auf den Märkten der Region.

Macht ihn sein Job glücklich? "Je ne regrette rien!", sagt er stolz. Klar, war der Einstieg mühsam. Täglich steht er gute zehn Stunden entweder knietief im Wasser - bei Ebbe - oder auf dem Festland, um die empfindlichen Muscheln umzuschichten. Aber die Arbeit an der frischen Luft, die Freiheit - das hat alles wettgemacht. Für ein Dutzend Austern zahlt man hier nicht mehr als sieben Euro. Als Beispiel: In der Berliner Markthalle Neun gehen Austern für zwei Euro über den Tisch - pro Stück.

Als wir nach unserem Frankreich-Trip in die Berliner Altbaustraße einbiegen und fluchen, dass es mal wieder keinen Parkplatz gibt, hat der Alltag uns schnell wieder im Griff. Was uns bleibt, ist ein Traum. Der Traum, so mutig zu sein wie Damien Bussac, Line Sauvant oder Benjamin Livert. Raus aus der Stadt, rein ins Abenteuer! Bis dahin heißt es: rumpelige Bulli-Tür auf, Schlafsack rein - und los.

Per Bulli an der Atlantikküste
Camper mieten
Wer keinen eigenen Camper hat, kann online bei privaten Campersharing-Plattformen wie PaulCamper oder professionellen wie McRent oder Ahoi Bullis ein passendes Modell mieten.
Salz, Austern, Cognac

Salz: Die Saline "Les Salines de l'Ebe au pin" von Damien Bussac befindet sich in Sauzelle, sein Salz verkauft er in den kleinen Läden der Insel (Sauzelle, 17190 St Georges d'Oléron); Telefon: +33 6 28358364; E-Mail: salines.ebeaupin@orange.fr

Cognac: Das Weingut von Line Sauvant liegt in Segonzac (Biard, 7 Rue du coteau , 16130 Segonzac). Auf dem Hof gibt es auch einen kleinen Laden, wo man den Cognac und den Pineau direkt kaufen kann. Führungen vorher reservieren: +33 054 5834195, E-Mail: info@guillon-painturaud.com

Austern: Die Cabane von Benjamin Livert findet man in Andernos-les-Bains (Chai BinBin!/Cabane 41); Kontakt: +33 6 77190727

Campingplätze

Die App "park4night" listet dank großer Community viele versteckte Parkplätze, aber auch Campingplätze auf; der Klassiker: die "ADAC Camping- und Stellplatzführer App".

Île d'Oleron: Camping "Les Lauriers" - netter, kleiner Platz im Norden der Insel, nur fünf Minuten zu Fuß vom Strand und zehn zu einem Bauernmarkt mit regionalen Spezialitäten. Adresse: 2 Impasse Passeroses, 17650 Saint-Denis d'Oléron 2 Impasse Passeroses, 17650 Saint-Denis d'Oléron; Telefon: +33 5 46479153

Cognac-Region/Bordeaux: Camping "Village du Lac" - größerer und auch einziger Platz in der Nähe von Bordeaux, mit dem Bus und der Tram in 25 bis 30 Minuten in der Stadt. Adresse: Boulevard Jacques Chaban-Delmas, 33520 Bruges; Telefon: +33 5 5787060

Arcachon: "Yelloh village Camping Panorama du Pyla" - großer Platz, der aber wunderschön direkt am südlichen Ende der Wanderdüne liegt; tolle Stellplätze mit Blick aufs Meer und die abendlichen Paragliding-Akrobaten; gutes Restaurant, familiengeeignet. Adresse: Avenue de Biscarrosse, 33115 La Teste-de-Buch; Telefon: +33 4 66739739

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insgesamt 18 Beiträge
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tomaraya 25.08.2018
1. Schöner Artikel!
Meine Frau ist Französin und kommt gebürtig aus Nantes. Ihre Eltern haben ein Ferienhaus an der Atlantikküste, in der Nähe von Guerande, Fleur de sel Hochburg. Durch sie habe ich all das kennengelernt: Austern, Fleur de sel, Apèro, das Leben an der Küste. Wir leben zwar in Hamburg, sind aber bei jeder Gelegenheit dort, und sei es nur ein verlängertes Wochenende. Danach hat man wieder Energie um den Alltag eine zeit lang durchzustehen. Und dann hilft der Gedanke bald wieder dort zu sein...;)
alwalis 25.08.2018
2. Gefangen
Seit rund 30 Jahren fahren wir mehr oder weniger regelmäßig an die französische Atlantikküste, die ich nun natürlich von der spanischen Grenze bis hoch zum äußersten Zipfel der Bretagne recht gut kenne. Erstaunlicherweise hat sich in der Zeit nicht allzu viel verändert, zumindest im Vergleich zu den Gebieten am Mittelmehr. Dramatisch war der heftige Sturm vor vielen Jahren, denen riesige Mengen an Pinien zum Opfer fielen. Ich weiß natürlich, wovon in dem Artikel die rede ist, aber es gibt viel mehr zu entdecken. Und irgendwie kommen wir von der Atlantikküste nicht mehr los. Wenn ich den Artikel lese, könnte ich sofort losfahren. Habe den Geruch schon in der Nase...
equigen 25.08.2018
3. Ein Traum die Gegend
Vor allem ausserhalb der franz. Ferienzeit (Anfang Juli bis Ende August) endlose, menschen leere Strände. Arcachon und die Dune de Pilat muss man erlebt und gesehen haben, sonst glaubt man es nicht, dass es sowas in Europa geben kann.
three-horses 26.08.2018
4. Ein Geheimtip.
Zitat von alwalisSeit rund 30 Jahren fahren wir mehr oder weniger regelmäßig an die französische Atlantikküste, die ich nun natürlich von der spanischen Grenze bis hoch zum äußersten Zipfel der Bretagne recht gut kenne. Erstaunlicherweise hat sich in der Zeit nicht allzu viel verändert, zumindest im Vergleich zu den Gebieten am Mittelmehr. Dramatisch war der heftige Sturm vor vielen Jahren, denen riesige Mengen an Pinien zum Opfer fielen. Ich weiß natürlich, wovon in dem Artikel die rede ist, aber es gibt viel mehr zu entdecken. Und irgendwie kommen wir von der Atlantikküste nicht mehr los. Wenn ich den Artikel lese, könnte ich sofort losfahren. Habe den Geruch schon in der Nase...
Gesalzen wie die Blumen des Meeres sind auch die Preise hier. Haepchen kann man auch aus der Muelltone hollen. Immer Donerstag. Auster gibt es hier in Super U. Nach eine Stunde Sonne habe ich die auch in der Nase. Und Cognac holle ich Original aus den Katakomben der Maginot Linie um die Ecke. Der mit dem Seiffen Geschmack. Ein Geheimtip. Und wenn Atlantik dann Spanien oder Portugal. Ein aeltere Ehepaar aus Bretagne will nicht mehr zurueck. Und so toll ist die Gegend hier auch nicht. Auch Paris hat ein Geruch. Nun bauen die diese komische Urinals auf. Und eine frenchi3 berichtete wie sie im Hauseingang von Paris pinkelte. Und am Atlantik macht die das wahrscheinlich auch. Ist nicht mehr weit von Paris. Aber da weht es der Wind weg. Der Gestank. Und auf dem Rueckweg bringt der Wind das Geruch der verfaulte Austern zurueck. Meckern kann man immer.
stoffi 26.08.2018
5. Wehmut
überkommt mich, denn es kommen mir wunderschöne Wochen in den Sinn. Bis vor 30 Jahren fuhren wir mit Bulli und unseren drei Kindern jedes Jahr die kompletten Sommerferien über dies Tour. Wir nächtigten auf den Zeltplätzen der Orte und fühlten uns überall zu Hause. Unser ältester Sohn fährt nun auch ab uns an mit dem Pkw dort an die Atlantikküste und erzählt uns jedes mal, was ihm alles in Erinnerung kam. Die französische Atlantikküste ist in unserer Erinnerung der Rosengarten im Winter.
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